Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe]l (26.8.1903)
- Article
- Zionismus und Wohltätigkeitsanstalten
- Date
- 1903-08-26
- Page
- 14 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 14 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 3 monides nicht entraten konnte — die sie fortan statt der freien Betätigung ihrer nationalen Persönlichkeit treten sollten, so auch das faule Fleisch, wodurch Ben Sakkai den jüdischen Wachen den Leichengeruch vortäuschte sich als das Vorzeichen jenes schlechten Geruches bewährt hat, in dem sein unglückseliges Volk fortan in der Fremde stehen sollte. Wohl hat ben Zakkai das Judentum gerettet, allein um welchen Preis! Und auch seine Vergeistigung der jüdischen Religion wurde keine ganze Arbeit. Das Judentum wurde durch ihn nicht, wie durch die Jünger des Christentums, vom Boden losgelöst. Obgleich das Judentum in den fünfzig Jahren nach der Zerstörung des jüdischen Staates im Osten, Kleinasien und besonders in Rom eine Unmenge von Anhängern gewann, so hat doch die Religion diese Gelegenheit, ihre nationale Basis einzubüssen, verscherzt. Sei es aus politischer Klugheit, sei es aus innerer Ueberzeugung, genug, Ben Sakkai Hess die uralten territorialen Begriffe bestehen, nur dasssie kulturelle Formen annehmen. So dankten die steinernen Ghetti in pilpulistisch frommen Dichtungen den lieben Gott für die Einheimsung von Aehren, die sich niemals auf dem Felde gewiegt, und für Früchte, die nie geblüht hatten. Die frühern Temoelopfer wurden durch Gebete ersetzt, aber nur zeitweilig, bis der Tempel wieder aufgebaut würde. Der Begriff tatsächlicher Schlachtopfer wurde durchaus nicht getilgt, nur wurden solche auf spätere Zeiten hinausgeschoben. Da es kein Gold besass, sollte Israel mit Papier bezahlen. Unbeschränkter Papierumsatz erzeugt aber bekanntlich ungesunde Zustände und der Moment ist nun da, wo das Judentum eine gesunde Basis gewinnen muss wenn es nicht Bankerott machen soll. Das Verdienst Ben Zakkais ist es, dass er das Gebetbuch gleichsam palästinisiert und die Hoffnung auf einen heimatlichen Boden lebendig erhalten hat, allein das Judentum kann nicht ewig an dürren Blättern und Wirklichkeitshülsen zehren. Agrikultur wurde in Kultur umgesetzt. Diese archäologische Politik wird aber erst dann ihre historische Rechtfertigung erhalten, wenn wir wiederem Kultur in Agrikultur umgesetzt haben werden. Sogar die hebräische Sprache, die doch wohl das Hauptorgan derheutigen jüdischen Kultur bildet, würde unzweifelhaft künstlich werden müssen, — ausser da, wo sie, wie in Palästina die wirkliche Umgangssprache ist, — wenn nicht die hebräischen Journalisten sie durch das Hineintragen von Neologismen wieder neu belebten, Hätte es ein Land gegeben, dessen Sprache die hebräische wäre, so würde sich diese von der der Bibel ebenso tief unterscheiden, wie die Sprache Byrons von Chaucer oder Schillers von der der mittelalterlichen Minnesänger. Klassisches Hebräisch sprechen bedeutet heute totes Hebräisch sprechen. Im jetzigen Stadium des Zionismus kann die Kultur nur Treibhausblumen erzeugen, nicht aber solche, die sich im Freien entfalten. Wer dürfte wohl voraussagen wie auf einem jüdischen Boden der »Ruah Hakodesch« sich bewegen, was wohl die Bathkol verkünden wird? Vom volkwirtschaftlichen Standpunkte aus, und ich darf hier keinen andern Standpunkt berücksichtigen, möchte ich bemerken, dass es keine blosse Kräftevergeudung ist, wenn unsere Jugend eine Kultur schafft, welche durch die tiefgehenden Aenderungen, die Erlangung eines jüdisch heimatlichen Bodens zeitigen würde, in kurzer Zeit veraltet sein müsste. Die Zersplitterung der Kräfte bedeutet sogar eine Schwächung des Bestrebens, eben diesen Boden zu erwerben, was doch am Ende die sicherste und rascheste Idee wäre, jene jüdische Kultur zu schaffen, nach der sie es so sehr drängt. Einen noch volkswirtschaftlichen Schaden erfahren wir, wenn unsere Kräfte in einem Kulturkampfe einander geradezu entgegengestellt wären. Der Streit über die Kulturrichtung, welche auf den heimatlichen Boden, den zu gewinnen wir erst streben müssen, vorherrschend werden soll — dieser Streit, der unsere Sache überhaupt gefährdet, erinnert mich an den armen Hausierer aus »Tausend und einer Nacht«, der in Gedanken seine erste Kiepe Porzellan verkauft und mit jeder weiteren abgesetzten Kiepe den Profit steigen sieht. Nun träumt er sich in seine glückliche Vision so tief hinein, dass er zu dem Punkte gelangt, wo er im Besitz eines herrlichen Palastes und vieler wunderschöner Houries, mit seiner Favoritin, des Sultans Tochter, zankt und indem er ihr einen Stoss ver- . .t setzt, auch die Kiepe umstürzt, die alle seine Träume von Reichtum und Ruhm enthält. Von einem volkswirtschaftlichen Gesichtspunkte aus bedeutet selbst ein Teil unserer religiösen Treugläubig,, keit, die ja die Kultur der Frommen ist, ebenfalls eine Einbusse an Kraft, wie hoch der sittliche Wert einer solchen auch angeschlagen werden mag. Wenn man Kindern, die in einem jüdischen Lande selbstverständlich hebräisch schon lallen würden, künstlich die hebräische Sprache beibringt, so heisst das, den Menschen überbürden. Tatsächlich kann all dieses exotische Treiben im Judentum volkswirtschaftlich durch die Versorgung von Sträflingen oder Spitalkranken mit koscherer Nahrung bezeichnet werden. Auf einem jüdischen Boden würde die Nahrung selbstverständlich kaschir sein. Unsere Kulturarbeit ist wie das Kaschire ein künstliches Produkt in einem Milieu, das von Natur sehr trefa ist. Hier tritt uns die offenbarste Schwierigkeit entgegen, jüdisch - kulturelle Milieus an Orten zu schaffen, wo nur eine Minorität der Einwohner jüdisch ist. Es ist dies umso schwieriger, da doch die Juden alle kulturellen und politischen Vorzüge der fremden Umgebung gemessen wollen. Denn dem Beispiele unserer israelitischen Halbbrüder, der Zigeuner, entgegen, leben wir nicht ausserhalb der Grenzen der zivilisierten Welt, sondern mitten in ihr. Es giebt in der Tat zahllose Juden, welchen der natürliche Gesichtspunkt durch das so lange Auf-dem-Kopfe-stehen so sehr abhanden gekommen ist, dass sie alles verkehrt, sehen, und wenn man ihnen sagt, dass sie auf den Füssen stehen sollen wie Menschen, dann rufen sie aus: O, wie unnatürlich! Das sind die Leute, welche ihren natürlichen Standpunkt so weit eingebüsst haben, dass sie es eher als einen Vorzug für die Juden betrachten, dass diesen die Wahl unter so vielen Vaterländern freisteht, während sie scheinbar die Verantwortlichkeiten keines einzigen auf sich nehmen müssen. Das erinnert an eine talmudische Figur aus dem 3. Jahrhundert, an die des Jochanan bar Napacha, des Vorzüglichsten der Amoraim, welcher Vater und Mutter in seiner frühesten Kindheit verloren hatte und zu sagen pflegte, dass er für dieses Unglück eigentlich dankbar sein sollte, da es ihm ja nicht möglich gewesen wäre, strikte die Pflichten kindlicher Liebe genau so, wie sie das Gesetz erfordert, zu erfüllen. Oder gestatten Sie wohl, dass ich, da ich ja auf das Thema Wohltätigkeit angewiesen bin, das Argument, dass es besser ist, dass wir kein eigenes Land besitzen, da wir dann nichts zu verwalten und zu verlieren haben, mit demjenigen vergleiche, welches ein Kind meiner eigenen Schöpfung, der König der Schnorrer, vorbringt. Dieser erlaüchte Mann, der auf seine lange Ahnenreihe so stolz ist, wurde von seinem Satelliten ad latus Jankele um die Hand seiner Tochter gebeten. Aber tier König der Schnorrer hatte entdeckt, dass Jankele zeitweise arbeite und erschrak über den Gedanken, das Glück seiner Tochter einem Manne anzuvertrauen, dessen Einkommen auf einer so unsicheren Basis wie Arbeit beruhe. Arbeit, bemerkte er, sei nie sicher; es gebe Zeiten der Ebbe und dann wieder gebe es Zeiten der Tätigkeit. Berufszweige würden sich heben und wieder zurückgehen. Selbst Reichtum sei