Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Article
- Ein Londoner Zionistenmeeting
- Date
- 1903-05-22
- Page
- 9 (sequence 8)
- Language
- German
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n^m „Die Welt" Stite 9 Mein „hlaoffizieller" Bericht zeigt, wie phantastisch die Hoffnung der „Icatf ist, die Judenfrage in Russland zu lösen. Beamte in Uniform mischten sich offen unter die Aufrührer, deren Führer den besten Ständen angehörten, die die „Intelligenz" und selbst Theologiestudenten umfassten, Dd-e Polizei verhaftetste bloss Juden, die sich zu verteidigen suchten. Die Polizei und die Soldaten nahmen an der Plünderung teil. Z"wei Leutnants schändeten und töteten «äne Jüdin im Angesichte ihrer Soldaten. Wo die Juden versuchten, sich dadurchjzu verbergen, dass sie christliche Heiligenbilder zur St hau stellten, trieb sie die Polizei hinaus, wo sie misshandelt, und gekreuzigl wurden. Die jüdischen Fuhrleute, welch« es wagten, die Verwundeten in die Spitäler zu transportieren, wurden niedergemetzelt. — in eimem Lande, das zur Roten Kreuz-Liga gehört. Der Gouverneur telegraphiertes am Sonntag morgens nach Petersburg um Instruktion«]!, inhibierte aber alle Privatdepesch^n dorthin. Am Montag morgens, nachdem grässliche Szenen sich abgespielt hatten, gelang es einer jüdischen Deputation zum Gouverneur zu kommen und von ihm wirksame Schutzmassregeln zu verlangen. Er erwiderte leichthin, sr könne* nichts tun, denn er habe nochnichtsaus St. Petersburg bekommen. Sie baten, im Hofe bleiben zu dürfen. Er ordnete an, dass sie* aus demselben vertrieben werden. Die Antwort aus St. Petersburg kam eist Montag abends. Inzwischen machten die vornehmen Leute von Kischenew Ausfahrten, um sich den Spass anzusehen. Der christliche Vorsitzende der Handwerkerkammer im Kischenew verteidigte die Aufständischen ausdrücklich, mit der Begründung, dass sie geglaubt hätten, gemäss den Petersburger Befehlen gehandelt au haben. Im offiziellen Bericht selbst lesen wir, dass die Ereignisse von Kischenew in vielen anderen Teilendes Eeiches unter den Juden B eunruhigung erzeugt und sie veranlasst haben, Gesellschaften zu ihrem eigenen Schutze zu bilden; der Minister des Innern erklärt die Bildung solcher Selbstverteidigunge-Gesellschaften für unzulässig;. Das ist das Land, innerhalb dessen Grenzen di© „Icaa die Juden frage zu lösen hofft. Sie kann dort sehr einfach gelöst werden, deum wie Madame 3N o wikoff mir neulich gütigst gesagt bat, ist sie dort eine religiöse Frage, nicht wie anderwärts eine ökonomische Frage. Auch eine Losung der Judenfrag*. Lsa.sst»die Juden Christen werden. Das war alles. Mir schien es, dass es eine andere Lösung gäbe, dass die Russen Christen weiden. Aber beide«, meine Lösung und ihre, sind gleich unausführbar, mm muss nur fragen, warum iie „Ica" vor der Ausführung de:r von Baron Hirsch ausgedrückten Politik zurückweiche. „Gibt e^s eine Hoffnung auf bessere Tage für die Juden-im Russland?" fragt Mr. Luden Wolf. Und der Baron antwortet: „Keine wie immer geartete!" Keine wie immer geartete; so lange als Juden Juden sind uni Christen Wilde. Keine wie immer geartetes, solange als jedes Osterfest di<e schreckliche Besehuldigurg von der jüdischen Kreuzigung zurückbringt, Und wenn ieli sage : Dann lasst die russischem Juden durch die Millionen Hirschs nach Palästina bringen, so erkLären Mr. Wolf und Dr. G a s t e r dies als ein-e Politik des Raubes. Raul)! Wer wird sagen, dass der wirklich!« Raub an den gemarterten Juden von Kischenew begangen wurde, denen schon längst zur. Auswanderunghätte veiholfen werden können! „Was! Unter des Sultans Herrschaft sich begeben V schreien die Leute. „Was, unt&r der Herrschaft des Zaren Terbleiben?" antworte ich. „Also ihr wollt mit dem Christenmörder unterhandeln!" ruft Mr. Wolf erschreckt ans. Nun, Mr. Wolf möge dU Christen ruhig sich um sich selbst kümmern lassen. Lord Landsdomme sagte arik selben Tage im Hause der Lords: „Mehr Morde sind durch das mazedonische Komitee vollbracht worden als von den Beamten der türkischen Regierung" und „Brutalitäten sind die gewöhnliche Methode des äussersten politischen Kampfes in diesen unglücklichen Ländern." War Baron Hirsch ig egen Zion? Aber Baron Hirsch warnichtgegen Zion. l<sh kann nur sagen, dass die Tatsachen nieht dafür sprechen. Gegen den Zionismus war er bisher nicht, denn damals war dieser noch in seiner politisch«21 Gastalt ungeboren gewesen. Mr. Luden Wolf sagt, er wäre gegen Palästina gewesen,Mr. Elkan Adler, der ihn auch kannte, sagL,erhätte bloss gefürchtet, iass.Palästina in russische Hände zurückfallen würde. Ein Christ, Mr. Frei Shaler aus Falmouth schrieb mir, dass er selbst 100 Pfund Sterling gezeichnet habe für die Gründung der BIca*3 in der Annahme, die er aus Gesprächen mit dem Baron selbst, den er am Schiffe getroffen, geschöpft hatte, dass Argentinien nur ein Vorbereitungsfeld für Palästina wäre. Ich hätte an dieser Geschiente zweifeln können*, wenn er mir nicht 50 Pfund Sterling geschickt hätte, mit den Worten: „Man soll einen anderen Versuch machen, vielleicht gelingt der besser, ri-elleicht!B Ich kaafie ihm 50 Shares der jüdischen Kolon ialbank in der Hoffnung, dass dieser Vers-uch besser gelingen würde. An dieser Stelle haben wir auch das Zeugnis ums eres unschätzbaren^ Interviewers Mr. Lucien Wolf. D enn im März 1892 interviewte der Interviewer des „Neuen Moses" den „Neuen Josiia", wie er selbst s«ein Interview mit unserem Freund Oberst Solds mid betitelte. Der Oberst kam gerade von Buenos Aires. Er betrachtete Argentinien als die notwendige Schule für Palästdna. „Die jüdische Frage wird nie gelöst werden", sagte Oberst Goldsmiel, bevor nicht ein von «den Mächten garantierter Judenstaat im Lande Israel gegründet ist. Last not least ist die Tatsache durch unseren Freund Mr. ßent^ich, ans Licht gebracht worden, dass Baron Hirsch eine Petition für Palästina unterzeichnete, die dem Sultan vorgelegt wurde. Baron Hirsch' Zweifei an Argentinien. Aber selbst wenn der Schein für eine andere Ansicht des Baron Hirsch spräche, hätte es mich nicht betrübt. Denn bevor er starb, begann er an Argentinien zu verzweifeln. Er war nicht ewig mit einem Plan verbunden. Die, die ihm ganz nahe standen., sagten nur, dass «r ein Mann von rastloser Phantasie und sprudelndem Geist war. Nur ein Ding stand bei ihm fest: seine;-Absicht, Israel zu retten, Er litt unbewusst an dem schlechten Plan, er litt bewusst an Mangel an Mitarbeitern. Der Zionismus gibt ihm einen guten Plan, der Zionismus gibt ihm Myriaden von Mitarbeitern:, die zionistischen Vereine in allen Ecken der Erde. Wer das Ende wünscht, wünscht die MiUeL Und eine andere .Hilfe, Israel zu retten, gibt es nicht. Die „Icau stellt sich die Aufgabe, zu beweise», dassBaron Hirsch den modernen Zionismus nicht mit offenen Armen aufgenommen hätte. Und alles, was sie beweisen kann, ist, dass er gegen Europa, gegen Russland, gegen das Land, das die Majorität der Juden umfasst, war. Werden die russichen Juden emigrieren dürfen? Aber wird Pharao die Juden ziehen lassen? Das ist, ich gebe es au, ein wichtiges Bedenken. Glücklicherweise habe ich auch hier ein Zeugnis, ein Zeugnis, welches beweist, dass Baron Hirsch' Pinn umfassender war, als ich geglaubt habe, umfassender sogar, als er sich gegenüber Lucien Wolf ausgesprochen hat. Sie wissen, dass die russisch» Regierung von einem Ministerrate geleitet wird, dam der Zar vorsitzt. So autokratisch die russische Regierung ist, hat sie doch nicht die UnVerantwortlichkeit der „Ica" erreicht und so werden die Protokolle dieses Ministerrates weröffentlicht. Darum bin