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Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Dritter Parteitag der österreichischen Zionisten
Date
1903-07-03
Page
13 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2? ftDie £ Welt" Seite 13 Juden auch auf politischem Gebiete, wenigstens unserer Zähf entsprechend, reüssieren. Drum laute vorerst unsere Parole.' „Alle Mann an Bord! Zionisten, erobert die jüdischen Gemeinden! Mit uns der Kampf, mit uns der Siegl" (Stürm. Beif.) Dr. Gold Wasser als Referent über taktische Fragen beantragt in jedem Sitze mindestens einer zionistischen Organisation eine ständige Kommission für Kultusgemefndeaftgelegenheiten einzusetzen, die mit Wort und Schrift das in der „Welt" publizierte Kuitusgemeindeßrogramm womöglich in die Praxis umzusetzen hätte; Die Differenzer* zwischen diesem tlttd dem herrschenden System sind möglichst energisch in die Oeffeiltlichkeit zu bringen* foas Interesse für Kultusangelegenheiten ist durch die Presse, Versammlungen und jede Art der Agitation systematisch und durch längere Zeit vor der Wahl zu schüren. Wenn eine rein-zionistische Kandidatenliste unmöglich ist, so darf nur für notorische Gegner jeder Korruption uiid Assimilation eingetreten werden. Ueber Kompromisse entscheidet Unbedingt das D«-K< Abstinenz ist durchaus zu verwerfen. Unsere Kandidaten müssen für folgende Aufgaben in der Kultusgemeinde eintreten: freiheitlich ausgedehntes Wahlrecht; möglichste Einschränkung der indirekten Ge-meindelasten, soweit sie der kleine Mann ohne Entschädigung tragt; Reformation des Religionsunterrichtes im nationalen Sinne; grössere Fürsorge für das Armenw'eseil; Fürsorge für Volksbildung und -Aufklärung. (Lebhafter Beifall.) Del. Julius B o n d y - Hofowitz (stürmisch begrüsst) führt folgendes aus: Wenn ich über taktische Fragen in den Kultusgemeinden spreche, habe ich speziell Böhmen im Auge. Namentlich die uns so wichtige Kindererziehung liegt bei uns sehr im Argen. Bis ins Alter der Mündigkeit wächst unsere Jugend auf, ohne aus Lehrermund auch nur eine Nachricht von der Existenz des Zionismus zu erhalten. Meine Erfahrungen lassen mich glauben, dass sich Rabbiner für die Verteilung und Verteidigung nationaler Jugendschriften finden lassen werden und auch solche Rabbiner, die bei dem fortwährenden Wechsel der Religionsbücher uns genehme zur allgemeinen Annahme bringen würden. Bei der Agitation unter den Erwachsenen muss man auf harte Arbeit gefasst sein. Denn die langjährig gewohnte Assimilation ist in vielen Fällen auch noch eine Brotfrage, und eine Bekehrung dürfte kaum ohne zeitweilige Konzessionen an die Notwendigkeit möglich sein. Demgegenüber muss die Aufklärung emsig betrieben werden und wird durch die Intelligenz und Urteilsfreiheit der relativ gut stehenden böhmischen Juden gefördert werden. Da notorisch in Böhmen die Kultusgemeinden aus den intelligentesten und einflussreichsten Personen bestehen, so wäre der Gewinn des Kopfes für uns der Gewinn des ganzen Körpers. Unsere ausgesandten Redner müssen daher mit ihnen in persönliche Verbindung treten und sich ihre Zustimmung sichern. Eine unausgesetzte Agitation durch Broschüren wäre bei der Intelligenz von grossem Werte. Der Rabbiner muss die Parteiblätter gratis erhalten. Zur Gewinnung des trotz aller gegenteiligen Phrasen im Herzen selbstbewussten Juden müssen wir mit der Propaganda für nationales Trutzjudentum anfangen, um trotziges Nationaljudentum zu erwecken. Es ist schwere Arbeit, ich weiss es, aber ein in materieller und vor allem moralischer Hinsicht begehrenswertes Ziel, die Eroberung Böhmens. Wir werden es im Gänze gewinnen, das ist mir gewiss. (Lebhafter, langanhaltender Beitall.) Die Sitzung wird hierauf geschlossen. Der Kommers, Sonntag abends fand zu Ehren der Delegierten ein Kommers sämtlicher Wiener Organisationen statt. Trotzdem während der ganzen Verhandlungen herrliches Sommerwetter ins Freie lockte, blieben während der Verhandlungen die Galerien bis in die späte Nacht dicht gefüllt und der Kommerssaal mit seinen viejen hundert Plätzen war bis ins letzte Eckchen besetzt Ein reizender Damenflor erhöhte die Stimmung, die im Jübelsturm während und nach der Rede Dr. Herzls ihren Ausdruck fand, der sich zum Wortführer ruhiger Zuversicht und entschlossenen Arbeitswillens machte. Mit Dr. Herzl waren sämtliche Herren des engeren A.-K. erschienen. Alle unsere Lieder sagen, was wir wollen. Brausende Massenchöre wechselten mit den kunstvollen Darbietungen des neugegründeten Gesangvereines „Schir Zion" (Obmann L. Sitzmann) unter Leitung seines Chormeisters Prof. Loewenstamm. Eine besondere stürmisch applaudierte Ehrung erfuhr der Obmann des Landeskomitees, Prof. Dr. Krenberger. Eine Mädchengruppe, bestehend aus Mitgliedern der Vereine „Moriah", „Hadassa" und „Bikur Chaulim", reizend kostümiert mit blauweissem David-Stern im Haar, bestieg das Podium und die Sprecherin, Frl. Berta Herrmann, überreichte ihm eine Dankadresse sämtlicher Wiener Organisationen für sein Wirken im Zionismus. Sinnig ^enug hatte die Adresse die Form eines Diploms — die Graduierung eines Doktors zum Graduierten des Zionismus Herr Dr. Herzl führte ungefähr folgendes aus: Ich will aus meiner Zuhörerrolle heraustreten und sagen, was ich heute wahrgenommen habe. Ich habe vor allem wahrgenommen, dass wir bereits der? Rahmen haben, der nur noch immer besser gefüllt werden muss. Der zionistische Gedanke, der siegreich durch die Welt geht, der in allen von Juden bewohnten Ländern seine starken Organisationen besitzt, könnte m Oesterreich viel mehr Erfolge' haben als er tatsächlich hat. Es fehlt uns nicht an rhetorischen Kräften und die Organisation hat weitreichende Verästelungen, die nur einer Stärkung bedürfen. In den Thesen, die zur Gewinnung der Kultusgemeinden aufgestellt worden sind, habe ich ausgezeichnete Anregungen gefunden. Diese müssten nur in das Leben der Kultusgemeinde herausgetragen werden und es wird an einem Siege nicht fehlen. Mir wenigstens bieten sie die Gewähr, dass von ihnen eine gute Wirkung auf die Judenschatt Oesterreichs ausgehen wird. Wenn Sie mit dem ausgezeichneten Programm, welches Sie für die Kultusgemeinden haben, an die uns fernestehenden Kultusvorstände herangehen, so muss dieser Mann, wenn er nicht schwach an Geist ist, einsehen, dass wir ihm etwas bringen. Ich bin selbst überzeugt, dass das so Vernünftige, so Wahre, das in diesen Punktationen steht, nicht ohne Erfolg bleiben kann, und ich bitte Sie, diese Anregungen in. der Debatte des morgigen Tages fruchttragend auszugestalten. Uns ist keine Kultusgemeinde zu klein, und wir wollen mit Hilfe der kleinen gegen die Cliquen der grossen ankämpfen. Unsere Bedeutung ist nicht so sehr die Zahl als die aktive Kraft, die in uns wohnt. Wir müssen unablässig die Judenschaft Oesterreichs aus ihrem Schlafe aufrütteln. Wogegen wir ankämpfen, illustriert der Kampf der Wiener Zionisten gegen die Kultusgemeinde am deutlichsten. Unsere gesunde Art, die Vorgänge in dieser Gemeinde und alle ilcichartigen in die öffentliche Diskussion zu bringen und die ruhige Bemeisterung ihrer Konsequenzen, wird uns noch zu grossen Erfolgen verhelfen. (Stürmischer Beifall.) Den Begrüssungstoast hielt Herr Dr. S c h a 1 i t, der aus dem Werdegang des Zionismus seine Zukunft beurteilte und die Brudergemeinde feierte, die der Zionismus in der ganzen Welt bedeutet. Er fand raschenden Beifall. Für die einladenden Korporationen sprach Dr. Bernhardt. Zukuuftsfreudiges, modernes, im Brudergefühl herzliches Judentum erfüllte den Saal vom Vestibüle mit seiner Ausstellung nationaler Motive bis zum Wintergarten mit seinem Biumengruss aus dem Orient. Die Damen entfalteten ihre berühmte Werbekraft für den Nationalfonds. In allem — wir bekamen schöne und willkommene Wort von Gästen, die bis zum Kommers noch keine erklärten Zionisten waren. (Die Fortsetzung des Berichtes über den Parteitag folgt in nächster Nummer. D. Red.)

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