Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe]l (26.8.1903)
- Article
- Zionismus und Wohltätigkeitsanstalten
- Date
- 1903-08-26
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 12 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 3 gestehen, dass ihre Hilfe, wenn auch weniger endgiltig als die unsere, — bis jetzt wenigstens — eine raschere gewesen ist. Erst wenn sie eine Politik betreiben, die unseren Bestrebungen gerade entgegensteht und unsere Bewegung direkt behindert oder aufhält, so z. B., wenn sie Juden aus Palästina wegschafft, dann haben wir das Recht, sie auf Leben und Tod zu bekämpfen. Und wenn, wie dies in Berlin geschah, die Schlauköpfe in ihrer gemeinsamen Weisheit sich einhellig gegen die Politik der Emigration als der Lösung der Judenfrage erklären, und sogar übereinkommen, ihr auf jede nur denkbare Art Widerstand zu leisten, dann ist es doch augenscheinlich unsere Pflicht, ihnen auf jede nur denkbare Art Widerstand zu leisten. Die einzige Emigration, die ihre Zustimmung hat, ist offenbar die Emigration aus Palästina. Die bona fides der Jewish Colonisation Association, deren Daseinsgrund doch allein die Emigration ist, erfährt eine ganz merkwürdige Beleuchtung dadurch, dass ihre Vertreter für eine derartige Resolution gestimmt haben. Anti-Emigrationspolitik mag ja patriotisch sein; so hat sich z. B. soeben in Irland eine Anti-Emigrationsgesellschaft gebildet, die den Zweck verfolgt, die Irländer davon abzubringen, dass sie ihren eigenen Boden verlassen. Unsere Anti-Emigrationsgesellschaften haben den Zweck, unser Volk von der Gewinnung eines eigenen Bodens abzuhalten. Wir haben es hier mit unserem alten Freunde zu thun, dem Dogma nämlich, dass die Judenfrage in jedem Lande einzeln gelöst werden kann, ein Dogma, wTelches ich später von volkswirtschaftlichem Gesichtspunkte aus erörtern werde. So viel über die Institutionen, die durch unsere Bewegung nicht aus der Welt geschafft werden. Es gibt aber deren nicht wenige, welche schon durch die Rückkehr unseres Volkes auf seinen Boden an sich sofort verschwinden müssen, während schon allein die zielbewusst organisierten Bestrebungen, einen eigenen Boden zu gewinnen und ein Zentrum politischer Macht zu schaffen, die Tätigkeit vieler anderer als lächerlich, überflüssig und kleinlich erscheinen lassen. Wenn ich z. B. nur die langgedehnte Reihe von jüdischen Wohltätigkeitseinrichtungen im englisch-jüdischen Jahrbuch betrachte, so finde ich, dass die in der alphabetischen Ordnung voran stehende, also die Anglo- Jewish Association bestimmt ist, in die Rumpelkammer zu kommen, wenn sie nicht überhaupt direkt verschwinden sollte; Gegründet wurde dieselbe a) zum Schutze verfolgter Juden, b) zur Förderung der Erziehungsanstalten für jüdische Kinder in den östlichen Ländern. Als politisches Werkzeug aber ist ihr Wert ein sehr unbedeutender. Was den Schutz der verfolgten Juden anbetrifft, so vermag sie eben wenig oder gar nichts, wie das aus den Kischinewer Ereignissen klar erhellt, gegen welche sie nicht einmal zu protestieren gewagt hat. Ein wirksamer Protest, wenn dieser so bezeichnet werden darf, kam von den amerikanischen Juden. Aber selbst die amerikanischen Juden sollten eine derartige nationale Funktion nicht auf sich nehmen müssen. Das Schutzwerk der verfolgten Juden kann eben nur von dem Judentum als einem ganzen geleistet werden. Was die Erziehung der jüdischen Kinder in den östlichen Ländern betrifft, so erstreckt sich die ganze Arbeit der Anglo-Jewish Association nur auf 9000 Schüler: der grösste Teil der Kosten dieses Erziehungswerkes wird aber tatsächlich von den Einwohnern selber bestritten. Die Anglo-Jewish Association übt also auf das Schicksal unserer Rasse einen fast unmerklichen Einfluss aus. Ebenso überflüssig würde beim Entstehen eines jüdischen Staates die Existenz des russisch-jüdischen Komites werden, dessen Ziel folgendermassen klar gelegt wird. Es soll das allgemeine Gedeihen der russischen Juden fördern, die in ihrem eigenen Lande die Opfer der Religions-Verfolgungen sind. Dieses Ziel nun geht selbstverständlich in den weiter gefassten Zielen des Zionismus auf und die ihm zufliessenden Gelder dürften wohl berechtigter Weise unseren Fonds zugute kommen. Zwei weitere Institutionen gehören ebenfalls der Schneckenpost-Periode der jüdischen Politik an und sind in einer Eisenbahn- und Telegraphen-Periode nicht mehr zu gebrauchen. Sie weisen eine so eigentümliche Verwandtschaft mit einander auf, dass kein Aussenstehender sie ihrer Tätigkeit nach, wenn ich sie umständlich beschreiben wollte, zu unterscheiden vermöchte. Es würde in der Tat einen interessanten Wettbewerb für eine volkstümliche Zeitung abgeben, wenn man an ihrer respektiven Tätigkeit unterscheiden sollte, welches die Alliance Israelite und welches die J. C. A. sein mag. Beide unterstützen Erziehungsanstalten in aller Herren Ländern und arbeiten an verschiedenen philanthropischen Werken, die die Entwicklung der Juden in ihren verschiedenen Wohnländern zum Zwecke haben. Dies ist um so bemerkens werter, als wir es von Baron Hirsch selber unterschrieben haben, dass er mit der Begründung der J. C. A. eine Institution bezweckte, die von allen andern bestehenden Institutionen gründlich verschieden sein sollte. Der Hauptunterschied in ihrer Arbeit besteht darin, dass die Alliance ihren P2ifer dreinsetzt, literarische Arbeit zu fördern, und die J. C. A. Advokaten zu unterstützen, ferner dass die Alliance Bilanzen herausgibt und die J. C. A. nicht. Aber sprechen wir ernsthaft — denn der Präsident der J.C. A. erklärt, sein ganzes Bestreben sei nunmehr der Kolonisation gewidmet. Ich erwarte getrost, dass in dem Augenblicke, wo der Zionismus imstande sein wird, der Welt einen praktisch realisierbaren Kolonisationsplan vorzulegen, die J.C. A. eifrigst bemüht sein wird, den grösseren Teil ihrer Mittel und den grössten Teil ihrer Tätigkeit in unsere Bewegung hineinzutragen. Ich für mein Teil habe gegen die Mitglieder der J.C. A. als Personen nicht die geringste Voreingenommenheit. Ja, für einige von ihnen hege ich die höchste Bewunderung, und bin überzeugt, dass kein einziger von ihnen einem Plan auf die Dauer sich widersetzen wird, dessen weiter Horizont den eigentlichen Absichten des Baron Hirsch vollkommen entspricht, und eine noch grössere reale Möglichkeit des Erfolges als je seine eigenen Versuche es taten. Baron Hirsch war der Vater des Gedankens von jüdischer Kolonisation in grossem Stile. Nun sind aber beinahe 13 Jahre verflossen, seitdem dieses Kind seines Geistes, 1891 das Licht der Welt erblickte. Bald wird es seine Barmizwah feiern und das Kuratorium der Hirsch'schen Stiftung kann sodann das auf seine eigene Mannheit gestellte Kind uns mit dem orthodoxen Spruche übergeben: rtbv itsttpo Tfn Gelobet sei Er der mich von der Verantwortlichkeit für dieses Kind entlastet hat. Das einzige was jetzt noch Not tut, ist ein stattliches Barmizwahgeschenk. Sollte die von uns geplante Kolonisation je in Palästina selber realisiert werden können, so würde unser Erfolg die Aulhebung der Chalukah und das Aufsaugen der vielen deutschen, österreichischen, dänischen, schwedischen und andern Gesellschaften mehr, die die Kolonisation Palästinas zum Zwecke haben, sein. Selbst unter den jetzigen Umständen würden sie am besten tun, wenn sie in unserer Bewegung aufgingen. Sollten sie jedoch darauf hinweisen, dass sie bestimmte kleinere Werke auszuführen wünschen, so ist es für uns durchaus nicht nötig, ihnen den Krieg zu erklären; unumgänglich nötig aber ist es, uns vor jeder Nachahmung zu hüten und der seichten Verlockung zu widerstehen, uns auf Kosten unseres weite Horizonte umfassenden Ideals, welches am Ende die einzig wirkliche praktische Arbeitsmethode bildet, der Welt als praktisch zu erweisen. Dasselbe gilt von der jüngst ent-.