Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] (25.8.1903)
- Article
- Rede Dr. Nordaus
- Date
- 1903-08-25
- Page
- 20 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 20 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 2 liegen, als die jüdische Wohltätigkeit gering zu schätzen. Ich würde mich an meinem Volke schwer versündigen, wenn ich für seine schönste und rührendste Tugend keine Würdigung und kein Verständnis hätte. Die Juden sind hoch zu preisen, die ohne einen Augenblick des Zögerns ausgiebig geholfen haben, als der Notschrei ertönte. Wogegen ich mich allein wende, das ist die im amtlichen Judentum herrschende Auffassung, dass mit der Wohltätigkeit allein alles getan sei. Wir können nicht oft und laut genug wiederholen, was unser Präsident gestern gesagt hat: Nein, mit der Wohltätigkeit allein ist nichts, gar nichts getan. Liegt kein bitterer Hohn darin, dass dieMillionen, die wir von den jüdischen Reichen für unsere Kolonialbank, die Bank der Befreiung! — nicht bekommen konnten, augenblicklichbeisammen waren, als es galt, sie in einem Abgrund spurlos und ewig unfruchtbar verschwinden zu lassen? Dass jährlich Millionen aufgewendet werden zur Unterhaltung von Ackerbauschulen für Juden, die den Acker nicht bebauen dürfen, von Handwerkschulen für Juden, die das Handwerk bloss an Orten betreiben dürfen, wo es eine sichere Anweisung auf langsames Verhungern ist? Darin wollen wir Wandel schaffen. Die Einführung der jüdischen Jugend in Berufe, die sie nicht ausüben darf, das Herumschicken der Sammelbüchse nach jeder geschehenen Mordtat darf nicht länger unsere alleinige Volkspolitik sein. Die neue Volkspolitik, die ich Sie anzunehmen und zu verkünden bitte, heisst: Organisation. Organisation durch Stärkung und Vermehrung unserer Machtmittel zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der Judenfrage und Beginn der Vorarbeiten zur Verwirklichung unserer politischen Pläne. Das sind so grosse und schwierige Aufgaben, dass wir uns dem Verdachte mangelnden Ernstes aussetzen würden, wenn wir ihnen auch nur den kleinsten Teil unserer Kraft entziehen würden, um sie anderen Zielen zuzuwenden. Vor dem unverrückbaren Ziele der jüdischen Besiedelung Palästinas darf es nur eine Haltestelle unterwegs und eine provisorische Arbeit geben: das ist die Errichtung eines Notbaues für die hunderttausend unglücklichen Brüder, — ob Zionisten oder nicht, ist ganz gleichgiltig; es genügt, dass sie Juden sind, — die, anders als wir Sässigen, nicht warten können, die bereits auf der Wanderung begriffen sind, die bereits wie ein Weberschiffchen von Continent zu Continent, von Ozean zu Ozean hin- und hergeschleudert werden, die untergehen würden, wenn wir nicht etwas tun würden, um sie zu retten. Für diese Hunderttausende müssen wir, ehe wir ihnen eine ständige Dauerwohnung anweisen können, gleichsam ein Nachtasyl eröffnen! Als solches Nachtasyl würde ich die Kolonie ansehen, zu der die britische Regierung unter gewissen Bedingungen uns Land zu gewähren bereit ist. Ereilich wäre es ein Nachtasyl ganz eigentümlicher Art, wie ja alles, was wir Juden als Volk unternehmen, einzigartig ist. Es wäre ein Nachtasyl, das seinen Bewohnern nicht blos augenblicklichen Unterschlupf und Nahrung gewährt, sondern das auch ein politisches und geschichtliches Erziehungsmittel sein würde, ein Erziehungsmittel, das die Juden und die Welt an den ihnen seit Jahrtausenden fremd und vielen unleidlich widerwärtig gewordenen Gedanken gewöhnt, dass wir Juden ein Volk sind, ein Volk, fähig, willig und bereit, alle Gesamtaufgaben eines gesitteten selbständigen Volkes zu erfüllen (tosender, lang andauernder Beifall). Gewiss, es gibt für das jüdische Volk sehr viel, ungeheuer viel zu tun, Dringlichstes, minder Dringliches^ Notwendiges, Nützliches oder einfach Wünschenswertes, wenn auch vorläufig noch Entbehrliches. Alle Aufgaben dieser Ordnung müssen der Privattätigkeit überwiesen werden. Mögen Einzelne und Vereine den Ueberschuss ihrer Kraft und Mittel, wenn sie daran einen Ueberschuss zu haben glauben, der Lösung dieser Aufgabe zuwenden. Der Zionismus muss sich strengstens jede Kraftzersplitterung versagen! Sein einziges Arbeitsprogramm muss heissen : Ausbau der innern Organisation zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der Judenfrage, und inzwischen Errichtung eines Nachtasyls für unsere Obdachlosen. Die Wirkung dieser jüdischen Volkspolitik, wenn Sie sie annehmen und laut verkünden, wird sofort fühlbar werden, nicht etwa erst, wenn sie ganz oder teilweise verwirklicht ist. Die Welt wird uns achten, wenn sie uns nicht mehr geduckt, sondern aufrecht sieht. Die Judenfeinde werden wahrscheinlich Judenfeinde bleiben, aber die Anständigen unter ihnen werden ihre Feindschaft in ritterlicher Form betätigen, denn nur ein Feigling schämt sich nicht, einem Gegner anders als ritterlich zu begegnen, der mit einer grossen Kokarde in weithin sichtbarer Farbe am Hut im Sonnenlichte auf freiem Blachfelde für sein Dasein kämpft! So ändert der Zionismus — nicht später, gleich! — das zweitausendjährige Vorzeichen des Judentums von minus in plus, von passiv in aktiv, und lehrt die Welt, das angebliche Handelsvolk als ein handelndes Volk in einem neuen Sinne zu erkennen! (Tosender, nicht endenwollender Beifall.) Gesellschaft „ QARMEL«, Warschau AlFeinvertrieb der palästinensischen Naturweine und Cogn acs (aus den Rothschild'schen Kellereien) für Russland. Diese von den jüdischen Kolonisten Palästinas erzeugten Weine und Cognacs sind weltberümt und erfreuen sich grosser Beliebtheit bei Juden und Nichtjuden. Mgg^ Von den auf der Pariser Weltausstellung vertretenen Weinen wurden unsere Weine allein 'IW|i||||fff KpJEp mit der grossen goldenen Medaille preisgekrönt. — Der beste Beweis für ihre Vorzüge. ^9WBt Alleinige Bezugsquellen-; Unsere Hauptgeschäfte in Warschau und Odessa, sowie Verkaufsstellen in allen Städten Russlands. — Adresse: Gesellschaft „CARMEL, Warschau oder Odessa. Herausgeber: A. H. Reich, Verantwortlicher Redakteur: Julius Uprimny, — Buchdruckerei Emil Birkhäuser, Basel (Schweiz).