Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Die Rede Dr. Max Nordaus
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 34 (sequence 3)
- Language
- German
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den, um zu bekommen. Diese beiden Methoden heissen: nehmen und verlangen. Nehmen können und wollen wir nicht, bleibt also bloss die zweite Methode: Verlangen. Seltsam, aber buchstäblich wahr: Vor dem Auftreten des Zionismus haben wir tatsächlich nicht verlangt. Unter uns haben wir tiefe Seufzer a,usgestossen, sehnsüchtige Wünsche in Prosa und Vers ausgedrückt, einander mit vielsagenden Seh wärmerblicken die Hände gedrückt, wir sind aber niemals vor alle Mächte hingetreten und haben ihnen in positiver Formulierung offen und deutlich gesagt, was wir wollen. Einen Vorwurf dürfen weder wir selbst, noch andere uns deswegen machen. Das jüdische Volk war chaotisch; es bildete keinen Organismus; es war ein Menschenstaub; es wusste selbst nicht, was es wollte: es hatte keine bestellte Vertretung, die in seinem Namen sprechen konnte; und da es selbst nicht wusste, was es wollte, konnten selbstverständlich auch die Regierungen dies nicht wissen* Und das geändert zu haben, scheint wenig, es ist aber in Wirklichkeit sehr viel. Wir haben verlangt! Wir haben verlangt, dass uns Palästina, unter selbstverständlicher Wahrung der Hoheitsrechte des Sultans, unter ebenso selbstverständlicher Exterritorialisierung der Heiligen Stätten, an denen die ganze Christenheit mit. ihren tiefsten Gefühlen der Verehrung und Liebe hängt, jedoch gleichzeitig unter Gewährleistung des unerlässlichen Mindestmaasses von Selbstverwaltungsrechten, ohne die wir auch in Palästina uns nicht national ausleben könnten, geöffnet wird. Es ist uns von mehr als eineramtlichenSeite, wenn auch in höfliche Form eingehüllt, etwa dieses entgegnet worden : ,,Ihr seid unzufrieden und wollt auswandern. Wir machen Euch unser Compliment zu diesem Entschlüsse, der für Euer Selbstgefühl und Eure Energie zeugt. Aber dazu bedarf es doch keiner Regierungshandlungen. Wir legen Eurer Auswanderung nicht das geringste Hindernis in den Weg und geben Euch sogar unsere besten Wünsche auf die Reise mitu Wir haben da, vielleicht zum ersten Male in unserem Leben, keinen Sinn für Humor haben dürfen, sondern mit unerschütterlichem, ehrerbietigem Ernst erwidern müssen: Verzeihung, es genügt nicht, die Türflügel zu öffnen, wenn die Türöffnung aussen zugemauert ist. Ihr gestattet uns den Abzug, aber Niemand gestattet uns den Einzug. Da wir nicht annehmen, dass Ihr mit dem Leben eines Volkes von 12 Millionen Kurzweil treibt, bitten wrir Euch, es nicht bei der Erlaubnis zur Auswanderung bewenden zu lassen, sondern uns auch den Eintritt in das Land zu erschliessen, das wir als Ziel ins Auge gefasst haben. Nicht von berufener Seite, nicht von amtlichen Stellen, aber von den zahlreichen Liebhaber-Diplomaten, von denen es in den Reihen unserer Widersacher wimmelt, kam uns darauf diese höhnische Erwiderung: Ja, Kinder, wie stellt Ihr Euch denn das eigentlich vor? Sollen die Mächte etwa zum Sultan sagen: Gib den Juden Palästina, sonst hast Du es mit uns zu tun?" Auch darauf erwidern wir mit einem Ernste, den der Einwand kaum verdient: Das ist niemals unser Gedanke, unser Wunsch gewesen. Den souveränen Rechten und der Würde des Sultans soll von keiner Seite nahegetreten werden. Der Tag, an dem wir in eine türkische Provinz einziehen, soll für alle Zukunft ein grosses und glückliches Datum in der Geschichte des Ottomanischen Reiches werden. Alles, was wir wünschen, ist, dass wir von den Grossmächten mit dem Sultan amtlich in Verbindung gesetzt werden, dass wir nach eingehender Konversation mit S. Majestät, in der wir uns zutrauen, ihn davon zu überzeugen, dass es sein Vorteil ist, sich mit uns zu verständigen, bei dem Schlussgespräche dieselben Grossmäcbte als Teilnehmer, Zeugen und Gewährleister unserer Abmachungen gegenwärtig haben. Sollte sich gleichwohl die Unmöglichkeit herausstellen, mit S. Majestät dem Sultan zu einer Verständigung zu gelangen, sollte sein unbeugsamer Wille uns Palästina verschliesseti, dann müssten wir eben, unter feierlicher Aufrechterhaltung unserer unverjährbaren geschichtlichen Ansprüche auf das Land unserer Väter, mit beiden Füssen unerschütterlich auf dem Boden des Basler Programms verharrend, uns in Geduld fassen und warten. Wir können warten. Verstehen Sie mich recht, wir können nicht warten, wenn wir uns selbst aufgeben, wenn wir an unserer Zukunft verzweifeln, wenn wir die Flinte ins Korn werfen; dann jagen wir mit furchtbarer Schnelligkeit dem erbärmlichsten Untergang entgegen. Wenn wir aber wieder Selbstvertrauen fassen, wenn wir entschlossen sind, als Volk weiter zu leben, ein deutliches Ziel, einen klaren, festen Plan haben, dann sind wir wieder das «ewige Volk», «am Olam», und nichts und niemand vermag das geringste gegen uns (tosender, langandauernder Beifall und Tücherschwenken). Dann warten wir eben geduldig, bis günstigere Verhältnisse sich darbieten, und wiederholen dann immer wieder ganz gelassen, mit unerschütterlicher Zähigkeit, der unsere Feinde nach ihrem Belieben einen andern, schimpflichen Namen geben mögen, unsere Forderung, bis in der Weltpolitik eine Lage eintritt, die es den Mächten wünschenswert macht, uns zu hören. Inzwischen werden wir keinen Augenblick aufhören dürfen, die Judenfrage vor der Weit und vor den Regierungen als eine stehende Aktualität lebendig zu halten, und daneben werden wir an unserer inneren Organisation arbeiten müssen. Möglichste Stärkung und Vermehrung der Machtmittel des Zionismus bleibt unsere erste und vornehmste Aufgabe. Darunter sind zu verstehen: die Vervollständigung des Aktienkapitals der jüdischen Kolonialbank, die Vergrösserung des Nationalfonds, und vor allem: die Eroberung der Gemeinden und der meist von ihnen abhängenden bestehenden jüdischen Einrichtungen. Ich weiss, man sagt uns: Das ist zu schwer, das ist unmöglich. Schwer ist es, zu schwer nicht. Zu schwer darf es nicht sein. Es ist eine erste Kraftprobe. Wenn wir nicht einmal imstande sind, rein inner-jüdische, mit dem Stimmzettel in der Hand zu lösende Fragen zu bewältigen, wie sollen wir uns zutrauen, ein politisches, wirtschaftliches, soziales Werk zu unternehmen, bei dem wir es mit der ganzen nicht-jüdischen Welt zu tun haben und dessen Schwierigkeiten nicht mit einer blossen Promenade zu einer Wahlurne zu überwinden sind! Ich denke, wenn ich von der Eroberung der jüdischen Gemeinden spreche, in erster Reihe an die Länder, in denen die grosse Masse des jüdischen Volkes siedelt und die Kraft unserer Bewegung wurzelt. Dort können wir siegen, und weil wir es können, müssen wir es! In den Ländern der Assimilation liegen die Dinge anders. Da wird sich vielleicht die Eroberung der Gemeinden in absehbarer Zeit als unmöglich erweisen. In diesem Falle werden wir blos festzustellen haben, dass die grosse Mehrheit des jüdischen Volkes und seiner staatlich anerkannten Einrichtungen die Zionistische Kokarde angesteckt hat und dass die kleine Minderheit von Widersachern, die den Zionismus als System jüdischer Volkspolitik nicht nur für sich, sondern auch für die der Erlösung bedürftige grosse Mehrheit des jüdischen Volkes endgültig ablehnt, sich selbst als Fremdkörper im lebenden jüdischen Organismus bekennt. Geehrte Versammlung! Jedesmal, wenn zwischen den einzelnen Kongressen eine längere Frist verstreicht, bemächtigt sich unserer Gesinnungsgenossen eine sichtbare Unruhe. In den Reihen unserer Streiter tritt ein eigentümliches Schwanken ein. In immer kürzeren Abständen, immer hastiger und erregter hören wir die ängstliche Frage wiederholen: Was geschieht? Woran sind wir? Was sollen wir der Menge antworten, wenn sie in ihrer Ungeduld nach praktischen Ergebnissen