Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] (25.8.1903)
- Article
- Rede Dr. Nordaus
- Date
- 1903-08-25
- Page
- 17 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316018-3336456--42906-3336484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Separat-Ausgabe. No. 2 „Die Welt« Seite 17 Rede Dr. Nordaus. Dr. Max Nordau. (Mit tosendem Beifall begrüsst.): Geehrte Versammlung, verzeihen Sie, dass ich Sie zunächst mit einigen persönlichen Bemerkungen behellige. Mein Name ist irrtümlich auf die Kongress-Tagesordnung gesetzt worden. Ich' bin mit der festen Absicht nach Basel gekommen, hier das "Wort nur zu verlangen, wenn ich dies infolge des Ganges der Erörterung als meine unabweisliche Pflicht eines Vertreters mehrerer Wählergruppen empfinden würde. Ohne solche sachliche Nötigung wollte ich auf meinem Platze eines achtungsvollen Zuhörers, Schweigers und Mitstimmers in Reih und Glied verharren. Wohlwollende Kritiker haben in den letzten Jahren liebenswürdig unterstellt, dass ich mir einbilde, ich sei so etwas wie der Tenor des Kongresses, dessen Rolle es sei, zu kommen, eine Heldenarie zu singen, Applaus einzuheimsen und mit Bücklingen nach allen Seiten abzutreten. Ich war entschlossen, auch den Anschein zu vermeiden, als wäre etwas an dieser von so augenscheinlicher Gerechtigkeit und Nächstenliebe eingegebenen Darstellung meiner Kongress-Tätigkeit. Ich bin mir zwar bewusst, hier niemals eitle Schönrednerei getrieben zu haben, gebe indes zu, dass schildernde Betrachtung der Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Volkes dem rein akademisch scheinen mochte, der nicht begriff, dass wir unsere Argonäutenfahrt mit der Aufnahme des Mittagspunktes beginnen mussten. Diese unerlässliche Arbeit des Schiffers ist nun getan. Jetzt haben wir uns mit dem Kurs zu beschäftigen. Weniger als je darf dieser Kongress eine Akademie sein. Blosse Rhetorik, die Kunst für die Kunst, hat hier keine Stätte. Hier sollten nur nüchterne, kühl verständige Geschäftsreden gehalten werden. Zu einer solchen habe ich mir eben das Wort erbeten. Unser Präsident hat uns gestern zwei Tatsachen mitgeteilt, die über den vor uns liegenden Weg bisher ungekannte Helligkeiten verbreiten. Er hat uns eröffnet, dass die britische Regierung bereit ist, dem jüdischen Volke eine Landkonzession zu gewähren, nicht unter den Formen, in denen derartige Konzessionen gewöhnlich erteilt wrerden, nicht zum Zwecke finanzieller Spekulation und geschäftlicher Ausbeutung, sondern mit ausdrücklicher Betonung des Wunsches der britischen' Regierung, dem jüdischen Volke Sympathie zu bezeugen und ihm bei seinen Bemühungen zu gründlicher Selbsthilfe beizustehen. Der Vorsitzende hat uns ferner mitgeteilt, dass die russische Regierung ihm amtlich bedeutet habe, dass Russland geneigt sei, unsere Bemühungen zur jüdischen Besiedelung Palästinas zu fördern. Das ist nun die diplomatische Lage, vor der die zionistische Bewegung steht. Vier Mächte, mit die grössten, die sich in die Herrschaft über den Erdball teilen, haben, wenn nicht für das jüdische Volk, doch für den Zionismus freundliche Gesinnungen geäussert. S.M. der deutsche Kaiser hat unserer Bewegung bei ihrem Ursprung sein Wohlwollen ausgedrückt. Die Britische Regierung ist bereit, ihre Sympatie in Begleitung von köstlichen Imponderabilien in einer sehr greifbaren und praktischen Form, in Form einer Landverleihung zu betätigen. Die Russische Regierung hat ihre Bereitwilligkeit ausgesprochen, unsere Pläne, soweit sie die jüdische Besiedelung Palästinas betreffen, zu fördern. Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika haben in der letzten Zeit zwei diplomatische Schritte getan, welche die Hoffnung rechtfertigen, dass wir uns in einem gegebenen Augenblickenicht vergebens an ihre Sympa- ^ien wenden würden. (Rauschender Applaus). Der vierte Punkt des Basler Programms, an dessen granitener Fügung die Nörgler und Nager sich die Zähne ausbrechen werden (tosender Beifall) spricht in seinem notwendigen und gewollten Lakonismus, der kein breitspuriges Eingehen auf Einzelheiten und keine Entwicklung der darin elliptisch ausgedrückten Gedanken gestattet, von „Schritten zur Erlangung der Regierungs-Zustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen". Dieser vierte Absatz hat von jeher das Glück gehabt, von den Widersachern des Zionismus als besonders spitzer Dorn im Auge empfunden zu werden. An diesem vierten Absätze hat sich der AVitz unserer Widersacher immer am meisten geübt. „Diese Regierungs-Zustimmungen" wurde uns immer spöttisch wiederholt, „werdet Ihr nie und nimmer erlangen. Der Sultan will und kann Euch Palästina niemals öffnen, denn selbst wenn er dazu geneigt wäre — was ja nie sein wird — würde er auf den Widerspruch Russlands stossen, und Euren schönen Augen zuliebe wird der Sultan sich wohl niemals mit seinem mächtigsten Nachbar überwerfen. Russland aber wird nie und nimmer zugeben, dass der Boden, über den der Fuss des Stifters der christlichen Kirchen hingeschritten ist, jemals jüdisch werde . . . Unsere Kritiker haben wieder einmal die Richtigkeit und Weisheit der englischen Redensart erprobt, dass man nicht prophezeihen solle, es wäre denn, manwüsste es! (Beifall). Russland, in dem wir das unüberwindliche Hindernis auf unserem Wege erkennen und fürchten sollten, Russland erklärt uns freundlich, dass es gar nichts gegen die Besitznahme palästinensischen Bodens durch Juden einzuwenden habe. (Beifall) Und nun, geehrte Versammlung, werfen Sie einen Blick auf den Weg, den der Zionismus in nicht ganz siebenjährigem Bestände in seiner gegenwärtigen Form zurückgelegt hat. Nach nicht ganz einjähriger Arbeit hat er diesen Kongress geschaffen, den heute mit Ausnahme einiger verbohrter jüdischer Widersacher niemand mehr in seiner Eigenschaft eines rechtmässigen Vertreters des jüdischen Volkes bestreitet. ^Beifall.) Alle ernsten Menschen erkennen, dass wir die zu den Akten legitimierten Sachwalter des jüdischen Volkes sind. Seit dieser ersten Tat sind sechs Jahre verflossen. In diesen sechs Jahren haben wir, von allem andern abgesehen, e ines getan: wir haben die Welt in aller Form mit der Judenfrage befasst. Die Mitlebenden geben sich nicht oft von der geschichtlichen Bedeutung der Ereignisse Rechenschaft, die sich vor ihren Augen begeben. Die Nachwelt ist in der Regel gerechter*, sie kann es sein, denn sie überblickt die Dinge von höher und weiter die Nachwelt wird zu würdigen wissen, was diese Tatsache bedeutet. Denn bis zum Auftreten des Zionismus wurde der nicht-jüdischen Welt von den Personen, die bis dahin allein als die amtlichen Vertreter des Judentums anerkannt waren, immer versichert, dass es keine Judenfrage gibt, dass die Juden glücklich und zufrieden sind. Es war, namentlich in den letzten Jahrzehnten, seit der Emanzipation der Juden im Westen, eine eiserne Tradition des amtlichen Judentums geworden, bei jeder Berührung mit Nichtjuden eine lächelnde Optimistenphysiognomie anzunehmen. Die Stellung unseres berühmten „grossen Juden" ist die, dass er sich die Hände reibt, wenn er sie nicht entweder in dem Aermel - Ausschnitt der Weste eingehängt hat oder eben mit ihnen ansehnliche Beträge für öffentliche, in der Regel judenfeindliche, Einrichtungen oder Anstalten auszahlt. Wann immer ein Minister, oder gar ein Staatsoberhaupt, auf Reisen oder bei feierlichen Anlässen die amtlichen Vertreter des Judentums empfing, hörte man