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Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Dritter Parteitag der österreichischen Zionisten
Date
1903-07-03
Page
11 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 „Die s£ Welt" Seite 11 Der Präsident des A.-C. Herr Dr. H e r z 1 wird bei seinem neuerlichen Erscheinen im Saale mit jubelndem Beifalle empfangen. Bei der Abstimmung wird die Parteisteuer obligatorisch gemacht, ausser für jugendliche und weibliche Arbeiter. Ihre Höhe wird von den einzelnen D.-K. im Einverständnis mit dem L.-K. festgesetzt (Kontingentierungssystem). Von den Schekeleinläufen behalten die galizischen D.-K. 35 Prozent statt der bisherigen 30 Prozent. Hierauf werden die Referate über Gestaltung und Zukunft der österreichischen Kultusgemeind e n erstattet. Erster Redner Dr. Zweig. * Reffrat des £g. Dr. E. M. Zweig. Hoher Parteitag! Liebe Brüder! Am 28. August 1898, am II. Zionisten-Kongress zu Basel war es, als unser Führer Max Nordau in seiner markvollen Weise die Parole hillausschleuderte: „Z i o n i s t e n, e r - o b e r t d i e j ü d i s c h e n Gemeinden!" Jubelnd nahmen die Delegierten diese Parole auf. Und wahrlich, es war ein giosses, es war ein kluges Wort! Schon am Beginne unseres Werkes haben wir Zionisten erkannt, wie viel an Arbeit für dasJudentum die scheidendeGeneration verabsäumt, wie viel sie uns zur Besorgung überlassen, so viel, dass wir durch diese sogenannte „Gegenwartsarbeit" überlastet und unserer eigentlichen, heiligsten Aufgabe, der Pfadfindung und Bahnbrechung zum Endziel, entzogen werden müssten. Da galt und gilt es. die Besorgung der Gegenwartsarbeit zunächst Leuten aufzuzwingen, die für die eigentliche zionistische Propaganda derzeit nicht zu haben sind, und sich jener Organisationen zu bemächtigen, in deren Dienst zu wirken die träge Menge sich im Laufe der Jahre gewöhnt hat. Diese Organisationen, die alle Juden der Welt umfassen, sind nun die Judengemeinden, oder, wie man sie in Oesterreich benamst, die „israelitischen Kultusgemeinden". Und die Zionisten haben es mit der Verwirklichung des Kampfrufes von Basel ernst genommen ,und vor allen wir in Oesterreich, die wir doch sonst — Gott sei es geklagt! — der Gesamtbewegung eher nachhinken als vorschreiten. Schon um die Wende der Jahre 1900, 1901 wagten die Zionisten in einer Reihe von Provinzstädten wie Brünn, Olmütz. Prossnitz, Bielitz und vor allem in der tonangebenden Hauptstadt, in Wien, den ersten Sturm, und tatsächlich gelang es ihnen in Bielitz, Prossnitz, Wien den verblüfften Gegnern einige Kultusmandate abzunehmen. In Wien wurde der Kampf auf Grund eines Wahlaufrufes geführt, der neben der natürlich vorwiegenden, negativen Kritik der bisherigen Zustände auch schon einige programmatische Ansätze enthielt. Der erste österreichische Parteitag zu Olmütz Ende März 1901 hat sodann bei der Beratung eines von Berthold Feiwel entworfenen zionistischen Gegenwartsprogrammes bei einer ganzen Anzahl von Programrnpunkten die weise Glosse hinzugefügt: „Hierzu sind in erster Linie die Kultusgemeinden heranzuziehen!" In erster Linie, d. h. die Zionisten sollen zunächst von den Gemeinden die Verwirklichung der zionistischen Gegenwartspostulate fordern und erst, wenn diese Mahnung erfolglos bliebe, selbst an die Verwirklichung gehen, um durch ihre Tatkraft den Kanal zu beschämen und durch den erhöhten moralischen Druck zur Nachholung des Versäumten zu nötigen. Am zweiten Parteitage in Bielitz Ende Mai 1902 hatte sich unter dem Eindrucke der Referate Weissbergers: ,,Die praktischen Aufgaben und Ziele der Organisation" und Dr. Goldwassers: „Ueber die nächsten Aufgaben der einzelnen Organisationen" die Ueberzeugung vertieft, dass trotz der sorgfältigsten Ueberpriifung und Auswahl noch immer ein Zuviel an Agenden auf uns Zionisten laste. Da. stellte ich den alsbald zum Beschluss erhobenen Antrag: „Das L.-K. wird beauftragt, mit Benützung des während der letzten Wiener Kultusgemeindewahlen aufgestellten Kultusgemeinde-Programms und der Referate W. und Dr. G. ehestens ein offizielles zionistisches Gemeinde-Programm auszuarbeiten und die Frage: „Stellung der Zionisten zur Kultusgemeinde" als eigenen Punkt auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen." Das L.-K. hat nun im Herbste 1902, als neuerlich die Wiener Kultuswahlen in Aussicht standen, unter Berufung auf ienen Bielitzer Beschluss eine Rundfrage an alle D.-K. gerichtet, welche Vorschläge sie für ein Gememdenrogramm hätten. Die erbetenen Vorschläge blieben aus. Das L.-K. hat daher aus eigenem, nach vielen mühseligen Sitzungen im Plenum und Ausschüssen das in Nr. 41 der „Welt" vom 10. Oktober 1902 abgedruckte „Gemeindeprogramm der Wiener Zionisten" verfasst. wobei zu den einzelnen Forderungen immer gleich eine kurze Begründung beigesetzt war. Das Wahlkomitee hat dann dieses Programm durch zuwässernde Popularisierung zu einem Wahlaufruf umgestaltet. Dieser Wahlaufruf hat sich in der Praxis aufs beste bewährt. Der schlagendste Beweis hierfür ist wohl der, dass unsere rückständigsten Gegner behaupteten, fast alle unsere Postulate seien längst auch die ihren. Und gewiss lag nicht an Wahlaufruf und Programm die Schuld, wenn wir Zionisten in diesem von unserer Seite mit schöner Erbitterung geführten Kampfe numerisch unterlagen. Durch diese Verzögerung des Sieges unbeirrt, rüsten die Wiener Zionisten stetig zu neuem Angriff und die blosse Furcht vor ihnen hat das Wunder bewirkt, dass in der Kultusstube der Amtsschimmel vom müden Trott zu einem leidlichen Trab übergegangen ist. Wir wollen ihm mit der Zeit auch die flotte Galoppade beibringen. Auch in Brünn agitierten die Zionisten neuerdings bei den Kultuswahlen, und in mehreren Landstädten, wie z. B. in Kossow und Zydaczow sind sie durchgedrungen, und in Bolechow stehen sie momentan in aussichtsreichem Kampfe. (Diese Tatsachen erzählen nur vom letzten Jahre. (D. Red.) Wenn ich nun heute über „Gestaltung und Zukunft der österreichischen Kultusgemeinden" und speziell unser Programm für dieselben referieren soll, ist es zweckdienlich, an das bewährte Wiener Gemcindeprogramrn anzuknüpfen. Dieses kann sich natürlich als lokales Programm mit einem gesamtösterreichischen Programm nicht decken. Ein solches muss von höheren Gesichtspunkten ausgehen. Und der nächstliegende, der sich jedem Zionisten mit Naturgcwalt aufdrängen muss, ist der: Organisierung der österreichischen Gesamtjudenschaft! Wir wollen ja die Juden der ganzen Welt •zusammenraffen und nur ein faktisches Hindernis, die Reichsgrenzen, zwingen uns zur länderweisen Organisation. Der Gedanke einer Reichsverfassung der österreichischen Judenschaft ist so naheliegend, so evident vorteilhaft, dass er nicht mehr originell sein kann. Und wirklich, seitdem die Regelurg der äusseren Rechtsverhältnisse der Juden in Erwägung dev" österreichischen Regierung stand, und das war seit 1S17 de Fall, und besonders nach der 1880 erfolgten Einbringung des gegenwärtig in Kraft stellenden Gesetzes vom 21. März 1890 haben einzelne Juden und ganze Korporationen sich bemüht, für die österreichischen Juden ein sogenanntes Konsistorium zu erlangen, wie solche nach Frankreichs Muster in Elsass, Baden. Württemberg und im benachbarten Ungarn entstehen. Besonders Moriz Freiherr von Könirswarter hatte es sich zur Aufgabe seines Lebens gesetzt, dies Werk den kommenden Geschlechtern zu sichern. Schon 18S2 hatte er bei einer Enquete im Ministerium die Konsistorialvcrfassung angeregt. Oktober 1885 überreichte er im Vereine mit dem mährischen Landesrabbincr Dr. Placzek den Entwurf einer Konsistorialvcrfassung samt Motivenbericht dem damaligen Kultusminister Baron Konrad., welcher sich dem Plane sehr geneigt zeigte. Doch bald darauf fiel Konrad und niit ihm die Konsistorialidee. Denn von allen Seiten hatte sich Protest aus jüdischen Kreisen erhoben. Da zitterten Khilleoaschas um ihre Autonomie, da liberale Helden vor der angeblich drohenden Pfaffenherrschaft: Hierarchie, dort Germanen und Chassidim vor der Berührung mit aiidersso/ia.len. relhnös-differenten Glaubensgenossen. So musste die Regierung sich bescheiden, die israelitische Religions^enossenschaft in die Form der losen Kultuscomeinden zu kleiden,, und sie zog zur Bemäntelung dieser ihrer Verlcecnheit angebliche historische Gründe heran. Tatsächlich haben aber die Juden, so lange ein Funken nationalem Emnfindens in ihnen glühte, stets die Zusammenfassung der ^"zcleenmindcu angesH-pbt limj wo mno-lich durchgeführt. So wirkte im Königreich Polen durch Jahrhunderte segensreich der ->*\—\: ntM und die mährische JudenscJmft hatte seit rdtershe" ihregen au gesatzte, zuletzt von Moria Theresia bestätigte T midesverfassuncr. mit dem T.o.ndesrnWüncr und den T nnde-s^ltcsten an der Snitze, die bei ihrem Amtsaiitrit+c zur Treue ge^on das jüdische Volk eingesclnvorm wurden.. Der dureb d.r>s geltende Gesetz von 1890 geschaffene Allcinbestnud. der Einzelgemcinden widerspricht also der jüdische" Tradition, ist eine Anomalie, ein nur zu treues Snie^elbild der durch die Assimilation verschuldeten Zerrissenheit des Judentums von heute, eine stete Ankbiee «"egen uns, eine Kränkung unserer Selbstachtung von Tag zu Tag. So hat denn auch die Gegenströmung. d|o auf die Vereinigung der Oememden h<n\\ir'"te. nie ausgesetzt. Pio 1-SSf» tre^nindnfe .,Ocsterrcichisch-fsraclitische Union" h-f dieselbe in ihr Programm aufgenommen und strebt sie neuerdings nach alhnfiiiUcher IJeberwindung der lib^'alen Kinderkrankheiten rnif grösserem Fjfer an. Vor drei Tob reu wurde unter dpr nllerdiiu^ fatalen * ei+nng des aHlihereden P.arteir-reicp«: Pr. Stern der Oesterreiciiisch-lsraelitisebe Oemeind<dnind <>-r~ gründet der formell einen grossen Teil der österreichischen Gemeinden umfasst, aber eine Tätigkeit g1e?eh Null entfaltet. vi>11eirdit eben nur deshalb, weil ihm eis Privatvercin die Autorität n^eh oben nnd "nfen mnnrrpj^ T)?r c0if Fnicpr Jo~e* hostende M,;ilirisch-Jr,dic^he LnudesniDSsafonds. über dessen Verwendung auf der jährlichen Versammlung der mülirisvhcn Gcmcindcdelcgierten entschieden wird, gewinnt seit dem

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