Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] (24.8.1903)
- Article
- Zangwills Rede in der Great Assembly Hall
- Date
- 1903-08-24
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 1 gehen und an die Bürgerkriege zwischen den Eittern und Eundköpfen und an die Kriege der Eosen erinnern. Und doch hatten merkwürdigerweise die Engländer Glück und waren imstande, nicht nur sich selbst, sondern das grösste Reich, dessen Bewohner allen Farben und Rassen angehören, zu regieren. Im Gegenteil, Streitsucht ist eher ein Zeichen von Gesundheit. Ich selbst habe einen beträchtlichen Streit mit der Jewish Colonisation Association und Hess mich in einen freundschaftlichen Kampf mit Dr. G a s t e r ein. dessen aneifernde Gegenwart ich heute Abend vermisse. Ich glaube nicht, dass ich und Dr. Gaster in irgend einer Sache eines Sinnes sind, es sei denn in der Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer Heimat für die Juden. Nur auf der Plattform des Zionismus stehen Dr. Gaster und ich ganz zusammen, in einem jüdischen Parlamente aber sässe er in der Bischofsbank und ich bei der antiklerikalen Partei. Im Zionismus allein sind alle Juden Brüder. Sogar die Kuratoren der Hirsch-Stiftung überwerfen sich miteinander, ohne dass deshalb die Kolonien um ein Deut schlechter werden — obgleich sie natürlich kaum schlechter sein können. Wie der Präsident Herr Narcisse Leven jüngst erklärte, ergab sich aus den erwähnten Differenzen sogar die Notwendigkeit, das britische Parlament anzurufen. Es versetzte Herrn Leven in die grösste Bestürzung, dass ich die Association selbst bis ins englische Parlament verfolgte. Herr Leven ist ein sehr wohltätiger alter Herr, aber diese alten Herren sind so sehr, gewohnt, würdevoll dazusitzen und Almosen an Schnorrer auszuteilen, dass sie den Gedanken gar nicht fassen können, dass unabhängige Beobachter ihre Politik zur Rechenschaft ziehen könnten. Ich versichere Herrn Leven, dass die J. C. A. und ihre Handlungsweise einen Stoff zum Lachen für die christlichen Engländer bildet, die selbst einer Rasse angehören, welche wahrhaftig weiss, was Kolonisation ist. Hätte England versucht, mit einem Aufwände von 8 bis 10,000 Pranken per Familie Kolonien zu gründen, so hätte selbst sein Reichtum nicht ausgereicht. Was die J. C. A. mit ihren Millionen kaufen sollte, das ist das Recht, dass die Juden in einem Lande, das für sie Anziehungskraft hat, sich ansiedeln dürfen, der Strom der Einwanderung soll sich sein Bett selbst graben. Der Jude braucht keine Geldgeschenke, keine 8—10,000 Franken per Familie, kein Almosen, wohl aber freies Feld. Wenn der politische Scharfsinn der J. C. A in dem folgenden Zugeständnis des Präsidenten sich selbst verurteilt, was überdies noch-durch die Tatsache ergänzt wird, dass die Kolonisation der Masse unserer verfolgten Stammesbrüder trotzdem nicht zugute kam, dann ist auch meine übrige Kritik der J. C. A. gleicherweise durch seine eigenen Worte gerechtfertigt. „Unser Zweck ist vor Allem: Kolonisieren/' sagt er, aber er bekennt: „Wir haben auch andere Dinge gemacht." Das ist es nun eben, wogegen ich Klage führe Welches Recht hatten sie, „andere Dinge zu machen?" Verwalter des Vermögens eines Toten, das für einen bestimmten Zweck gestiftet ist, haben kein Recht, auch nur einen Heller für andere Zwecke zu verwenden. Welche anderen Zwecke das waren, wird in den folgenden Sätzen aufgezählt: „Unser Bericht sagt Ihnen auch, was'wir in Rumänien, Galizien, Russland und dem Orient getan haben, um die Lage unserer Glaubensgenossen zu bessern. Wir haben ihre Entwicklung in den Ländern, die sie bewohnen, als einen wichtigen Teil unserer Aufgabe betrachtet." Was diese Herren nun getan haben, ist zwar lobenswert, nur haben sie das Recht nicht gehabt, es zu tun, nicht mehr Recht als ich habe, ein Stück Brot von einem Fenster zu nehmen und es einem Manne zu geben, den ich verhungern sehe. Sie haben gar kein Recht, in Rumänien und Galizien Geld auszugeben. Die Juden von Rumänien, Galizien und sogar in Russland in diesen Ländern selbst zu fördern, heisst, den Anordnungen des Baron Hirsch zuwiderhandeln. Und in Beziehung auf den Parlamentsbeschluss, den sie nun erhalten haben, um solche Ausgaben zu rechtfertigen, erhebe ich die Anklage gegen sie, dass sie das Parlament bewusst irregeführt haben, indem sie vorgaben, dass zwischen diesen Operationen und der Kolonisation ausserhalb Europas, welche ihre wahre Aufgabe ist, ein wirklicher Zusammenhang bestehe. Das Parlament, das für Parlamentsbeschlüsse keine Zeit hat, welche die Oeffentlichkeit angehen, noch weniger für Private, liess die Darstellung der J. 0. A. ohne genaue Untersuchung durchschlüpfen, obgleich deren Versäumnis, für die Auswanderer einen Anziehungspunkt zu schaffen, die Massenanhäufung in East-London in gewissem Masse verschuldete, welcher eine parlamentarische Kommission sich nahezu ein ganzes Jahr widmete. Aber der Akt des Parlaments ist für die J. C. A. tatsächlich nutzlos, denn ihre eigenen Worte zwingen sie, alle Anstalten, die sie unterstützt, mit der Kolonisation in Zusammenhang zu bringen, und da dieser Zusammenhang oft komisch verborgen ist, so kann die Frage der Rechtmässigkeit ihrer Handlungen noch jederzeit erhoben werden. Jene Herren hätten klüger getan, wenn sie nicht so schlau gewesen wären-, denn wenn sie ehrlich gesagt hätten, die Kolonisation sei ganz oder teilweise ein Missgriff und sie brauchten das Geld ganz oder teilweise für diese anderen Zwecke, so hätte unser überarbeitetes Parlament die Bill genau so durchschlüpfen lassen und die J. C. A. wäre für immer meiner gesetzlichen Kritik entzogen. Glücklicherweise, wie die Dinge liegen, ist es der J. C. A. unmöglich, wie erzürnt ihre Mitglieder auch auf die einzelnen Zionisten sind, dem Zionismus ihre Hilfe zu verweigern wenn derselbe mit einem ausführbaren Kolonisationsplan vor die Oeffentlichkeit tritt — wenn der Zionismus die Gehirnarbeit verrichtet für diejenigen, welche die Hüter von Millionen sind. Denn sie bewahren die Millionen als ein öffentliches Gut, mit dem sie nicht nach ihrer j^ersönlichen Laune verfahren dürfen. Alles, dessen ich sie tatsächlich anklage, ist, dass sie — wie das Volk, dem sie helfen, und die Rasse, der sie angehören — von der Hand in den Mund leben, ohne sich hinzusetzen und eine praktische Politik zu erwägen. Das Versäumnis der J. C. A. entspringt dem gänzlichen Mangel eines wohldurchdachten allgemeinen Planes. Das Unglück des jüdischen Volkes entspringt ebenfalls dem gänzlichen Mangel eines wohldurchdachten allgemeinen Planes. Um diesen Plan zu finden und zu entwerfen, gehen wir nach Basel, und ich danke Ihnen, dass Sie uns Ihre Glückwünsche mit auf den Weg geben. Delegierten-Tag der deutschen Zionisten. Am 20. August, 11 Uhr vormittags wurde in St. Ludwig der Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung von Deutschland durch den Präsidenten, Herrn Dr. Bodenhei in e r, Köln eröffnet. In seiner Begrüssungsrede gibt der Präsident seiner Freude Ausdruck, dass er seit dem letzten Parteitage eine Verdoppelung der Schekelzahler konstatieren könne. Diese Erfolge seien hauptsächlich auf die Einteilung in Distrikte zurückzuführen. „Wir haben die feste Zuversicht", schloss er die kurze Ansprache, „dass, wenn wir auf dem beschrittenen Wege fortschreiten werden, wir weitere Erfolge haben werden."