Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Article
- Ein Londoner Zionistenmeeting
- Date
- 1903-05-22
- Page
- 11 (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 21 JDle s£ Welt60 Seite 11 hasstesten Anstifte! des Krieges. Das arme Volk in Kischenfewr versucht e sich zu retten, Indem es in seine Fenster russische Heiligenbilder stellte. Das ist unsere Geschickte in einer Husssehale. In Augen blicken der Gefall* hissen wir die feindliche Flagge, Und «e-s fehlt nichts auf dem Wege — die Heiligenbild er-Schüt2«er von Kischenevw sind LeiLte, speziell auserwählt für die Kreuzigung. Der jüdische Nationalismus. Es wird gesaigt, dass der Zionismus den reinem jüdischen Prinzipien entgegengesetzt sei, entgegen dem Prinzipien unserer grössten Propheten* Warum? Es gal) nie solclie Nationalisten wie unsere Propheten oder abej es gab »Le solche Internationalisten. Si«& sahen bloss ein, dass der Internationalismus seine Wuraeln im Nationalismus hab en müsse, iass es keine Völker!)jüderschaft geben könne, ohne dass di<e Leute Brüder wäre», Bevor ich einem Bruder haben kann, muss er mich zum Bruder haben wollen. Es gehören immer zwei dazu, mm Brüder zu sein. Die Nationalität ist die Personalität eines. Volke &. Wenn wir ein eigenes Land Siaben, können mr anfangen, von Verbrüderung zu sprechen. Es erscheint, ziemlich verdächtig von einem Volke oline ein solches. Eis gleicht einem Schnorrer, der vom Sozialismus spricht, Elm. Fuchs, der seinen Schwanz verlor, würde seine Brüder von dem Nachteilen eines Schwanzes Besser überzeuge» können, als in den Tagen, da er noch seine stolze Bute trug. „Sei lieber der Schwanz b«ei Löwen, als der Kopf bei Füchsen", sagt der Rabbi. Sei lieber der Schwanz bei Nationen, als de*r Kopf von Zigeunern. Wir stehen im Frieden, aber/ein Vorschlag auf allgemeine Abrüstung würde mehr Gewicht haben, wenn er vo>n Deutschland, als wenn er von Monaco käme. Wenn wir wollen, dass die Völker a.uf uns hfcren, müssen wir sie vor allem dasu bringen,, dass sie uns respektieren. Um die Ideale unserer Propheten, zu erfüllen, müssen wir einen eigenen Bodsa haben. Um sie predigen zu können, müssen wir eine eigene Tribüne haben. Um der Welt das Muster eines Staates zu zeigen, muss uns ein eigenes Land zur Verfügung stehen; wir können das aber ni&ht in einem Land*3 wo wir bei Gefahr unseres Lebens oder, was noch ärger ist, unserer Stellung in der Gesellschaft die Heiligenbilder unserer Nachbarn heraushängen müssen. Es ist nicht s«o3 als ob die Antizionisten wirklich international, wirklich Kosmopoliten wären; im Gegenteil, sie sind Lokalpatrioten und Chauvinisten. Zweierlei Mass. Ich beklage es nicht. Es ist unmöglich zwei Völkei n anzugehören und die Juden eines jeden Landes wählen naturgemäss das Volk, unter dem sie le"ben. Man sagt, die Juden hätten sich durch 18 Jahrhunderte daran gewöhnt, zwei Völkern anzugehören, aber das ist eine Einbildun g. Solange als sie körperlich und geistig in cten Ghettis gehalten wurden, gehörten sie nur einem Volke an, ihrem eigenem, Sobald sie aus ihrem sie schützenden Gefängnis entlassen wurden, wurden sie von dem stärkerem, reicheren Volke aufgesogen und assimilierten sich im Laufe von drei Generationen, selbst da sie die Einrichtung des Unteireinanderheiratens beibehielten. Es ist absurd von den AnfeLzionisteii, Kosmopolitismus zu predigen. Mr. Claude Monte fi o r e hält britische Kriegspredigten, seine Schwester Ms. Lucas schreibt ein hübsches patriotisches Gedielt „Mutter England", ias in jüdischen Schulen gesungen wird. Der Nationalismus ist zwar niedrig und engherzig, wenn es sich um „Mutter Zion" handelt, aber wenn es sich um «Mutter England" handelt — ah, das ist was anderes. Mutter England und Mutter Zion. „Denn die" Juden haben Herz und Hand für unsere „Mutter England" und sie beide gehören dir heute, und fürs ganze Leben." Es ist eine fein e Emotion und England verdient es um ums und unsere Leben stehen ihm zur Verfügung. Aber ich finde dieses (Gedicht nicht höher als unsere alten Gefühle: „Wenn ich dein vergesse,Jerusalem, so verdorre meine Beeilte." Eine alte jüdische Legende lässt Jeremias nach der Zerstörung des Tempels ein einsames Weib sehen, auf dem Gipfel eines Berges sitzend, in Sehwarz gekleidet, das Haar aufgeLöst. Jeremias nähert sich ihr und fragt sie: „Wer bist du? Sie antwortet: „Kennst du mich nicht? Ich bin Mutter Zion." Fünfundzwanzig Jahrhunderte sind vorüber und noch w«int sie um ihre Kinder. Aber erst unter den letzten Generationen sieht sie sich von ihren eigenen Kindern Verstössen, hört sie ihre eigenen Kleinem singen: „Mütter England!" Ach, wie wird ihr armes Geliirn irre, wenn sie die einen „Rule Briiannia", die anderen die „Marsellaise" ul I drüben die „Wacht am Rhein* singen hört. Der eine Sang, der am nächsten liegt, ist der Sang, den wir Zionisten bei unseren Versammlungen singen, „Hatikwah", das Lied von der nationalen Hoffnung. Mit drei Dingen ist dm England das Wort „National^ ganz besonders verknüpft: Es ist dies der Nationalbarde Shakespeare und sein Prophet ist Mr. Israel Gollancz, dann das Diktionär der Nationalbiograjhien, der Herausgeber ist Mr. Sidney Lee und das Nationaitheater, „Drury Lanea und der Direktor i&t Mr. Arthur € ollin s. Jüdische Verächter ier Juden. Juden sagen, wir könnten kein eigenes Land haben, aber ich glaube nicht, dass etwa im Palästina die nationalistischen Talente dieser Herren gänzlich versiegen würden. Seit mehreren Generationen wurde nur ein einziger Feiertag dem britischen Kalender hinzugefügt und da_s ist der Primelatag. Der britische Imperialismus wurde geschaffen \on einem jüdischen Politiker und ich verzweifle nickt ganz, dass wir fähig sind, geeignete Führer hervorzubringen, selbst für ein Land wie das umsere. Während wir sagen, wir können unt&r eigener Herrschaft nicht zusammen wohnen, dass wir daher tiefer stehen als die Indianer oder die Eskimos, als die Ameisen und Bienen, sagt jedermann von uns: „Du lieber Gott, wenn diese Leute nur zusammenhalten würden, wenn sie der eigenen Macht sich bewusst würden!" Man hält uns für ein gescheites Volk, aber das ist eine Verleumdung. Wir sind gescheit als Individuen, aber als Volk stehen wir tiefer als die Hottentoten. Wenn os eine Sache giftt, an welche mancher Jude mehr denkt, als er sollte, sc ist es der TachlitJi. „Was trägt das ein?" fragt er. Wenn es etwas gibt, woran das jüdische Volk vergessen hat — so ist es der Taehlith. Von einem Land ins andere fliehen, Dinge Ton einem Tage auf den anderen verschieben. Ein guter T«il unserer Wohltätigkeit besteht im Versenden von armen Leuten von Manchester nach London, urn sie dann von London nach Manchester zurückzuschicken. Dieses Federballspiel scheint unser jüdisches Armenamt zu unterhalten. Es verleiht ihm dem Anschein grossem Rührigkeit. Assimilatorische Wohltätigkeit. Ein Laiii bringt Verantwortlichkeit, zweifellos. Man müsste dafür kämpfen. Aber jetzt seid ihr die Konskribierten in Eussland, in Deutschland, in der ganzen Welt. In der Schlacht von Kischenew allein waren eure Opfer sogar nach den offiziellen D aten 45 Getötete, 424 Verwundete; 700 Häuser und 600 Läden wurden geplündert. Der Verlust an Vermögen übersteigt 100.000 Pfund Sterling, welchen wir gut zu machen haben. Und obgleich ich meinen Beitrag gebe, gebe ich ihn ungern, weil er dem Zionismus ge^t-ohlen ist und weil ich fühle, dass die