Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Die Rede Dr. Max Nordaus
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 35 (sequence 4)
- Language
- German
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fragt? Und wenn dann noch eines jener unglücklichen Ereignisse eintritt, wie sie in der letzten Zeit leider immer häufiger geworden sind, wenn dem jüdischen Volke eine Schmach zugefügt wird, die jeder einzelne von uns an seiner Stirne als Brandmal empfindet, solange sie nicht abgewaschen ist, dann geht ein Beben vom Scheitel bis zur Sohle durch das jüdische Volk und die auch sonst leider bei uns schon so verbreitete Nervosität steigert sich in einer Weise, dass sie unzusammenhängende Bewegungen auslöst, die nur als Panikbewegungen bezeichnet werden können. Der Ruf geht dann durch die Lande: »Es muss sofort etwas geschehen, auch wenn es etwas Unnützes, auch wenn es etwas Schädliches ist; aber sofort muss etwas geschehen.« Das ist eine sehr gefahrliche Neigung; das ist ein sehr bedenklicher Seelenzustand; wir müssen ihm entgegentreten und ihn bekämpfen. Er ist erklärlich. Er erklärt sich daraus, dass bisher noch niemals ein System jüdischer Volkspolitik aufgestellt worden ist, das jedem einzelnen denkenden Juden vollkommen klar vor Augen steht. Ich habe vorhin gesagt, dass dieser Kongress der bevollmächtigte, rechtmässige Vertreter des jüdischen Volkes ist. Ihm liegt es ob, jüdische Volkspolitik zu machen. Dieser Kongress wird in den grossen Zügen die jüdische Volkspolitik für jetzt und eine geraume Zeit festzulegen und zu verkünden haben, so dass auch in der langen, manchmal schrecklichen, kongresslosen Zeit jeder einzelne Jude auf dem Posten, auf dem er steht, weiss, was er zu tun hat, woran er zu arbeiten hat und sich von Zufällen, so schmerzlich sie auch sein mögen, nicht verwirren, nicht aus Reih und Glied bringen lässt. Denn sehen Sie, eine jüdische Volkspolitik hat es bisher -niemals gegeben Mit den krampfhaften, unzusammenhängenden, automatischen Reflexbewegungen der Abwehr, die einzelne Juden oder kleine Teile des jüdischen Voikskörpers der Gefahr und dem Angriff entgegensetzen können, ist dem jüdischen Volke in seiner Gesamtheit nicht geholfen. Es bedarf wohlkoordinierter Verteidigungstaten des ganzen jüdischen Volksorganismus. Von unserer Verteidigung war bisher jeder strategische Gedanke, jeder Gesamtplan, jede einheitliche Führung abwesend. Sie bestand lediglich in einer Reihe Einzel - Scharmützel der St. Georgs- Kavallerie, Sie wissen ohne Zweifel, welche Armee- Abteilung man in England mit diesem Ausdrucke bezeichnet. Es ist die tapfere Truppe der goldenen Sovereigns, deren Prägung das Bild des heil. Georgs zeigt. Das Geld heraus! Das war die jüdische Volkspolitik. Als es neulich galt, die Antwort des Judentums auf eine schwere Beleidigung zu geben, da sahen wir, dass in allen Ländern, wo Juden wohnen, Geld gesammelt wurde. Binnen wenigen Wochen sind auch an 2 Millionen Franken zusammengekommen, und dieser Betrag beweist, dass unsere jüdischen Reichen diesmal tief in die Tasche gegriffen haben. Damit war aber auch ihre Anstrengung erschöpft. Das Geld wurde an den Ort der Heimsuchung geschickt und dazu gesagt: »Hier ist Geld. Nun bleibt wo ihr seid, und verhaltet euch ruhig.« Unsere Reichen haben sich zu unseren Todfeinden in Waffen gewendet und ihnen gesagt: »Ah, ihr mordet, ihr schändet, ihr zerstört? Hier ist Geld zur Versorgung der Witwen und Waisen, zur Heilung der Verstümmelten und Siechen, zum Ersatz des vernichteten Hausrates und der geraubten Güter. Ihr werdet nach einiger Zeit die neuen Möbel, die neuen Waren wieder vernichten, neue Leichen, neue Krüppel, neue ihrer Ernährer beraubte Familien machen. Wir werden neues Geld schicken. Wir wollen doch sehen, wer früher müde wird: ihr, zu morden, oder wir, zu schenken.« Geehrte Versammlung! Es ist nicht meine Schuld, dass,selbst die furchtbarste Tragik sofort in eine Posse umschlägt, wenn das bisherige amtliche Judentum in ihre Entwicklung eingreift. Missverstehe mich niemand! Nichts kann mir ferner liegen, als die jüdische Wohltätigkeit gering zu schätzen. Ich würde mich an meinem Volke schwer versündigen, wenn ich für seine schönste und rührendste Tugend keine Würdigung und kein Verständnis hätte. Die Juden sind hoch zu preisen, die ohne einen Augenblick des Zögerns ausgiebig geholfen haben, als der Notschrei ertönte. Wogegen ich mich allein wende, das ist die im amtlichen Judentum herrschende Auffassung, dass mit der Wohltätigkeit allein alles getan sei. Wir können nicht oft und laut genug wiederholen, was unser Präsident gestern gesagt hat: Nein, mit der Wohltätigkeit allein ist nichts, gar nichts getan. Liegt kein bitterer Hohn darin, dass die Millionen, die wir von den jüdischen Reichen für unsere Kolonialbank, die Bank der Befreiung! — nicht bekommen konnten, augenblicklich beisammen waren, als es galt, sie in einem Abgrund spurlos und ewig unfruchtbar verschwinden zu lassen? Dass jährlich Millionen aufgewendet werden zur Unterhaltung von Ackerbauschulen für Juden, die den Acker nicht bebauen dürfen, von Handwerkschulen für Juden, die das Handwerk bloss an Orten betreiben dürfen, wo es eine sichere Anweisung auf langsames Verhungern ist? Darin wollen wir Wandel schaffen. Die Einführung der jüdischen Jugend in Berufe, die sie nicht ausüben darf, das Herumschicken der Sammelbüchse nach jeder geschehenen Mordtat darf nicht länger unsere alleinige Volkspolitik sein. Die neue Volkspolitik, die ich Sie anzunehmen und zu verkünden bitte, heisst: Organisation. Organisation durch Stärkung und Vermehrung unserer Machtmittel zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der Judenfrage und Beginn der Vorarbeiten zur Verwirklichung unserer politischen Pläne. Das sind so grosse und schwierige Aufgaben, dass wir uns dem Verdachte mangelnden Ernstes aussetzen würden, wenn wir ihnen auch nur den kleinsten Teil unserer Kraft entziehen würden, um sie anderen Zielen zuzuwenden. Vor dem unverrückbaren Ziele der jüdischen Besiedelung Palästinas darf es nur eine Haltestelle unterwegs und eine provisorische Arbeit geben: das ist die Errichtung eines Notbaues für die hunderttausend unglücklichen Brüder, — ob Zionisten oder nicht, ist ganz gleichgiltig; es genügt, dass sie Juden sind, — die, anders als wir Sässigen, nicht warten können, die bereits auf der Wanderung begriffen sind, die bereits wie ein Weberschiffchen von Continent zu Continent, von Ozean zu Ozean hin- und hergeschleudert werden, die untergehen würden, wenn wir nicht etwas tun würden, um sie zu retten. Für diese Hunderttausende müssen wir. ehe wir ihnen eine ständige Dauerwohnung anweisen können, gleichsam ein Nachtasyl eröffnen! Als solches Nachtasyl würde ich die Kolonie ansehen, zu der die britische Regierung unter gewissen Bedingungen uns Land zu gewähren bereit ist. Freilich wäre es ein Nachtasyl ganz eigentümlicher Art, wie ja alles, was wir Juden als Volk unternehmen, einzigartig ist. Es wäre ein Nachtasyl, das seinen Bewohnern nicht blos augenblicklichen Unterschlupf und Nahrung gewährt, sondern das auch ein politisches und geschichtliches Erziehungsmittel sein würde, ein Erziehungsmittel, das die Juden und die Welt an den ihnen seit Jahrtausenden fremd und vielen unleidlich widerwärtig gewordenen Gedanken gewöhnt, dass wir Juden ein Volk sind, ein Volk, fähig, willig und bereit, alle Gesamtaufgaben eines gesitteten selbständigen Volkes zu erfüllen. Gewiss, es gibt für das jüdische Volk sehr viel, ungeheuer viel zu tun, Dringlichstes, minder Dringliches, Notwendiges, Nützliches oder einfach Wünschenswertes, wenn auch vorläufig noch Entbehrliches. Alle Aufgaben dieser Ordnung müssen der Privattätigkeit überwiesen werden. Mögen Einzelne