Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Die Rede Dr. Max Nordaus
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 36 (sequence 5)
- Language
- German
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und Vereine den Ueberschuss ihrer Kraft und Mittel, wenn sie daran einen Ueberschuss zu haben glauben, der Lösung dieser Aufgabe zuwenden. Der Zionismus muss sich strengstens jede Kraftzersplitterung versagen! Sein einziges Arbeitsprogramm muss heissen : Ausbau der innern Organisation zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der Judenfrage, und inzwischen Errichtung eines Nachtasyls für unsere Obdachlosen. Die Wirkung dieser jüdischen Volkspolitik, wenn Sie sie annehmen und laut verkünden, wird sofort fühlbar werden, nicht etwa erst, wenn sie ganz oder teilweise verwirklicht ist. Die Welt wird uns achten, wenn sie uns nicht mehr geduckt, sondern aufrecht sieht. Die Judenfeinde werden wahrscheinlich Judenfeinde bleiben, aber die Anständigen unter ihnen werden ihre Feindschaft in ritterlicher Form betätigen, denn nur ein Feigling schämt sich nicht, einem Gegner anders als ritterlich zu begegnen, der mit einer grossen Kokarde in weithin sichtbarer Farbe am Hut im- Sonnenlichte auf freiem Blachfelde für sein Dasein kämpft! So ändert der Zionismus — nicht später, gleich! — das zweitausendjährige Vorzeichen des Judentums von minus in plus, von passiv in aktiv, und lehrt die Welt, das angebliche Handelsvolk als ein handelndes Volk in einem neuen Sinne zu erkennen! Die Schlussrede Dr. Theodor Herzls. Werter Kongress! Sie wissen, welche Grenze wir unsern Beratungen setzen müssen. Die Ruhe schwebt schon über uns, und erlauben Sie mir, als der Ordner in unserer Versammlung Sie zu bitten, diese Ruhe auch nach Schluss des Kongresses eintreten zu lassen. Der VI. Zionistenkongress, der sich in Basel versammelt hat, war in mancher Beziehung merkwürdig. Wir haben Erfreuliches und auch Schweres durchgemacht. Zum Erfreulichen rechne ich vor allen Dingen den Willkommgruss, den der 6. Kongress zum erstenmal von der jüdischen Gemeinde in Basel erhalten hat. Es war ein schwerer, aber lassen Sie es mich sagen, auch ein grosser Kongress, nicht nur durch die Zahl der Teilnehmer, sondern auch durch die Gestaltung unserer Verhandlungen. Man hat auf eine eigentümliche Weise gesehen, dass man auf die Zionisten rechnen kann. Ich sehe die Wahrheit des Wortes : On ne s'appuie que sur ce qui resiste. »Man stützt sich nur auf dasjenige, was widersteht,« und so haben wir bei einer sehr bedeutenden Abstimmung, in der wir alle namentlich die Verantwortung für das, was wir getan haben, übernehmen wollten, gesehen, dass ein grosser Teil des Kongresses, vielleicht mancher mit schwerem Herzen, vor allem es für notwendig gefunden hat, das Vertrauen zur Führung zu bekunden, weiles .dieser Teil des Kongresses herausgefühlt und verstan ien hat, dass sich die Führung in einer schweren Lage befindet. Aber auch den andern ist kein Vorwurf zu machen; denn sie haben nur bekundet, dass Sie zur Sache stehen. Allerdings muss ich Ihnen sagen, dass man in der Luftlinie nicht immer gehen kann. Die Luftlinie ist so lange nicht praktikabel, so lange es keine lenkbaren Luftschiffe giebt und so lange man nicht in den Wolken wandeln kann. Wäre es möglich, immer in der Luftlinie auf das Ziel loszugehen, dann brauchte man keine Führer; denn wo Zion ist, das wissen alle. Ich glaube nicht, dass wir unsere Massen erst weiter verelenden lassen müssen, um sie zu starken Zionisten zu machen. Ich glaube, dass ihre Stärkung auch den Zionismus stärkt. Aber es muss^ weil hier manches Missverständnis aufgekommen ist, es muss im Augenblick unseres Abschiedes gesagt werden, was ich bei der Eröffnung dieses Kongresses sagte, und wenn Sie meine inzwischen vergessenen Worte wieder durchlesen, so werden Sie vielleicht finden, dass sie sich in der Rede eines der sogenannten Neinsager ganz gut ausgenommen hätte: »Zion ist dies freilich nicht und kann es nie werden«, und wenn manche dies vielleicht für eine Phrase halten, es stand weiter ein förmliches Engagement: »Das Zeichen zum Aufbruch werden und können wir unsern Massen daraufhin nicht geben«, und darum darf ich wohl sagen, nach allem, was vorgekommen ist, dass in keiner Sekunde und mit keinem Gedanken das Basler Programm verlassen worden ist. Als ich dachte — in einem der schweren Augenblicke, an denen es nicht fehlte — als ich dachte, alle Hoffnung sei für eine absehbare Zeit, also für die Dauer eines Menschenlebens etwa, verloren, da wollte ich Euch einen grossen Notbehelf vorschlagen und wollte, da ich inzwischen Eure Herzen kennen gelernt habe. Euch ein Trostwort sagen, zugleich eine Verpflichtung für mich: rctrr, d^dt "rw\s c\s »Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte!« Das aber, was ich an tröstenden Worten sagen wollte, das habe ich gar nicht notwendig gefunden; denn wie ich ebenfalls schon mitgeteilt habe, hat sich eine neue Aussicht, grösser als je vorher, für Palästina eröffnet, in der versprochenen Hilfe der russischen Regierung. Also durchaus kein Durchbruch, keine Aenderung, keine Abweichung vom Basler Programm. Und da möchte ich auf einen rührenden Zwischenfall in dieser namentlichen Abstimmung zurückkommen. Als sich hier die einen von den andern sonderten, da wurde auch der Name eines Mannes verlesen, der heute ein alter Mann ist und sein ganzes Leben dem Palästinadienste gewidmet hat, das war einer von den Unbekannten, nicht unbekannt, aber bescheiden, im Hintergrunde bleibend, und als sein Name aufgerufen wurde bei der Abstimmung, da habe ich es erwartet, dass er selbst mit nein abstimmen würde. Es ist Dr. Josef Chasanowitsch, und dieser Mann hat mit ja gestimmt,- weil er Vertrauen zur Führung hat. Und soll ich Ihnen weiter erwähnen, dass die Rabbiner, die Zion nicht aus dem Gebetbuche streichen wollen, der Oberrabbiner von Florenz, die Rabbiner von Lida und Sopotzkin auch mit ja gestimmt haben? Aber — es ist vielleicht das erste unbescheidene Wort, dass man mir vorwerfen kann : Der Bürge bin ich selbst. An diefem Basler Programm, an dem ich mitgewirkt habe, ist nichts zu ändern. Warum hätte ich nach meinen Kräften beigetragen, diesen Kongress zu schaffen, diesen Kongress, der im Kleinen auch schon manches Rudiment, den Anfang künftiger besserer Einrichtungen zeigt? Wir haben die ersten Ansätze zu Reformen, die anderswo noch lange nicht reifen werden; wir haben die Gewissensfreiheit und auf nationaler Grundlage die Achtung aller religiösen und politischen Ueberzeugung, wir haben das gleiche Recht der Frau, die Genossenschaft der Schwachen und noch vieles andere, in unserem Programme festgelegt. Dieser Kongress ist unsere erste Institution und ich wünsche, dass er immer unsere beste, höchste, würdigste bleiben soll, bis wir ihn hinüber nehmen in das schöne Land unserer Väter, das wir nicht zu untersuchen brauchen, um es zu lieben". Ich wiederhole noch unsern Dank an die Stadt Basel, den wir auf eine geeignete Weise vorzubringen uns noch vorbehalten, und schliesse den 6. Kongress". Preis: 10 Heller.