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Die Welt · 1903-08-25 · [Sonder-Ausgabe] (25.8.1903) · p. 18

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
[Sonder-Ausgabe] (25.8.1903)
Article
Rede Dr. Nordaus
Date
1903-08-25
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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Seite 18 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 2 dasselbe Lied: „Wir sind glücklich unter Ihrer Regierung, oder unter Ihrer Verwaltung, wir sind tief dankbar für den gnädigen Schutz, den Sie uns angedeihen lassen; wir werden untertänigst bemüht sein, uns Ihrer Huld und Gnade weiter würdig zu machen." Es ist den Regierungen nicht übelzunehmen, wenn sie mit einem Anschein guten Glaubens den Juden, die sich nun bei ihnen beklagen, erstaunt entgegnen: „Was, Ihr seid nicht zufrieden? Ihr beklagt Euch? Das ist ja etwas ganz Neues! Eure rechtmässigen Vertreter haben uns immer das Gegenteil versichert!" Ich nehme es als ein grosses Verdienst des Zionismus in Anspruch, dass er dieser Zufriedenheits-Heuchelei und Dankbarkeits-Komödie ein Ende gemacht hat (langanhaltender Beifall). Wir haben zuerst laut und deutlich gesagt: Wir sind nicht zufrieden, wir halten unsere Lage für eine sehr schlechte, wir empfinden unsere Behandlung als eine unwürdige und unverdiente, wir halten eine grundstürzende Aenderung unserer Lage für eine Lebens-Notwendigkeit, nach den demütigenden Erfahrungen, die wir mit den Anähnlichungsversuchen an andere Völker gemacht, haben wir uns auf uns selbst besonnen und wollen uns in unserer Art, in eigenem Recht, auf eigenem Boden ausleben. Wir haben, ich wiederhole es, die Welt in aller Form mit unseren Wünschen befasst, wir haben als ein Volk, dem Unrecht geschieht und das Gerechtigkeit verlangt, zu den Völkern gesprochen, wir sind vor die Regierungen hingetreten und haben, ohne zu verschleiern und ohne um den Brei zu gehen, etwa dieses gesagt: Wir sind ein altes geschichtliches Volk von faSt 12 Millionen. Wir halten uns für so gut wie irgend ein anderes Volk auf Erden. (Stürmischer Beifall.) Wenn nötig, wollen wir das begründen. Gleichwohl werden wir, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, von Hass oder doch von Abneigung und Misstrauen verfolgt. Hier verweigert man uns ausdrücklich die ursprünglichsten Menschenrechte. Dort gewährt man sie uns auf dem Papier, nimmt sie jedoch in der Praxis grösstenteils wieder zurück. In dieser Lage wollen wir nicht weiter leben. Zur Liebe können wTir Niemand zwingen: Gerechtigkeit jedoch dürfen wir fordern, weil wir ein menschliches Antlitz tragen (tosender Beifall). Es ist aber nicht gerecht, dass man uns als Parias, oder bestenfalls als Bürger zweiter Klasse, und überall als widerwillig geduldete, fremde Eindringlinge behandelt. 'Wir sind keine Parias und wollen uns nicht zu solchen hinabdrücken lassen. Wir wollen in Palästina Bürger erster Klasse (tosender, langandauernder Beifall), mit dem allseitig anerkannten geschichtlichen Rechte von Ureingesessenen sein, und wir bitten die Regierungen, uns zu der Erreichung dieses Zieles behilflich zu sein. Das, ich wiederhole es, mag den Mitlebenden gering scheinen, tatsächlich ist es eine Wendung in der Geschichte des jüdischen Volkes. Wir haben verlangt. So alt die AVeit geworden ist, sie hat bisher immer nur erst zwei Metoden gefunden, um zu bekommen. Diese beiden Methoden heissen: nehmen und verlangen. Nehmen können und wollen wir nicht, bleibt also bloss die zweite Methode: Verlangen. Seltsam, aber buchstäblich wahr: Vor dem Auftreten des Zionismus haben wir tatsächlich nicht verlangt. Unter uns haben wir tiefe Seufzer ausgestossen, sehnsüchtige Wünsche in Prosa und Vers ausgedrückt, einander mit vielsagenden Schwärmerblicken die Hände gedrückt, wir sind aber niemals vor alle Mächte hingetreten und haben ihnen in positiver Formulierung offen und deutlich gesagt, was wir wollen. Einen Vorwurf dürfen weder wir selbst, noch andere uns deswegen machen. Das jüdische Volk war chaotisch; es bildete keinen Organismus; es war ein Menschenstaub; es wusste selbst nicht, was es wollte: es hatte keine bestellte Vertretung, die in seinem Namen sprechen konnte; und da es selbst nicht wusste, was es wollte, konnten selbstverständlich auch die Regierungen dies nicht wissen. Und das geändert zu haben, scheint wenig, es ist aber in Wirklichkeit sehr viel. Wir haben verlangt! Wir haben verlangt, dass un3 Palästina, unter selbstverständlicher Wahrung der Hoheitsrechte des Sultans, unter ebenso selbstverständlicher Exterritorialisierung der Heiligen Stätten, an denen die ganze Christenheit mit ihren tiefsten Gefühlen der Verehrung und Liebe hängt, jedoch gleichzeitig unter Gewährleistung des unerlässlichen Mindestmaasses von Selbstverwaltungsrechten, ohne die wir auch in Palästina uns nicht national ausleben könnten, geöffnet wird. Es ist uns von mehr als einer amtlichen Seite, wenn auch in höfliche Form eingehüllt, etwa dieses entgegnet worden : ,,Ihr seid unzufrieden und wollt auswandern. Wir machen Euch unser Compliment zu diesem Entschlüsse, der für Euer Selbstgefühl und Eure Energie zeugt. Aber dazu bedarf es doch keiner Regierungshandlungen. Wir legen Eurer Auswanderung nicht das geringste Hindernis in den Weg und geben Euch sogar unsere besten Wünsche auf die Reise mitu (Heiterkeit). Wir haben da, vielleicht zum ersten Male in unserem Leben, keinen Sinn für Humor haben dürfen, sondern mit unerschütterlichem, ehrerbietigem Ernst erwidernmüssen: Verzeihung, es genügt nicht; die Türflügel zu öffnen, wenn die Türöffnung aussen zugemauert ist. Ihr gestattet uns den Abzug, aber Niemand gestattet uns den Einzug. Da wir nicht annehmen, dass Ihr mit dem Leben eines Volkes von 12 Millionen Kurzweil treibt, bitten wrir Euch, es nicht bei der Erlaubnis zur Auswanderung bewenden zu lassen, sondern uns auch den Eintritt in das Land zu erschliessen, das wir als Ziel ins Auge gefasst haben. Nicht yon berufener Seite, nicht von amtlichen Stellen, aber von den zahlreichen Liebhaber-Diplomaten, von denen es in den Reihen unserer Widersacher wimmelt, kam uns darauf diese höhnische Erwiderung: „Ja, Kinder, wie stellt Ihr Euch denn das eigentlich vor? Sollen die Mächte etwa zum Sultan sagen: Gib den Juden Palästina, sonst hast Du es mit uns zu tun?" Auch darauf erwidern wir mit einem Ernste, den der Einwand kaum verdient: Das ist niemals unser Gedanke, unser Wunsch gewesen. Den souveränen Rechten und der Würde des Sultans soll von keiner Seite nahegetreten werden. Der Tag, an dem wir in eine türkische Provinz einziehen, soll für alle Zukunft ein grosses und glückliches Datum in der Geschichte des Ottomanischen Reiches werden. Alles, was wir wünschen, ist, dass wir von den Grossmächten mit dem Sultan amtlich in Verbindung gesetzt werden, dass wir nach eingehender Konversation mit S. Majestät, in der wir uns zutrauen, ihn davon zu überzeugen, class es sein Vorteil ist, sich mit uns zu verständigen, bei dem Schlussgespräche dieselben Grossmächte als Teilnehmer, Zeugen und Gewährleister unserer Abmachungen gegenwärtig haben. Sollte sich gleichwohl die Unmöglichkeit herausstellen, mit S. Majestät dem Sultan zu einer Verständigung zu gelangen, sollte sein unbeugsamer Wille uns Palästina verschliessen, dann müssten wir eben, unter feierlicher Aufrechterhaltung unserer unverjährbaren , geschichtlichen Ansprüche auf das Land unserer Väter,* mit beiden Füssen unerschütterlich auf dem Boden des Basler Programms verharrend, uns in Geduld fassen und warten. Wir können warten. Verstehen Sie mich recht, wir können nicht warten, wenn wir uns selbst aufgeben, wenn wir an unserer Zukunft verzweifeln, wenn wir die Flinte ins

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