Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Article
- Ein Londoner Zionistenmeeting
- Date
- 1903-05-22
- Page
- 8 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316042-3332702--40309-3332764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 99©te Nr^2f nach Argentinien zu gehen und niemand, ausser dem Baron, wünschte ihn dort zu sehen. Daraus erwachsen dem armen Philantropen eine Menge Unannehmlichkeiten. „Meine Hauptschwierigkeit", sagte er zu Mr. Lucien Wolf, „ist, willfährige und gleiehgesinnte Mitarbeiter zu finden. Die armen Juden werden alles für mich tun. Aber sie können keine Garantien liefern; die Mittelklassen sind zufrieden und apathisch; die Reichen —- nun, wenn ein Jude reich wird, hört er auf, ein Jude zu sein." Der Baron fügte dieser Versicherung diplomatisch hinzu: „mit Ausnahme von England." Hier wieder sehen sie, wie nahe er defm Geheimnisse des Zionismus gekommen war —■ der Kooperation. Die unberechtigte Verhinderung der Emigration. Es ist unmöglich, irgendwo in des Barons Worten eine Rechtfertigung für die Werkstätten, Darlehensbanken u. s. w. der „Ica" zu finden. Diese Institutionen können in der Tat geschaffen werden, aber in den jüdischen Kolonien, nicht in den unjüdischen Ländern der Bedrückung. Tatsächlich führt der Baron in seinem eigenen Artikel ganz besonders aus, dass er schon früher im Orient und in Galizien Schulen gegründet habe, aber dass sein neuer Plan „auf viel bedeutenderer Grundlage und ganz verschieden von irgend einem der vorhandenen begründet sei0* DieKuratoren können Entschuldigungen für sich finden selbst in des Barons schlechten Anfängen und in einem Memorandum, das sich liest, als wäre es nicht nur von Advokaten, sondern auch für Advokaten geschrieben. Sie sind vollkommen berechtigt Institute zu schaffen — auch in Russland und Galizien — welche durch Erziehung die Auswanderung vorbereiten, aber die Auswanderung durch Verbesserung der Lage zu vermeiden, dazu sind sie nicht berechtigt. Ich finde, dass der Baron seinem eigenen Memorandum, einem genügend widerspruchsvollen Dokument, in seinem 1891er Artikel widerspricht, indem er darin erwähnt, als ob seine neue Methode eigens für jene erfunden sei, welche aus ihrer Heimat vertrieben würden. Aber welches Heim hat die „Ica" für solche Flüchtlinge bereitet? Welche Heimstätte war bereit anlässlich der letzten wilden Flucht der Rumänischen Juden? Nicht einmal Argentinien selbst, obgleich manche Elende dorthin in der irrigen Voraussetzung flohen,, es sei ein Asyl. Aus Argentinien. Gestatten Sie mir aus einer spanischen Zeitung, die in Argentinien erscheint, dem „El Pays", eine Stelle, die am 8. September 1902 erschien, vorzulesen: „Die Ueberflutung des Einwandererhauses, welche dureh die jüdischen Familien verursacht wird, die mit der „Urnbria* angekommen sind, und die 50 Rumänen, welche vor 3 Tagen eintrafen, und welche alle ohne Arbeit sind, macht ein Eingreifen der Regierung dringend notwendig. Die „Ica% eine durch Baron Hirsch gegründete, philantrophische Kolonisationsgesellschaft verweigert für die genannten Juden Stellungen zu finden, unter dem Vorwande, dass sie nicht um sie geschickt hätte, und treibt ihre Steifr nackigkeit so weit, sich gar nicht bemühen zu wollen, irgend welche Arbeit für diese armen Leute zu suchen, welche bald, wenn die gesetzlich festgesetzte Zeit abgelaufen sein wird, während welcher sie im Einwanderungshause bleiben können, sich auf der Strasse befinden werden, ohne Hilfsmittel, ohne alle Kenntnis der Sprache. Und dabei hat jede Familie mehrere Kinder, viele im zartesten Alter, wodurch die Schwierigkeit ihrer Situation noch erhöht wird/Wenn es dem Einwandereramt nicht gelingt, für diese armen Leute Arbeit zu finden, wird die Zahl der, Beschäftigungslosen einen bedeutenden Zuwachs erhalten. 'Die Regierung kann der Weigerung der „Ica" nicht gleichgültig gegenüberstehen. Die letztere ist verpflichtet, diese Leute zu erhalten, indem sie ihnen Arbeit verschafft, denn diese Einwanderung ist ihrer Propaganda zu verdanken. Die „Icatf ist eine philanthropische und keine Handelsgesellschaft. Ihr, Zweck ist die Wohltätigkeit und nicht die Spekulation. Wenigstens ist sie derart von der Regierung anerkannt und nur auf Grund dessen ist ihr für ihre weiteren Ländereien in der Provinz Buenos Aires Steuerfreiheit gewählt worden und in ihren Kolonien findet sich mehr als genügend Platz für die rumänischen Einwanderer. Die Regierung sollte untersuchen, wie die „Ica" ihre Einkünfte verwendet, dehn wenn sie damit spekuliert, entzieht sie unserem Schatzamte eine beträchtliche Summe von Steuern. Dieser Gegenstand scheint uns daher ernst und wir legen ihm grosse Wichtigkeit bei, denn diese Vorgänge werden über kurz oder lang in Europa bekannt werden und einen schlechten Eindruck hervorrufen. Und der Eindruck, dass die Einwanderer hier weder Mittel?um leben noch Arbeit finden, wird dem Rufe des Landes schaden, welches wir in der ganzen Welt als gastfreundlich und für arbeitswillige Arbeiter förderlich anerkannt wissen wollen." Ich weiss nicht, ob die „Ica8 den Tadel der Zeitung verdient. Aber eines ist klar. Die argentinischen Kolonien sind nicht das Zufluchtsland, von dem Baron Hirsch geträumt hat. Die jüdischen Auswanderer klopfen ebenso vergebens an den Toren von Neu-Jerusalem, wie an irgend einem christlichen Tore. Selbst die glücklicheren, sich schon darinnen befindlichen Juden scheinen nicht besonders selig zu sein, wenn nach der jüdischen Zeitung „Die Volksstimme*, die in Buenos Aires erscheint, geurteiit werden darf. Ihre Schulden nehmen zu und ihr Land braucht Ruhe. Ihr Zustand wird in dieser Zeitung als so verzweifelt geschildert, dass ich. wünschte, einige der Kuratoren würden selbst hinaus gehen und den Stand der Dinge untersuchen, dort ebenso, wie in den palästinensischen Kolonien, von wo ebenso schreckliche Nachrichten mich von Zeit zu Zeit erreichen. „In den Kolonien von Entre Rios", sagt die jüdische Zeitung, „ist jeder Fuss Landes mit dem Blüte und den Tränen der armen Juden benetzt, welche hierhergebracht worden sind, um freie Kolonisten zu werden." Selbst wenn man viel davon der poetischen Uebertreibung züschreibt, kann man sich kaum dem Gedanken hingeben, dass selbst die 4274 Seelen gerettet sind. Wem haben die Millionen des Baron Hirsch genützt? Wer hat also von den Hirsch'schen Millionen einen Nutzen gehabt? Einzig und allein in das englische Schatzamt, welches 125 Millionen als Erbschaftssteuer bekommen hat Wenn 30 Dollars notwendig wären, denEintritt eines Einwanderers in England zu garantieren — wie es in den vereinigten Staaten der Fall ist — so hat Baron Hirsch schon im Vorhinein für über 200.000 Juden den Eintrttt bezahlt Aber sie mögen sicher sein, man wird ihnen den Eintritt nicht gestatten. Soweit sind wir gekommen. Baron Hirsch plante eine ganz neue, weitsichtige Politik, — die Auswanderung, welche von ihren Fehlern befreit, segensvoll gewesen wäre. Die Kuratoren fallen in die alte, fruchtlose, flickende, kirchturmbeschränkte, kleinisräelitische Politik zurück — in die Linderung der Lage. Baron Hirsch wünschte, der neue Moses zu sein; seine Kuratoren "sind in den alten Adam zurückverfallen. Der Auszug, den Moses führte, war durch einen Wolkenzug begleitet. Die „Icatf veranstaltet keinen Auszug, aber eine Wolkenmasse schwebt über ihr, welche-am dichtesten ist in der Nähe ihrer Bilanz. Der Plan des Baron Hirsch lässt sich in den Worten zusammenfassen: dunkles Russland und der Weg aus demselben. Der Plan der Hirsch'schen Kuratoren ist dunkelste „Ica" und kein Weg heraus. Kann denn die jüdische Frage ohne einen Auszug aus Russland gelöst werden? Kischenew. Die Antwort darauf ist Kischenew. Lesen sie den unverschämten „offiziellen" Bericht über das Massacre. Dasselbe begann mit der angeblichen Misshandlung einer christlichen Frau durch den jüdischen Eigentümer eines Karussels. Was für grimmiges Karussel die Zirkulation dieser offiziellen Lüge sein würde. Als ob ein Kischenewer Jude, der immer unter der Blutbeschüldigung zittert, es wagen würde, am Ostermontag einen Christen anzurühren.