Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe]l (26.8.1903)
- Article
- Zionismus und Wohltätigkeitsanstalten
- Date
- 1903-08-26
- Page
- 13 (sequence 4)
- Language
- German
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Separat-Ausgabe. No. 2 „Die Welt" Seite 13 standenen Jewish-Oriental Colonization Society die in volkswirtschaftlichem Sinne nur die Zersplitterung jüdischer Kräfte bedeutet, wie lobenswert auch die Erfolge sein möchten, die im kleinen Stil etwa erreicht werden könnten. Die jüdischen Schulen Londons bieten ein grelles Beispiel derjenigen Mildtätigkeit, die auf jüdischem Boden einfach verschwinden würde. England bietet die nötigen Elementar - Bildungsmittel; die Juden jedoch müssen nebst den allgemeinen Schultaxen noch weitere philanthropische Abgaben für spezifisch jüdische Schulen entrichten. Der jüdischen Gemeindepolitik Londons fehlt es nun so sehr an Gedankenklarheit, dass sie öfter da eine spezifisch jüdische Taxe entrichtet, wo doch der Staat als solcher selbstverständlich die Kosten der jüdischen Erziehung tragen und in weiser Voraussicht solche Schulen auch mit jüdischen Lehrern versorgen würde-, denn in manchen Stadtteilen werden die Schulen jüdisch aus dem einzigen Grunde, weil keine christlichen Kinder vorhanden sind, die sie besuchen könnten. Tatsächlich sind die jüdischen Schulen, die Dank den lokalen Umständen zu solchen geworden sind, fast ebenso zahlreich wie die, welche zielbewusste jüdische Mildtätigkeit gründet, während viel mehr jüdische Kinder 'in allgemeinen Volksschulen unterrichtet werden als in freiwillig gegründeten spezifisch jüdischen zu finden sind. Uns tritt sogar das seltsame Schauspiel entgegen, dass Schulen, die der Staat gänzlich erhält, lauter jüdische Lehrer und Kinder haben, während durch spezifisch jüdische Taxen erhaltene Schulen, die den Zweck haben eine jüdische Atmosphäre zu verbreiten, zum Teil mit christlichen Lehrern besetzt sind. Zweifellos sollten diese jüdischen Volksschulen, die ein historisches Ueberbleibsel eines früheren weit engeren Ghettolebens darstellen, dem Staat übergeben und die für sie vorhandenen Gelder für andere jüdische Mildtätigkeits-' werke frei werden. Diese Betrachtungen jedoch gehören zu jenem Bilde jüdischer Wohltätigkeitsinstitutionen, jener Zersplitterung, die ich in diesem Vortrage unerörtert lassen muss. Auch will ich nichts weiter als leise andeuten, wie viel von der Kraft unseres Board of Guardians (Erziehungzkomitees) und anderer Mildtätigkeitsstiftungen für die Immigrationsprobieme vergeudet werden, die doch nur dem Mangel an eigenem Boden entstehen. Wenn wir nun von England absehen und uns Amerika zuwenden, so finden wir, dass ein unvergleichlich grösseres Quantum philanthropischer Tätigkeit erspart werden könnte, wenn die amerikanischen Juden nicht an die vielem Probleme herantreten müssten, die durch den ungeheuren Strom missgeleiteter Immigration so grausam und unnötig über sie herrauscht. So ist z. B. die Tätigkeit des Bnei brith-Ordens zum grössten Teil in äussere Politik und Immigrationsproblem aufgegangen. In der Tat bildet das Immigrationsproblem das eigentliche Wohltätigkeitsproblem in New-York. 50,000 Juden landeten im Laufe der vorigen Jahre in New-York, von denen 70 % daselbst sich niederliessen.. Sie Hessen sich in einer Stadt nieder, wo bereits 600,000 Juden wohnten, von denen 300,000 eine einzige engl. Quadratmeile bevölkern, das grösste Ghetto bildend, das je die Welt gesehen. Die jüdischen Wohltätigkeitseinrichtungen New-Yorks — von all den Hirschstiftungen und andern mehr abgesehen und die Kosten der Anstaltsgebäude nicht mitgerechnet — geben über 1 Million Dollars jährlich für ihre Armen aus und 90 °/0 dieser Ausgaben fliessen den russischen, rumänischen und galizischen Juden zu, die doch bei einem solchen jährlichen volswirtschaftlich planmässig angebrachten Kostenaufwand eine blühende Siedelung aut einem jüdischen Boden erlangen könnten, Trotzdem hat der Zionismus, wenn wir die bereits erwähnten Grenzen im Auge behalten, für diese rüstig arbeitenden Institutionen nichts als Lob. Ich wünsche jedoch jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit einer andern Seite der Übeln Folgen der Heimatlosigkeit zuzulenken. Ich denke hier an diejenige amerikanische Gesellschaft, die nicht die Linderung physischer Leiden zum Zwecke hat, sondern nur die kulturelle-Förderung der Juden. Die jüdische Verlagsgesellschaft ist, genau genommen, keine Wohltätigkeitsanstalt. Da ihr jedoch Vermächtnisse und Gaben stets erwünscht sind, so beweist sie dadurch, dass sie ihre Tätigkeit als eine philanthropische betrachtet. Die amerikanischen Juden haben für das Studium ihrer eigenen jüdischen Literatur und Geschichte so wenig Sinn, dass sie erst künstlich dahin gebracht werden müssen, eine gewisse Kenntnis dieser Fächer zu erwerben, während sie ganz freiwillig ein viel grösseres Quantum amerikanischer und englischer Literatur in sich aufnehmen. In einem jüdischen Staate würde jüdische Literatur eine natürliche Verbreitung und Anklang finden, der keiner künstlichen Beförderung bedürfte. «Schreiben Sie für mich keine Theaterstücke von jüdischer Färbung und jüdischem Geiste mehr», sagte der Direktor eines der ersten Theater Amerikas zu mir. «Machen Sie mir ein Stück, das den Juden zeigt, wie er leicht und frei in den höchsten amerikanischen Kreisen auftritt, und ich stehe Ihnen dafür, dass das Theater von Juden belagert sein wird. Kein Kruppgeschütz könnte sie dann fernhalten». In der Tat, wenn man den Artikel «Drama» in der jüdischen Encykiopädie durchgeht, so findet man, dass, obwohl alle Sprachen der Welt darin berücksichtigt worden sind, Hebräisch und Jüdisch nicht ausgenommen, für alle Zeiten und Epochen 6 Seiten genügen, um einen ausreichenden Ueberblick über das Thema zu gewähren, während der Artikel «Dreyfus» beinahe 30 Seiten füllt. Dies ist für unsere Geschichte in der Tat bezeichnend. Die freie Entwicklung von Innen heraus unseres eigenen nationalen Geistes wurde gehemmt, während unsere Aufmerksamkeit sich meistens auf die Tragödien äusserer Verfolgungen konzentrierte. Mir, dessen ganzes Leben in den Dienst der Kulturarbeit gestellt wurde und nicht zum geringsten Teil in den Dienst jüdischer Kulturarbeit, wird der Kongress wohl gestatten, es auszusprechen, dass, was den geistig-kulturellen Einfluss auf unsere Rasse betrifft, eine jahrhundertelange Kulturarbeit einem Jahrzehnt agrikultureller Arbeit auf eigenem Boden nicht gleichkommt. Wenn ich es sorgfältig vermieden habe, die Schuld an a 11 unserem materiellen Elend dem Mangel eines eigenen Heimatlandes zuzuschreiben, so nehme ich weniger Anstand, den grössten Teil unseres sittlichgeistigen Uebelstandes unserer unglückseligen politischen Situation zuzuschreiben. Die Institutionen, die den erwähnten lJebelständen künstlich beizukommen sich bestreuen, sind ein armseliger Ersatz für den natürlichen Einfluss eines Heimatlandes mit spezifisch jüdischer Färbung und nationaler Atmosphäre. Beim letzton Kongress habe ich den Namen Jochanan ben Sakkai in einer Art erwähnt, die seinen Bewunderern missfiel Kein noch so feststehender Ruhm darf der nachträglichen Kritik entzogen werden Man kann sehr wohl zugeben, dass Ben Sakkai bei der Zerstörung des jüdischen Staates das Judentum gerettet habe; hätte er jedoch die achtzehnhundertjährige Tragödie voraussehen können, deren letzten Akt nicht einmal Kischenew bilden dürfte, hätte er das gigantische Possenspiel des Marränenchristentums und des Pseudomohamedanismus vorausahnen können — er wäre vielleicht lieber mit den Patrioten in Jerusalem gefallen, statt sich in seinem Sarge lebendig in das römische Lager hinüber schaffen zu lassen. Dieser Sarg war ein unheilschwangeres Symbol des lebendigen Todes, der fortan die Zukunft seines Volkes sein sollte. Es war eben das Symbol aller Verstellungen und Maskeraden — deren selbst ein Mai-