Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] (25.8.1903)
- Article
- Rede Dr. Nordaus
- Date
- 1903-08-25
- Page
- 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2 Separat-Ausgabe. „Die Welt« Seite 19. Korn werfen; dann jagen wir mit furchtbarer Schnelligkeit dem erbärmlichsten Untergang entgegen (Beifall). Wenn wir aber wieder Selbstvertrauen fassen, wenn wir entschlossen sind, als Volk weiter zu leben, ein deutliches Ziel, einen klaren, festen Plan haben, dann sind wir wieder das «ewige Volk»/«am Olam», und nichts und niemand vermag das geringste gegen uns (tosender, langandauernder Beifall und Tücherschwenken). Dann warten wir eben geduldig, bis günstigere Verhältnisse sich darbieten, und wiederholen dann immer wieder ganz gelassen, mit unerschütterlicher Zähigkeit, der unsere Feinde nach ihrem Belieben einen andern, schimpflichen Namen geben mögen, unsere Forderung, bis in der Weltpolitik eine Lage eintritt, die es den Mächten wünschenswert macht, uns zu hören. Inzwischen werden wir keinen Augenblick aufhören dürfen, die Judenfrage vor der Welt und vor den Regierungen als eine stehende Aktualität lebendig zu halten, und daneben werden wir an unserer inneren Organisation arbeiten müssen. ' Möglichste Stärkung und Vermehrung der Machtmittel des Zionismus bleibt unsere erste und vornehmste Aufgabe (Beifall). Darunter sind zu verstehen: die Vervollständigung des Aktienkapitals der jüdischen Kolonialbank, die Vergrösserung des Nationalfonds, und vor allem: die Eroberung der Gemeinden und der me'ist von ihnen abhängenden bestehenden jüdischen Einrichtungen. Ich weiss, man sagt uns: Das ist zu schwer, das ist unmöglich. Schwer ist es, zu schwer nicht. Zu schwer darf es nicht sein. Es ist eine erste Kraftprobe. Wenn wir nicht einmal imstande sind, rein inner-jüdische, mit dem Stimmzettel in der Hand zu lösende Fragen zu bewältigen, wie sollen wir uns zutrauen, ein politisches, wirtschaftliches, soziales Werk zu unternehmen, bei dem wir es mit der ganzen nicht-jüdischen Welt zu tun haben und dessen Schwierigkeiten nicht mit einer blossen Promenade zu einer Wahlurne zu überwinden sind! Ich denke, wenn ich von der Eroberung der jüdischen Gemeinden spreche, in erster Reihe an die Länder, in denen die grosse Masse des jüdischen Volkes siedelt und die Kraft unserer Bewegung wurzelt. Dort können wir siegen, und weil wir es können, müssen wir es! In den Ländern der Assimilation liegen die Dinge anders. Da wird sich vielleicht die Eroberung der Gemeinden in absehbarer Zeit als unmöglich erweisen. In diesem Falle werden wir blos festzustellen haben, dass die grosse Mehrheit des jüdischen Volkes und seiner staatlich anerkannten Einrichtungen die Zionistische Kokarde angesteckt hat und dass die kleine Minderheit von Widersachern, die den Zionismus als System jüdischer Volkspolitik nicht nur für sich, sondern auch für die der Erlösung bedürftige grosse Mehrheit des jüdischen Volkes endgültig ablehnt, sich selbst als Fremdkörper im lebenden jüdischen Organismus bekennt. Geehrte Versammlung! Jedesmal, wenn zwischen den einzelnen Kongressen eine längere Frist verstreicht, bemächtigt sich unserer Gesinnungsgenossen eine sichtbare Unruhe. In den Reihen unserer Streiter tritt ein eigentümliches Schwanken ein. In immer kürzeren Abständen, immer hastiger und erregter hören wir die ängstliche Frage wiederholen: Was geschieht? Woran sind wir? Was sollen wir der Menge antworten, wenn sie in ihrer Ungeduld nach praktischen Ergebnissen fragt? Und wenn dann noch eines jener unglücklichen Ereignisse eintritt, wie sie in der letzten Zeit leider immer häufiger geworden sind, wenn dem jüdischen Volke eine Schmach zugefügt wird, die jeder einzelne von uns an seiner Stirne als Brandmal empfindet, solange sie nicht abgewaschen ist, dann geht ein Beben vom Scheitel bis . zur Sohle durch das jüdische Volk und die auch sonst leider bei uns schon so verbreitete Nervosität steigert sich in einer Weise, dass sie unzusammenhängende Bewegungen auslöst, die nur als Panikbewegungeu bezeichnet werden können. Der Ruf geht dann durch die Lande: »Es muss sofort etwaS geschehen, auch wenn es etwas Unnützes, auch wenn es etwas Schädliches ist; aber sofort muss etwas geschehen.« Das ist eine sehr gefahrliche Neigung; das ist ein sehr bedenklicher Seelenzustand; wir müssen ihm entgegentreten und ihn bekämpfen. Er ist erklärlich. Er erklärt sich daraus, dass bisher noch niemals ein System jüdischer Volkspolitik aufgestellt worden ist, das jedem einzelnen denkenden Juden vollkommen klar vor Augen steht. (Beifall.) Ich habe vorhin gesagt, dass dieser Kongress der bevollmächtigte, rechtmässige Vertreter des jüdischen Volkes ist. Ihm liegt es ob, jüdische Volkspolitik zu machen. Dieser Kongress wird in den grossen Zügen die jüdische Volkspolitik für jetzt und eine geraume Zeit festzulegen und zu verkünden haben, so dass auch in der langen, manchmal schrecklichen, kongresslosen Zeit jeder einzelne Jude auf dem Posten, auf dem er steht, weiss, was er zu tun hat, woran er zu arbeiten hat und sich von Zufällen, so schmerzlich sie auch sein mögen, nicht verwirren, nicht aus Reih und Glied bringen lässt. Denn sehen Sie, eine jüdische Volkspolitik hat es bisher niemals gegeben. Mit den krampfhaften, unzusammenhängenden, automatischen Reflexbewegungen der Abwehr, die einzelne Juden oder kleine Teile des jüdischen Volkskörpers der Gefahr und dem Angriff entgegensetzen können, ist dem jüdischen Volke in seiner Gesamtheit nicht geholfen. Es bedarf wohlkoordinierter Verteidigungstaten des ganzen jüdischen Volksorganismus. Von unserer Verteidigung war bisher jeder strategische Gedanke, jeder Gesamtplan, jede einheitliche Führung abwesend. Sie bestand lediglich in einer Reihe Einzel - Scharmützel der St. Georgs- Kavallerie, Sie wissen ohne Zweifel, welche Armee- Abteilung man in England mit diesem Ausdrucke bezeichnet. Es ist die tapfere Truppe der goldenen Sovereigns. deren Prägung das Bild des heil. Georgs zeigt. Das Geld heraus! Das war die jüdische Volkspolitik. Als es neulich galt, die Antwort des Judentums auf eine schwere Beleidigung zu geben, da sahen wir, dass in allen Ländern, wo Juden wohnen, Geld gesammelt wurde. Binnen wenigen Wochen sind auch an 2 Millionen Franken zusammengekommen, und dieser Betrag beweist, dass unsere jüdischen Reichen diesmal tief in die Tasche gegriffen haben. Damit war aber auch ihre Anstrengung erschöpft. Das Geld wurde an den Ort der Heimsuchung geschickt und dazu gesagt: »Hier ist Geld. Nun bleibt wo ihr seid, und verhaltet euch ruhig.« (Beifall.) Unsere Reichen haben sich zu unseren Todfeinden in Waffen gewendet und ihnen gesagt: »Ah, ihr mordet, ihr schändet, ihr zerstört? Hier ist Geld zur Versorgung der Witwen und Waisen, zur Heilung der Verstümmelten und Siechen, zum Ersatz des vernichteten Hausrates und der geraubten Güter. Ihr werdet nach einiger Zeit die neuen Möbel, die neuen Waren wieder vernichten, neue Leichen, neue Krüppel, neue ihrer Ernährer beraubte Familien machen? Wir werden neues Geld schicken. Wir wollen doch sehen, wer früher müde wird: ihr, zu morden, oder wir, zu schenken. (Beifall). Geehrte Versammlung! Es ist nicht meine Schuld, dass selbst die furchtbarste Tragik sofort in eine Posse umschlägt, wenn das bisherige amtliche Judentum in ihre Entwicklung eingreift. Missverstehe mich niemand! Nichts kann mir ferner