Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Article
- Dritter Parteitag der österreichischen Zionisten
- Date
- 1903-07-03
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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„Die # Welt*' Seite 9 umsetzen. Diesen Weg möchte ich vor allem durch den dritten österreichischen Zionistentag gewiesen haben, hier gerade auf dem Sitze der grössten jüdischen Gemeinde Oesterreichs, von wo die anderen Gemeinden sich Vorbild und Nacheiferung holen. Wenn der dritte österreichische Zionistentag Entschlüsse in dem Sinne gefasst haben wird, auf dass wir mit unserer strammen und festen Verbindung statt israelitischer Kultusgemeinden jüdische Gemeinden in Oesterreich werden aufrichten können, dann wird dieser Tag seine Pflicht getan haben, dann wird er denkwürdig sein für alle Geschlechter. Das walte der Ewige! Die Verhandlungen des dritten österreichischen Zionistentages sind eröffnet. Vereinigen wir uns zu kurzer stummer Ehrung aller derjenigen, die im verflossenen Jahre das Zeitliche gesegnet haben und einst in unseren Reihen gestanden sind. Ihr Andenken sei in uns lebendig! (Geschieht.) Die Vertreter der ungarischen und der deutschen Organisation begrüssen den Parteitag. Hierauf werden in den Legitimationsausschuss gewählt die Herren: J. Bondy-Horowitz, Dr. Syrop-Krakau und A. Freud- Wien. Die Geschäftsordnung des vorjährigen Tages wird en bloc auch für diesen angenommen. Dem hierauf vorn Obmann Dr. K r e n b e r g e r erstatteten Rechenschaftsberichte des L.-K. entnehmen wir, dass im verflossenen Halbjahre 131 Vereine bestanden. (Materielle Leistungen siehe später Referat Gewitsch.) Die rumänische Auswanderung betreffend, wurden die Sammlungen des L.-K. an die Allianz geleitet. In kultureller Hinsicht wurde die Ackerbauschule, Projekt Beikind, unterstützt, vorbereitende Schritte zu einer Schulmänner-Konferenz über den jüdischen Religionsunterricht eingeleitet und ein Agitationszyklus für eine jüdischnationale Schule von Dir. Weber veranstaltet. Die Agitation für den Schekel wird besonders in der Purimwoche (Schekelwoche) durch Sammlungen, Abende, Feiern etc. betrieben. Das L.-K. sucht bessere Einnahmen zu allgemeinen Agitationszwecken durch Verkajuf von national markierten Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens zu erzielen. Der Verkehr mit den D.-K. ist äusserst lebhaft. Eine seither bewährte Neuerung ist die Bestätigung neuer D.-K. und zionistischer Blätter durch das L.-K-, die erst nach Gewähr des Erfolges, resp. der Tüchtigkeit gegeben wird. Temporäre Zirkulare zum Zwrecke der Agitation für Nationalfonds und Bank wurden abgeschickt. Die nächste Aufgabe sieht das L.-K. in der Gründung zahlreicher Shareklubs in Oesterreich. Berichte über die mögliche Gründung von Vorschusskassen werden verlangt und die Gründling unterstützt. Die Vereine werden dahin belehrt, ihre wirtschaftliche Macht als Organisation zu gebrauchen. Ein grundlegendes Kultusgemeinde-Programm wurde vom L.-K. ausgearbeitet. Ein Kompromiss wurde mit der Jüdischen Volkspartei geschlossen. Der Gedanke einer zionistischen Korrespondenz wurde vom A.-C. zur Ausführung übernommen. Das L.-K. gab Nordaus „Zionismus" und Herzls „Judenstaat", 6. Aufl., durch Vermittlung des Jiid. Buchu. Kunstverlages in Brünn heraus. Eine sehr wertvolle Gründung ist die von nun an geregelte monatliche Ausgabe von Mitteilungen des L.-K. als Zeitung „Zionl\ (In der ersten Nummer vom 20. Juni ist dieses Referat und sind die Thesen zu sämtlichen anderen enthalten. Wir können ihre Wiedergabe umsomehr einschränken, da das Blatt jedem österreichischen Zionisten umsonst zugestellt wird, wenn er die Parteisteuer entrichtet. D. Red.) Del. Dr. M e n c z e 1 erklärt in der Diskussion, welche Verhältnisse die Entwicklung des Zionismus in der Bukowina schädigen. Im ersten Durchgangsland des östlichen Judenelends war man gezwungen, jeden auftreibbaren Kreuzer zur Stillung der ersten Not der Auswanderer zu verwenden. Nichtsdestoweniger ist der Stand der organisierten Zionisten in der Hauptstadt ein bedeutender. Del. Weissglass polemisiert gegen diese Ausführungen und verlangt unbedingt Leistungen für den Zionismus als hervorragendste Notstandsaktion. Del. K reppl verlangt vom Delegiertentag Spezialdirektiven für jedes Land in Bezug auf die Stellung der Zionisten zu den Kultusgemeinden. Herr Dr. He r zl erscheint im Saale und wird mit jubelndem, nicht endenwollendem Beifall empfangen. Del. Sitzmann wirft dein L.-K. mangelnde Initiative nach der Kischenewer Affäre vor und kann die Gründe desselben nicht anerkennen, wornach gerade in Wien eine Protestversammlung unterblieben ist. Seinen Ausführungen schJiesst sich Del. W a s c h i t z - Wien an. Del. B r a f f - Bielitz bemerkt hierzu, dass die „W e 11'; die grössten Summen unter den jüdischen Blättern ausgewiesen hat, dass demnach die Zionisten, wenn sie auch kluge und weitschauende Vorsichtsmassregeln im Reden beachteten, im Tun nichts zu wünschen übrig Hessen. Del. Krüger- Bielitz wünscht, dass alle Propositionen zionistischer Tagungen früher als bisher an die Delegierten abgehen, damit ein gewissenhaftes Studium derselben ermöglicht werde. (Zustimmung.) Dazu müssen auch die Wahlen früher angesetzt werden. Er will genaue Untersuchungen im „Zion" darüber angestellt haben, wie die Bewegung in Oesterreich energischer vorwärts zu bringen ist. Stenographische Protokolle der Landestagungen müssen herausgegeben werden, um aus den Debatten überlegte Schlüsse ziehen zu können. Das L.-K. hat die Disziplin gegen den Parteitag verletzt, gegen dessen Beschlüsse es Kompromisse mit anderen Parteien eingegangen ist. Del. Dir. Weber und Dr. Bernhardt schildern die fleissige Arbeit des L.-K. aus eigener Anschauung und empfehlen die dankende Kenntnisnahme seines Rechenschaftsberichtes. Del. Gross bespricht den Umstand, warum die Debatte über das Referat „Stellungnahme zu den nicht zionistischen Parteien" nicht auf der Tagesordnung stehe. Diese Debatte müsste endlos werden, weil jeder Ort beinahe eine andere Direktive brauche, um in dieser drohenden Zeit keinen verhängnisvollen Anstoss zu erregen. Denn die Volksvertretung in Oesterreich ist jetzt derart, dass die Regierung ihr gegenüber die Juden schützen müsse, und ohneweiteres würde sie jeden antisemitischen Antrag aus Regierungskreisen annehmen. Wenn also eine jüdische Gemeinde Galiziens es wagen sollte, die polnische herrschende Kaste z. B. zugunsten der Rutheiien auch nur nicht zu unterstützen, so wüssten eine Menge wirtschaftlicher Massnahmen ihr bisschen Existenz zu vernichten, wie es so oft schon der Fall war. Als schwerste dieser Massnahmen müsste die Sonntagsruhe gelten, deren strikt gebotene Einhaltung die Woche der galizischen Juden in zwei Feiertage und fünf Fasttage einteilen würde. Gegen solche Verhältnisse kann keine ideale Politik ankämpfen. Wir können auch nur schwer eine Wirtschaftspolitik treiben. Kein Einfluss ist gross genug, um die Masse des jüdischen Volkes, die kleinen Zwischenhändler, gegen den natürlichen Gang der wirtschaftlichen Entwicklung zu halten. Wirtschaftlich eingreifen und stützen können wir nur in Vereinen unserer Arbeiter und Angestellten, deren Arbeitsmarkt wir vergrössern helfen. Wenn Vorwürfe gemacht werden, dass die Zionisten keine Aktionen wegen Kischenew gemacht hätten, die Sozialdemokraten aber doch, so sei zu bedenken, dass wir unsere grundsätzlich legale Organisation in Russland aufs Spiel setzten, wovon bei den Sozialdemokraten allerdings keine Rede sei, Kompromisse sind nur geschlossen worden in unbedingter Disziplin unter die Forderungen zionistischer Tage und die abgeschlossenen bedeuten bei der Anerkennung des Baseler Pro-