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Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Dritter Parteitag der österreichischen Zionisten
Date
1903-07-03
Page
12 (sequence 6)
Language
German
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Seite 12 „Die $l Welt" fte. 27 Augenblicke erhöhte Bedeutung, da seine Zinsen nicht mehr zu Almosen vergeudet, sondern zu der Gesamtheit frommenden sozialpolitischen Zwecken verwendet werden. In Böhmen gibt es gar acht das ganze Land umspannende jüdische Organisationen, von denen als die wichtigsten die Repräsentanz der Landesjudenschaft und der böhmische Gemeindebund zu nennen sind. Den letzteren neu belebt zu haben, ist ein Verdienst unseres wackeren, rnalkontenten Gesinnungsgenossen Herrn Julius Bondy, Kultusvorstehers von Hofowitz, und zwar durch sein Projekt einer israelitischen Kultusvorsteher-Landeskammer in Böhmen. Auf dem letzten Gemeindetage des böhmischen Gcnieindebundes Ende Jänner d. J. hielt Dr. Schanzer aus Pilsen ein verdienstliches Referat über die Mängel des geltenden Gesetzes von 1890 und schloss gleichfalls mit dem Rufe nach einer Reichsverfassung der österreichischen Judenschaft. Und er gewann den Gemeindetag für seine Ueberzeugung. Und nun wollen auch wir Zionisten laut und vernehmlich unsere Stimme für die Reform erheben, in dem stolzen Bewusstsein, dass erst unser Eingreifen die Sache ins Rollen bringen wird. Wir können uns es als selbstbewusste Juden nicht bieten lassen, dass während nicht nur die Katholiken und Griechen, sondern auch die umso viel geringeren Protestanten diese schon seit 1861, ihre Reichsorganisation haben und mit dem Staate als Macht zu Macht verkehren, jeder Bezirkshauptmann und Bezii ksfeldwebel sich in die Verhältnisse der 546 isolierten Kultusgemeinden Oesterreichs einmengen kann. Die Regierung trifft keine Schuld, sondern nur uns Juden selbst. Bedauernd hat Kultusminister Dr. Gautsch im Parlamente am 7. Februar 1890 ausgerufen: „Es ist eine eigentümliche Erscheinung; während sonst begreiflicherweise jede Religionsgesellschaft den Kreis der inneren Angelegenheiten möglichst weit zu ziehen wünscht, daher für sich die grösstmögliclie Autonomie in Anspruch nimmt, wird hier in der Einflussnahme des Staates eine Panacee gegen alle Missstände gesucht. Dieser Standpunkt war für die Regierung ein schlechterdings unannehmbarer." D. h. die Regierung hat den Juden, diesen streitsüchtigen Knechtsseelen mehr Freiheit gelassen als sie selbst begehrt haben. Das muss nun anders werden. Ich schlage dem Parteitag daher meine Thesen zur Annahme vor: 1. (Provinzkonsistorien.) A. Hier füge ich hinzu, dass sich dieselben keineswegs gerade auf bloss eine oder eine ganze Provinz ausdehnen sollen. Im Gegenteil scheint es vielleicht gefährlich den Provinzpartikularismus zu wecken und zu stärken. Nur das praktische Bedürfnis soll da über die territoriale Abgrenzung entscheiden. Doch lassen wir diese Teilfragen! 2. (Ueber wachung der Gemeinden.) B. Dieselbe ist eine hochwichtige Aufgabe. Das Wohl einer Gemeinde darf nicht der Gewissenhaftigkeit und Fähigkeit seines jeweiligen Vorstandes überantwortet bleiben, es muss eine höhere jüdische Instanz da sein, welche die Säumigen antreibt, die Schlechten entfernt. Dass solche Fälle notwendig werden, zeigt uns die von der gaiizischen Statthalterei öfters praktizierte Auflösung von Kanals und Entsendung eines Regierungskommissärs — und oft eines christlichen! — zur Administrierung der missleiteten Gemeinde. Zur Pflege von Statistik und Geschichte finden sich,in der Einzelgemeinde nicht leicht Verständnis und Kräfte, diese notwendige Arbeit muss von einer Zentralbehörde geleistet oder doch geleitet werden. Die ,,A u sg 1 e i c h u n g von Gegensätze n" ist leider auch notwendig. Zu lange waren wir Juden einander entfremdet, als dass sich diese Gegensätze nicht hätten anhäufen sollen. Doch ihre Austragung ist eine interne Angelegenheit und wollen wir uns das hämische Lachen nichtjüdischer Schiedsrichter verbitten. Die nichtlokalen Stiftungen, wie sie z. B. heute schon als mährisch-jüdischer Landesmassafonds, als galizischer Fleischsteuerfonds etc. bestehen, werden in Hinkunft bei wachsendem jüdischen Gefühl an Bedeutung gewinnen. Die Konsistorien sollen diese Stiftungen zum Heil des Ganzen verwenden. Bei der geradezu rapiden Bevölkerungsver- Schiebung gerade unter den Juden und besonders ihrer Flucht vom flachen Lande in die grösseren Städte, kommen viele Gemeinden, ihrer Steuerträger verlustig, in arge Bedrängnis, sie können ihre Kultus- und sonstigen Gemeindeinstitutionen nicht mehr erhalten, führen nur mehr eine Scheinexistenz und stossen so ihre Gemeindeinsassen neuerlich ab. Hier wird eine Gcsanitorganisation lindernd, helfend eingreifen müssen, das Bestehende so lange als möglich zu erhalten. Und ist eine Gemeinde verarmt, wird die Gesamtorganisation ihre ■ S u b - s i d i e n an Ort und Stelle gewähren, so dass nicht mehr wie heute die Schnorrer — ohne dass man ihre Würdigkeit prüfen kann — von Ort zu Oit, von Land zu Land ziehen, sich und ihre Wohltäter korrumpierend. Und wenn sich eine Gemeinde schon durchaus nicht erhalteikann, dann soll ein j ü d i s c h e s Forum über die Auflösung und Vereinigung mit einer Nachbargemeinde entscheiden. Die Thesen besagen: Absatz 3: C) Eine Autorität gegen Angriffe von aussen soll die Gesamtorganisation bieten. Heute kann jeder Lump Juden und Judentum straflos beschimpfen. Das Parlament, jede Behörde, jeder Truppenkörper bis zur Kompagnie und zum Zug herunter kann sich der Gesamtinjurie erwehren. Wir nicht. Es wird unsere Aufgabe sein, im Verein mit den anderen Religionsgenossenschaften für die Nachfüllung dieser Lücke des Gesetzes zu sorgen. Die geplante Reichsverfassung würde insoferne eine grössere Tribüne für unsere Parteipropaganda schaffen, als die Anstrengungen, welche heute von niemandem beachtet, in einzelnen zionistischen Gemeinden gemacht werden, dann den bewundernden Blicken der Verbandgemeinden offenliegen und die zionistischen Delegierten direkt auf Verallgemeinerung ihrer Schöpfungen dringen könnten. Dass die Reichsverfassung die Juden in ihrem Selbstbewusstsein stärken würde, ist zweifellos. Einheitlich und ohne Zögern würde ein solches Konsistorium in allen Juden und Judentum berührenden Fragen sein Votum abgeben, wo heute ein wirres Stimmendurcheinander herrscht. Wie anders hätte z. B. nur nach Kjschenew eine sofortige Sympathie- und Solidaritätserklärung der österr. Gesamtjudenschaft gewirkt, als die auf Monate hinaus zerläpperten schwachen Lebenszeichen der Einzelgemeinden. Durch die Reichs Verfassung können wir Zionisten die Juden zu einem Staatsvolk so zur Mündigkeit erziehen. Vom kleinlichen KTiillegeist wird so ihr Ehrgeiz auf die Verwaltung eines grossen Ganzen heilsam abgelenkt werden. Thesen. D) Der Gedanke einer Reichsverfassung ist zu schön und gross, als dass er bei der Masse sogleich Eingang fände. Da muss eine lebhafte Aufklärungsarbeit einsetzen. Gewiss werden sich aus der Mitte der Juden wieder Dunkelmänner erheben, die im Namen der Gewissens- und diverser anderer ,,Freiheiten" gegen die Einigung sich auflehnen werden. Doch ihre Zeit ist vorbei. Vor Regierung und Parlament können wir erst treten, wenn wir auf einen einheitlichen Willen und einen genau ausgearbeiteten Plan werden hinweisen können. Das zu erreichen soll der J u d e n t a g dienen. Schluss-Thesen. E) Ich gebe mich keiner Täuschung hin. Die anderen jüdischen Körperschaften werden vielleicht in demselben Momente für die Idee der Reichsverfassung eintreten, wo sie uns Zionisten dafür erwärmt sehen. Doch das verschlägt nichts. Der Gedanke der Reichsverfassung ist so packend, dass jene Herren schliesslich nicht werden ruhig zuschauen wollen, wie wirihn propagandistisch für uns ausnützen. Und selbst wenn die Schwarzseher recht behielten, dass nicht einmal ein solcher Judentag zu erzielen wäre, so muss doch schon das hinwirken, auf denselben ebenso erzieherisch wirken, als dies in Deutschland der Fall war. Doch Eile tut not. Das Parlament, in welchem sich schon 1890 die Antisemiten verschiedener Couleur ^egen die gesetzliche Anerkennung und Regelung jüdischer Körperschaften als Juden stärkend ausgesprochen haben, ist schon in seiner heutigen Zusammensetzung wenig vertrauenweckend.. Wer weiss, auf was für eine Sorte von Volksvertretern jüdische Konsistorialwünsche in zehn Jahren treffen werden?! Aber ist einmal die Form einer Verfassung der israelitischen Religionsgenossenschaft geschaffen, dann soll es unsere, der Zionisten,Sorge sein, die konfessionelle Form mit nationalem Geist zu erfüllen. Wie den Armeniern in Oesterreich, den Serben in Ungarn, den Sachsen in Siebenbürgen aus ihren Landeskirchen, so soll dann uns Juden aus unserem Konsistorium ein Tiefborn nationaler Kraft und Stärkung fliessen. Vielleicht, ja wahrscheinlich werde ich auf Widerspruch stossen, wenn ich die gegenwärtigen Machthaber aus jeder Kombination ausschalte. Mein Korreferent, Herr Kultusvorsteher Bondy, scheint, nach seinen Thesen zu schliessen. eine bessere Meinung von seinen Kollegen zu haben. Je nun, ich stehe unter dem deprimierenden Eindruck der Verhältnisse in meiner Vaterstadt Olmütz und jener in dem schönen Wien. Und dann dürfte mir denn doch der Erfahrungssatz recht geben, dass niemand sich ganz von seinen Jugendeindrücken losreissen kann. Und die derzeitigen Machthaber haben sich in ihrer Jugend mit den Idealen einer falschen Freiheits- und Völkerverbrüderung so vollgepampft, dass sie jetzt noch berauscht durch die traurige Gegenwart einherstolpern. Wir Zionisten, wir nüchternen Phantasten, rufen jenen zu: Schlafet euren Rausch aus und macht uns einstweilen Platz. Das jüdische Volk hat keine Zeit zum Warten. Zum Schluss möchte ich jenen Gesinnungsgenossen, namentlich aus Galizien, welche unser Eingreifen in die Politik nicht erwarten können, etwas sagen: Sie wollen eine nötige Sprosse auf der Leiter zum Endziel übersteigen und müssten dabei zu Falle kommen. Die israelitischen Kultusgemeinden in unserem Rücken, werden wir im politischen Kampfe nichts aufstecken und höchstens unsere zionistische Organisation zerrütten, die jüdischen Volksgemeinden aber in unserer Hand werden wir

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