Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] (24.8.1903)
- Article
- Zangwills Rede in der Great Assembly Hall
- Date
- 1903-08-24
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 1 erhielt ich eine Einladung zu einer Hochzeit in Russland, die mit einer zionistischen Marke gestempelt war und in auffallenden Lettern den Freunden des Paares die Anregung gab, das für die Glückwunschtelegramme bestimmte Geld lieber dem Nationalfonde zuzuwenden. Nichts beweist deutlicher, wie tief unsere Bew egung in das wirkliche Leben unseres Volkes eindringt. Selbst Hochzeitsgeschenke könnten in der Form von Aktien der Kolonialbank dargebracht werden. Auch Spenden bei Leichenbegängnissen sollten in dieser Weise geleistet werden. Blumenspenden auf Gräber sollten in Beiträge zum Nationalfonde auf den Namen des Hingeschiedenen verwandelt werden, so dass an Stelle der in der Erde nutzlos vergrabenen Schönheit die Schönheit des neuen nationalen Lebens aufblühe und Leben aus dem Tode hervorgehe. Mit grosser Freude beobachtete ich, dass das East. End während des letzten Fastens im Ab statt bloss in den Synagogen zu wehklagen, unter Gottes freiem Himmel zionistische Meetings abhielt. Wir haben zu lange Cromwell s Rat vernachlässigt, der einer der religiösesten Menschen war. Sein Wahlspruch war: „Auf Gott vertrauen und das Pulver trocken halten." Wir haben auf Gott vertraut, das Pulver aber wurde von den Tränen nass. Euere zionistischen Umzüge mit Eueren Flaggen und Gesängen sind kostbare Zeichen des erwachenden richtigen Geistes. Die trockenen Gebeine stehen auf und leben. Die wenigen Antizionisten, die es noch gibt, meinen, der Grund, dass wir in der Verbannung und Bedrückung bleiben, liege darin, dass ein Judenstaat nur ein sehr schwacher Ersatz für die Träume der Zeiten sein würde. Das klingt ja sehr erhaben, aber aus dieser Geistesrichtung entspringen die Verbrechen der Landstreicher und Opiumraucher. Diese Woche wurde in Jiamsgate ein literarischer Kongress jüdischer Vereine abgehalten. Diese, obwohl sie keine Antizionisten sind, haben in ihrem Jahresbericht einen antizionistischen Artikel des Herrn Laurie Magnus publiziert, worüber ich mich sehr gefreut habe. Denn anders als die Kuratoren der Hirsch-Stiftung können wir einer Kritik standhalten. Ich freute mich aber auch •aus dem Grunde, weil ich sah, wie schwach die antizionistischen Argumente sind. Herr Magnus mag den Zionismus nicht, weil er das tausendjährige Reich wünscht. Ich weiss nicht genau, was das tausendjährige Reich bedeuten soll* aber wenn ich es recht verstehe, dass es die von unsern Propheten erträumte Zeit sein soll, da Liebe und Gerechtigkeit auf der ganzen Erde herrschen, so will mich bedünken, dass wir diese Zeit viel eher durch den Judenstaat erreichen werden als von den vier Enden der ganzen Welt her, der Welt, in der durch unsere Existenz alle bösen Leidenschaften erweckt und unsere Sitten und Gewohnheiten, unsere soziale und politische Tätigkeit von der übrigen Bevölkerung verhöhnt werden. Der ungeheure Trugschluss des Herrn Magnus und ähnlicher Kritiker liegt eben darin, dass sie glauben, der jüdische Staat solle das Ende des jüdischen Traumes bedeuten. Im Gegenteil, er ist bloss der Anfang — ein neuer Anfang — des jüdischen Traumes! Bereichert durch alles, was wir in der arischen Welt gelernt haben; streben wir darnach, Europa seine Lehren mit Zinsen zurückzugeben. Man hat mir gesagt, dass wenn die Etablierung in unserem Lande mit dem Versuche einer gesellschaftlich organisierten Landnahme verbunden werde, dieses Unternehmen von den Reformern der ganzen Welt eifrig und aufmerksam verfolgt werden würde. Ich will nicht behaupten, dass wir tatsächlich imstande sein werden, diese Aktion durchzuführen, aber jedenfalls zeigt diese Ansicht eines Nicht-Juden, um wie viel es für dieses tausendjährige Reich vorteilhafter wäre, ein Leuchtfeuer am Zions- oder einem andern Berge unseres eigenen Landes zu entflammen, als in Ländern, wo unser Licht notwendigerweise verdeckt und unterdrückt wird. Die Weigerung, für das tausendjährige Reich zu arbeiten, weil man es nur staffelweise erreichen kann, ist eine sehr hinfällige Entschuldigung für die Faulheit. Aber diese Faulheit bringt nicht einmal Nutzen. Das Leben der Juden ist nicht sorgenfreier geworden, weil sie keinen selbständigen Staat besitzen. Im Gegenteil, sie müssen in jedem Lande hart um ihre Rechte kämpfen und das kleinste Stückchen festen Bodens, das sie gewinnen, geht bald wieder verloren. Herr Magnus betrachtet sich als einen jüdischen Engländer, aber im Ganzen sind es zweieinhalb Jahrhunderte her, dass die Juden sich in England einschlichen. Ich sage: „einschlichen", we.il die Geschichte der Juden in England so wenig rühmlich anhebt. Australien war eigentlich eine Sträflingskolonie und die Australier sprechen daher nicht gerne von ihren grossen Ahnen; wir aber haben eine englisch-jüdische historische Gesellschaft mit dem ausdrücklichen Zwecke, unsere Vorfahren wieder aus der Erde zu scharren, ins Leben gerufen, und unser grösster Historiker erzählt uns ohne eine Spur von Scham, dass die Väter unserer englischen Judenschaft Kaufleute waren, die sich als Christen ausgaben und öffentlich die Messe mitmachten. Allein selbst diese so peinvoll gewonnene Freiheit und das Recht der freien Einwanderung in dieses Land werden bereits mit Einschränkung bedroht. Ich will hier nicht viel von dein Bericht über die Fremdeneinwandeiung sagen, denn das ist jenes politische Ressort, in dem unser Präsident ganz besonders bewandert ist und über das* er sich soeben*) mit gewohnter Klarheit ausgesprochen hat. Alles, was ich gegen den Bericht zu sagen habe, war in einem Interview in den „Daily News" gestern ausgesprochen, und da ich dort eher übereilt und einseitig war, so will ich hier versuchen, der besseren Seite des Berichtes Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es ist ein sehr schönes Unternehmen, eine Frage, die von dem trüben Schleier des Vorurteiles verdunkelt war, kühl und klar zu behandeln, und ich-wage-die Behauptung, dass diese Frage in keinem andern Lande wie in England so gerecht geprüft, noch eine innigere Vereinigung von Talent und Unparteilichkeit gefunden worden wäre, als in der Person des Präsidenten Lord James of Hereford, und sicherlich wären in keinem andern Lande die fremdengegnerischen Mitglieder der Kommission solche Gentlemen gewesen. Der Eifer des Majors Evans-Gordon, der persönlich die Länder, wo Juden bedrückt werden, bereiste, um das Übel zu untersuchen und bis an seine Quelle zu verfolgen, verdient unsere wärmste Anerkennug, und mich überrascht nur der eine Umstand, dass keine staatsmännischen Vorschläge zur Heilung des beklagten Übels aus seinen Untersuchungen resultierten. Die gegenwärtigen Vorschläge der Kommission sind bedeutungslos, lästig und schwierig auszuführen, lind zum ersten Male in meinem Leben befindeten mich diesbezüglich mit Lord Rothschild in Übereinstimmung. Ungefähr sechzig englische Delegierte gehen nach Basel. Ich bin neugierig, ob bei unserer Rückreise durch die Nordsee die Einwanderungsverfügungen auch auf uns werden angewendet werden. Sollten jemals die Vorschläge der Einwanderungs - Kommission verwirklicht werden, so dürften wir bei unserer Heimkehr noch ziemliche Schwierigkeiten haben. Ich bin überrascht, dass *) I» derselben Versammlung hatte früher L. J. Greenberg gesprochen und war stürmisch akklamiert worden. Auch York Steiner aus Wien wohnte der Versammlung bei und hielt eine zündende, zionistische Rede.