Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (27.8.1903)
- Article
- Dienstag-Nachmittagssitzung
- Date
- 1903-08-27
- Page
- 6 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 6 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 4 wird auf einem nächsten Kongress oder auf einem kleinen Kongress einen sachgemässen Bericht erstatten, und Sie selbst werden nichts verloren haben, als eine unüberlegte Handlung, wenn Sie heute plötzlich und ohne Prüfung ein Anerbieten ablehnen, das man Ihnen grossmütig gemacht hat und das vielleicht doch die Keime in sich schliesst, aus denen Gutes für das jüdische Volk erwachsen kann. (Beifall). Prof. Belkowski erinnert an den ersten Kongress und fragt, was sich denn seit dieser Zeit ereignet hat, um eine Aenderung des Standpunktes zu rechtfertigen. Wir hörten von den resultatlosen Verhandlungen mit der Türkei. Ist die Behauptung berechtigt, dass dieses Faktum die Hoffnung und Aussicht auf ein schliessliches Abkommen mit der Türkei ausschliesst? Er glaube das nicht. Denn die Lösung dieser Frage sei nicht von einzelnen Staaten, sondern von unserem Volke abhängig. Das sei nicht Gefühlssache, sondern die Aeusserung einer historischen Notwendigkeit, die in der nationalen Lösung ihr Ende finden müsse. Dies zu verkünden, sei kein Platz besser als diese Tribüne. Das hochherzige Anerbieten Englands sei nicht zu unterschätzen, aher man dürfe nicht zum Nachteil des historischen Momentes die Zeit über diesem Projekte verlieren. Schon das Anerbieten selbst beweise, dass alle Mächte an der Frage Interesse nehmen, und wenn dieses Anerbieten, das unsere nationalen Sympathien nicht hat, abgelehnt werde, so wird uns England andere Mittel zur nationalen Lösung der Frage gewiss nicht versagen! Er plädiere für die Konzentrierung aller Kräfte auf das ursprüngliche Programm! Dr. Katzenellen söhn. Wir haben von unserem verehrten Vorsitzenden vieles zu lernen. Ich nehme ein Wort aus seiner Rede heraus, wo er sagte : dass er nicht nur als Parteimann, sondern auch als Jude dort war. Meine Herren, so müssen wir in dieser Frage nicht nur als Parteimänner, sondern auch als Juden urteilen. Es ist hier davon gesprochen worden, -eine Korn mission einzusetzen und diese Frage zu behandeln, ohne die Schekelzahler vorher gefragt zu haben. Die Delegierten sollen erst hingehen und die Meinung der Schekelzahler erforschen und inzwischen die Frage ernsthaft untersuchen und prüfen. Wenn ich etwas Neues zur Frage sagen kann, ist es, weil ich in einer Stadt wohne, wo der Hauptpunkt der Emigration liegt, in Libau. Ich will nicht hier im Kongresse eine traurige Stimmung hervorrufen, und die Lage dieser unglücklichen Emigranten schildern. Das wäre zu traurig. Ich will nur ganz kurz einige Sachen hervorheben. Von Zeit zu Zeit liest man in der Libauer Zeitung, dass der Dampfer so und so mit 200 Juden und 300 Pferden nach Amerika abgegangen sei. Ich muss diese traurige Tatsache hervorheben, damit man daraus ersehe, wie die Leute behandelt werden. Vor drei Jahreu sind in Libau bei einem solchen Transporte sechs Personen erstickt. Das ist die Lage dieser Leute, die nach einem Nachtasyl suchen! Sie gehen planlos umher. Ein Teil davon kommt überhaupt nicht nach dem Ziele, denn er wird zurückgeschickt und von dem Teil, der dorthin kommt hat man gesagt, dass manche Juden ihn willkommen heissen, manche Juden auch nicht. Nun, Sie werden wahrscheinlich fragen, wie gross ist die Zahl der Leute, die sich nach einem Nachtasyl umsieht. Ich habe genaue Daten gesammelt. Sie war z i r k a 40,000 vor zwei Jahren und über 1 oo;ooo in der ersten Hälfte dieses Jahres. Die Zahl der Leute, die sich nach einem Asyl umsehen, wächst mit jedem Tag. Im Jahre 1899 sind durch Libau passiert 2000 Juden, im Jahre 1903 in der ersten Hälfte bereits 5767. Nun, wenn wir bereits 100,000 Leute haben, die hinausgehen und nicht wissen, wohin, wenn wir diese Zahl sehen, müssen wir uns fragen, was soll aus diesen Leuten werden? Die grösste Frage des jüdischen Volkes ist ausgedrückt in wenigen Worten: Es ist ein Volk, zerstreut und zersplittert unter den verschiedensten Völkern. Sollen wir an diosem Werke der Zerstreuung weiterarbeiten? Sollen wir es zulassen, wenn auf der andern Seite die Möglichkeit vorliegt, eine bessere Existenz, eine Heimat zu schaffen? Sollen wir diese Frage einfach weglegen, ohne sie zu prüfen? Was würde man nach 30 bis 40 Jahren von uns sagen, wenn es hiesse, dass der Kongress das Angebot einer Regierung, die uns ein Land anbieten wollte, nicht prüfen wollte? Das können wir nicht verantworten. Nun befürchten sie, dass das der zionistischen Bewegung schaden wird. Da möchte ich Sie beruhigen, das wird uns sogar sehr nützen. Ich kann ihnen nur aus vollem Herzen zurufen, bei der Abstimmung dieser hunderttausend Menschen zu gedenken, die jetzt plan- und ziellos in die Welt hinausgehen. Schafft diesen, wenn nicht eine Heimat, so doch eine Stelle, wo sie miteinander leben können und vor allem überleget und prüfet nochmals. Die Delegierten müssen sich zuerst ans Volk wenden und der nächste Kongress soll die Antwort geben. Jedenfalls mögen Beschlüsse gefasst werden zum Heile des Judentums und zum Heile Zions! Dr. Tschlenow. Ich muss sagen, dass in meiner Seele sich ein sehr ernstes Drama abspielt. Ich fühle, dass etwas im tiefsten meines Herzens ist, was heilig, unantastbar scheint, das in diesem Kongress angetastet und verletzt wird. Ist denn wirklich eine Gefahr für das da, was wir für heilig halten? Hören wir was unsere geliebten Führer gesagt haben. Denken sie denn einen Augenblick Zion zu vergessen oder wollen sie uns etwas geben an Stelle Zions? Nein, sie behaupten, unsere Bestrebungen und unsere Arbeiten für Zion werden eine Stärkung finden. Sie behaupten, sie werden uns eine Stätte schaffen, wo wir unsere Kräfte sammeln und für Zion vorarbeiten. Ich glaube nicht, dass es jemandem gelingen wird, statt Zion ein anderes Land in unser Programm einzustellen. Was auf unserer Fahne steht, Jjleibt immer unser Heiligtum und unsere Devise. (Beifall.) Wir waren uns bei der Aufstellung unseres Programmes wohl bewusst, dass die Erreichung unseres Zieles mit grossen Schwierigkeiten verbunden ist. Zion ist das Land, das wir lieben. Zion steht vor allen Ländern unserer "Wahl. Es sind aber noch viele wichtige Momente da. Wir haben uns gesagt, wir müssen ein Zentrum haben, das für unser Volk immer ein Attraktionsfeld bleiben muss. Wir müssen eine Stelle haben, die unser Volk immer an sich ziehen wird. Wir haben uns ferner gesagt: wir denken nicht, dass das ganze Volk nach Zion gehen wird; wir werden nur für einen Teil des Volkes, eine Heimstätte schaffen, diese Heimstätte wird aber die Autorität über das ganze Volk haben. Es gibt nur ein Land, das diese Autorität für unser Volk hat und das ist Zion, kein -anderes Land der Welt! (Lebhafter Beifall.) ' Darum haben wir keinen Augenblick Furcht, dass man Zion mit etwas anderem vertauschen kann. In