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Die Welt · 1903-08-24 · [Sonder-Ausgabe] (24.8.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
[Sonder-Ausgabe] (24.8.1903)
Article
Zangwills Rede in der Great Assembly Hall
Date
1903-08-24
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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No. 1 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 3 die Kommission, besonders da ihr Dr. Herzls Darlegungen und Major Evans-Gordons Reiseerfahrnngen zur Verfügung standen, den ganzen Gegenstand nicht in das richtige Licht setzte, dass sie nicht eine Konferenz der Mächte zur Lösung der Judenfrage vorschlug, oder zumindest eine Konferenz zwischen Russland, Amerika Und England, den drei meist in Betracht kommenden Ländern; Den Einwand, den jedes Land gegen eine grössere Zahl von Juden erhebt, ist zwar unlogisch und zeugt nicht Von besonderer Civilisation, ist aber in der menschlichen Natur begründet. Warum fühle ich mich belästigt, wenn ich auf der Reise nach Basel im Waggon sitze und irgend ein Fremder in mein Coupe einsteigt? Meine Vernunft wird mir sagen, dass ich kein Recht habö, ungehalten zu sein, dass der neue Passagier ebensoviel Recht auf den Wagen hat wie ich, aber ich werde doch darüber ungehalten sein. Ihr selber dürftet, wenn Ihr in Paläbtina wäret, Euch beträchtlich aufregen, wenn Fremde in Scharen herbeiströmen würden, die mit Eueren Armen in der Arbeit wetteifern und sie in den Wohnstätten einengen würden, die ihre Läden am Sabbath offen hielten und am Sonntag schlössen, die darnach strebten, Mitglieder Eures Parlamentes oder Eures Sanhedrins zu werden, auf Euren Universitäten zu studieren und vor Euren Gerichten als Rechtsbeistände aufzutreten und dabei ihre religiösen Institutionen zu pflegen und als ein gesonderter Stamm sich abzusondern. Es wäre ungerecht, das Verlangen der Fremden nicht zu erfüllen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir in Palästina eine hoch-protektionistische Partei hätten. Darum dürfen wir auch die Rufe der Engländer gegen uns nicht als unmenschlich bezeichneii. England hat sich gegen uns grossmütiger benommen als irgend eine andere Nation, und ich hege die feste Überzeugung, dass, wenn wir eine ernstliche Anstrengung machen würden, um unsere eigene Frage zu lösen, wir an England den ersten, besten und grossmütigsten Freund finden würden. Ich bin dessen durchaus sicher, dass England, ehe es die tyrannischen und Englands unwürdigen Vorschläge der Einwanderungs-Kommission in Kraft treten liesse, lieber selbst von deren Prinzip abgehen und uns helfen würde, die Judenfrage anderweitig zu lösen. Ich bin gewiss, dass die Zeit gekommen ist, irgend einen Anfang zu machen, wenn es auch nur ein Schritt in der Richtung nach Palästina ist Wir dürfen nicht auf ein zweites Kischinew warten. Nichts weniger als das! Kischinew ist der Wendepunkt unserer Geschichte. Die Märtyrer sind nicht vergebens gestorben und der Entschluss, nicht länger im Exil leben zu wollen, ist mit ihrem Blut geschrieben und besiegelt. Zur Erreichung dieses glücklichen Endes müssen alle jüdischen Energien der Welt an einem Orte gesammelt werden, der gleichzeitig eine Zuflucht und ein Platz für die Vorbereitung auf Palästina sein soll — wenn wir nicht mit Palästina selbst beginnen. Aber wo soll dieses Land liegen? Wie ich gestern gelesen habe, meint ein Korrespondent des „ Jewish Chronicle", die Lösung sei gefunden, wenn der russische Ansiedelungsrayon selbst in einen Judenstaat umgewandelt werde. Ich sprach vor Jahren schon zu Frau Novikoff, der russischen politischen Geschäftsträgerin von dieser Idee; sie schien von dieser Idee ergriffen und erklärte sie für gut. Aber ich habe seither nichts weiter gehört. Unter dem Ansiedelungsrayon verstehe ich das ganze Territorium, das grösser ist als Frankreich, nicht bloss die Städte, in denen die Juden gefangen sind. Denn Israel braucht zu seiner Erlösung auch das offene Land, das Recht sich auszubreiten und Grund und Boden zu besitzen und zu bearbeiten. Auf diese AVeise wird sich eine freie nnd mannhafte Bevölkerung entwickeln, welche eines Tages die Verhandlungen wegen Palästinas aufnehmen und durchführen und den Ueberschuss seiner Bevölkerung zur Besiedelung des heiligen Landes über das schwarze Meer senden könnte. Aber ich fürchte, diese unpraktischen Visionen sind nur ein Traumgebilde, geeignet, Antizionisten zu reizen. Dr. Herzl ist, wie ihr wisst, gegenwärtig auf Kosten seines schwerverdienten Sommerurlaubes in Russland. Wir können demnach erwarten, auf dem Kongresse aus erster Hand Bericht zu erhalten, wie es in jenem Lande steht. Und wenn Russland die Judenfrage nicht innerhalb seiner eigenen Grenzen lösen will, so muss notwendigerweise ein anderes Heim für seine Juden gesucht werden. Auf dem zweiten Kongresse schlug ein Mitglied Cypern als Zufluchtsort vor. Zu gunsten Cyperns lässt sich sehr viel vorbringen. Es ist eine Insel im Osten, ganz nahe an Palästina, es bietet den politischen Vorteil, dass es unter britischer Herrschaft steht und beeinflusst unsere Stimmung deswegen günstig, weil es durch einen Juden unter britische Herrschaft kam, durch Lord Beaconsfield. Der Kongress wollte damals nicht auf Davis Trietsch hören. Herr Trietsch hat aber seine Idee, wenn auch zu meinem Bedauern auf eigene Faust, verfolgt und schlägt in einer Flugschrift, die er mir schickte, vor, unsere Einwanderungsfrage dadurch zu lösen, dass der Strom gegen Cypern abgelenkt werde, welches seinerseits beträchtlich gewinnt, indem es eine neue Bevölkerung erhält. Und dennoch ist die Sache nicht so leicht, wie es den Anschein hat. Denn auf Cypern, das zwar halb verödet ist, wohnt doch eine beträchtliche Anzahl christlicher Griechen, und jüngst erst versammelten sie sich in ihren Dörfern und veröffentlichten ein patriotisches Manifest, in welchem sie verkünden, dass die Griechen die ersten Bewohner Cyperns gewesen seien, und davon S23rechen, wie viel Blut zu dessen Verteidigung sie vergossen hätten, und die Welt daran erinnern, was ihre sehr entfernten Vorfahren, die alten Griechen, für die Zivilisation der Welt getan hätten, sowie wir auf die Bibel, welche von unseren sehr entfernten Vorfahren der Welt gegeben wurde, pochen. Da auf Cypern 185,000 Griechen und nur 45,000 Angehörige anderer Nationalitäten sich befinden, so könnte eine Ansiedelung dortselbst politische Verwicklungen herbeiführen. Die Verwicklungen in Palästina werden natürlich unendlich grösser sein als die auf Cypern, aber bei diesem Ringen werden wir wenigstens die Befriedigung gemessen,. für unser angestammtes Vaterland zu kämpfen. Und ich bin sicher, dass viele von Ihnen Palästina und verhältnismässige Armut einem anderen Lande und der gewohnten Behaglichkeit vorziehen. Aber der eine Entschluss des ganzen jüdischen Volkes ist unerschütterlich: kein Kischenew mehr! Wir sind gewöhnt, so viel von der Unmöglichkeit, dass wir einen Staat organisieren könnten, selbst dann zu hören, wenn man uns schon ein offenes Land zugesteht. „Juden sind ja so streitsüchtig/4 wurde gesagt. Ich könnte Ihnen leicht beweisen, dass auch die Engländer, wenn sie nicht in ihrem eigenen Lande lebten, nicht einträchtig nebeneinander wohnen könnten. Ich könnte darauf hinweisen, dass Engländer lieber eine Pfändung über sich ergehen lassen, als class sie die Erziehungssteuer zahlen, welche ihnen andere Engländer auferlegt haben* ich könnte auf die heutigen Wahlkämpfe zwischen den Radikalen und den Tories aufmerksam machen-, ich könnte auf die Pro-Boer-Partei hinweisen, welche sich sogar während eines grossen Krieges von ihren Landsleuten trennte. Ich könnte in der Geschichte weiter zurück-

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