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Die Welt · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Article
Ein Londoner Zionistenmeeting
Date
1903-05-22
Page
10 (sequence 9)
Language
German
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Seite 10 „Die 0 Welt" Nr. 2t: ich in der Lage, Ihnen die Debatten dieses Ministerrates über die Baron Hirse h'schen Propositionen bei Gründung der „Icaa vorzulegen. Hören Sie auf den russischen Geschichtsschreiber, den ich vorsichtig abkürze. Der Plan für die Auswanderung der russischen Jaden nach Amerika, der der Regierung zu Beginn des Jahres 1900 vom Baron Hirsch vorgelegt worden war, erschien ihr als die beste Lösung der Judenfrage, obwohl damals Zweifel an seiner Ausführbarkeit ausgedrückt wurden. Dieses Projekt erfreute die Regierungskreise umsomehr, als ihre eigenen Versuche, die Frage in der einen oder anderen Art zu lösen, resultatlos geblieben waren. Wie der Finanzminister Bunge ausgeführt hat, bewegten sich die Versuche der russischen Regierung — die Freiheiten der Juden zu erweitern oder zu beschränken — in einem magischen Kreise, Alles, was sie unternehmen mochte, brachte dem Judentum manchmal Freude, manchmal Leid, aber niemals etwas Gutes für die russisch-christliche Bevölkerung. Die Judenfrage — eine Christenfrage. Halten wir bei dieser Stelle einen Augenblick inne. Die Judenfrage ist für Russland also eine Christenfrage: Wie den armen Christen zu helfen wäre! Auch bei unserer East-End-Agitation haben wir das nicht verstanden. Unsere Parlaments-Kommission tagt nicht um den Juden zu helfen, sondern um den Christen zu helfen. Wenn also die „Ica44 von der Lösung der Judenfrage in Russland spricht, vergessen wir nicht, was diese Frage wirklich bedeutet; wie man die Christen von uns befreien kann, die Juden sind für Russland eine Last. Als Russland seinen Teil von Polen einsteckte, was es in drei Aufeinanderfolgen tat, fand es Millionen von Juden unter der Beute, es musste mit dem Guten das Schlechte in Kauf nehmen. Im Jahre 1888 sprach es der Gouverneur von Kamenetz- Podolsk in seinem Jahresbericht aus, dass ihre Auswanderung aus Russlaad sehr erwünscht wäre, woran der Zar die Bemerkung knüpfte „und in derTatsehr vorteilhaft". Im Jahre 1890 schlug der Polizeipräsident von Odessa vor, den jüdischen Auswanderern das Recht abzusprechen, nach Verstreichen einer gewissen Zeit nach Russland zurückzukehren. Des Zaren Antwort war: „Gut!" Es ist daher leicht verständlich, sagt der russische Historiker, mit welchem Interesse die Regierung die Vorschläge der „Ica" in London aufnahm, im Laufe von 25 Jahren 374 Millionen Juden zur Auswanderung zu verhelfen. Für den Anfang nahm die „Ica" in Aussicht, im Jahre 1892 25.000 Juden nach Argentinien zu schicken. (Wie wir uns erinnern, gibt es im Jahre 1903 dort im ganzen 4274.) Daraufhin schlug Admiral Tehischatcheff vor, von diesem Glücksfall zu profitieren und durch Schübe, welche den jährlichen Zuwachs der Juden übersteigen, ihre Auswanderung zu organisieren. Er beantragt deshalb, dass der „Ica* für jeden auswandernden Juden 5 R 84 Kop. bezahlt werden sollen unter der Voraussetzung, dass 130.000 Juden im ersten Jahre oder in 5 Jahren 650.000 Juden zur Auswanderung gebracht werden. Die Zahlungen sollten alle 5 Jahre der Koscherfleischtaxe entnommen werden. Ich will Sie weder mit der Debatte über diesen Antrag, noch über ein Amendement belästigen, welches der Minister des Innern, J. J. D um o v o dazu stellte : Für den Fall, als die „Ice" nicht eine bestimmte Anzahl Juden hinausschaffte, mit ihr zu brechen. Der Antrag fiel. Aber im selben Jahre 1892 benutzte der Minister des Innern im Einvernehmen mit dem Finanzminister den Koscherfleischfonds,* um einzelnen Emigranten dazu zu verhelfen, Russland zu verlassen. So eilig hatte es Pharao, die Juden ziehen zu lassen, dass der Beamtenschimmel ausseracht gelassen wurde. Ihre Pässe wurden ihnen ohne Taxen hingeworfen, und alle Folgen ihrer Entziehung vom Militärdienste ihnen nachgesehen. Russland und die „Ica". Durch den Protest des Ministers Witte, dass dies zu grösseren Entgangen führen könnte, wurde die Tatsache, dass den jüdischen Auswanderern die Auswanderung so leicht als möglich gemacht werden sollte, bloss der „Ica* vertraulich mitgeteilt. Für den Fall der Rückkehr solcher Emigranten nach Russland müssten die Kosten ihrer Wiederansiedlung von der „Ica" bestritten werden, welche zu diesem Behufe ein Depot von 100.000 Rubel beim Minister des Innern hinterlegen und immer ergänzen müsste. Für den Fall, dass solche Repatriierungen die Oberhand gewönnen, sollte die Regierung die Tätigkeit der „Ica* einstellen. Unter dieser Bedingung wurde der „Ica" vom Zaren gestattet, ihre Tätigkeit zu beginnen. Dies nun ist. die Lage in Russland. Nicht eine Judenfrage, sondern ein Problem der Christen. Wir sind nicht die Träger, wir sind die Störer des Friedens. Ob diese Ansicht richtig oder falsch ist, ob wir den Nationen nicht viel mehr geben, als wir von ihnen empfangen, ob wenn Russland seinen Juden jenes kostbare Lebensblut des Handels, die freie Zirkulation durch das ganze Reich gewähren würde, ss nicht seine Macht vermehren und seine hungernden Bauern ernähren würde — das ist eine andere Frage. Es genügt, wenn es sich weigert, diese Anschauung anzunehmen, dass es uns nicht braucht, dass was es braucht, eine Einheit von Kirche, Staat, Sprache und Blut ist, welche wir gleich anderen ihrer andersgläubigen und tributpflichtigen Rassen stören. Russland will die Juden los werden. So entfernt ist Russland uns zu brauchen, d ass es 12 Shilling für einen Kopf zu zahlen bereit ist, um uns los zu werden. Und wie darf ein Volk von unserer Kraft und von unserem alten Stolze eine solche unmenschliche Stellang, des sich Aufdrängens einemVolke, das es nicht will, des sich an jedermanns Halswerfens und Rufens: „Mein Bruder, auch ich bin Russe, auch ich bin Franzose, auch ich bin Rumäneu, akzeptieren? In Frankreich hören wir „Nieder mit den Juden44 und in Rumänien „Hinaus mit den Juden!44 Sogar England und Amerika beginnen zu rufen: „Du bist kein Bruder, du bist ein Fremder!" Solange ein Mensch ein gesundes Glied hat. darf er nicht betteln, und solange ein Ort auf Erden ist, wenn auch eine Wüste, wo wir für uns eine Heimat errichten könnten, ist es unsere Pflicht, dort eine Heimat zu errichten. Iss Zwiebel, solange als es unter deinem eigenen Dache ist, sagt der Talmud. Wer kein Land hat, ist kein Mensch (Mann!). Und ähnlich ein englisches Lied. Der gute Prinz Charlie, der englische Thronprätendent, aus dem Geschlechte der Stuarts, schrieb auf ein Blatt Papier, das in Windsor aufbewahrt ist: „Zu leben und nicht zu leben, ist ärger, als zu sterben". Das ist unsere Lage. Ich würde es lieber sehen, wir stürben, und es wäre zu Ende. Die Mission der Juden. Ich danke dem Himmel, dass wenigstens zehn Stämme verloren gegangen sind, Dass wir eine geistige Mission unter den Völkern zu erfüllen haben, gleicht der Prätension, dass die „Ica44 eine Kolonial-Gesellschaft ist. In der letzten Woche war ich in der Oper, wo die Logen gefüllt waren mit reichen Juden, und ich dachte an das Baron Hirsch'sche Wort : „Wenn ein Jude reich ist, hört er auf, Jude zu sein.41 Die einzige Mission, die wir vollbringen, sind Irrtümer. Was unsere Prediger und Lehrer predigen ist, dass die Mission Israels eine Unter-, -werfung ist. Durch Nichtstun beseitigen sie unser eigenes Ideal, nämlich die uns eingeredete Mission des Friedens und der Brüderlichkeit auf der ganzen Erde. Lasst einen Krieg ausbrechen, und wir sind die ver-

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