Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Article
- Ein Londoner Zionistenmeeting
- Date
- 1903-05-22
- Page
- 6 (sequence 5)
- Language
- German
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&eiu- 6 5^ WCI^ Mr. M der Bill durch die „H ir s ch'schen Millionen zur Auswanderung befähigt worden." Wenn dennoch einer dieser Leute, über deren Bewegungen sie nicht die leiseste Kontrolle haben, jemals hier entdeckt werden wurde, würde die Hirse h'schen Vollmachtträger die Schuld treffen, ein englisches Gesetz übertreten zu haben. Mr. L o u s a d a würde wirklich besser getan haben, sich die Mühe zu ersparen. Das alte Memorandum und die alte Vollmacht enthalten, obgleich sie ebenso schlecht abgefasst sind wie der neue Gesetzentwurf alles was nicht nur für die Auswanderung, sondern auch für den Zionismus notwendig ist. Nicht Argentinien oder Kanada, sondern Palästina. Weil ich forderte, dass die Millionen, die man vergeudet, für den Zionismus aufgewendet werden sollten, bin ich von Mr. Lucien W o 1 f eines gemeinen Manövers beziehtet worden. Nun wohl, untersuchen wir das einmal näher. Baron Hir s c h hinterliess 2 Millionen „nur" für Ausw and er ungsz wecke und 7 Millionen „hauptsächlich" für Auswanderungszwecke. Seine Bevollmächtigten haben die Auswanderung auf ein Minimum reduziert; sie verzweifeln an der Aus Wanderungsmöglichkeit* Aber weil Kolonien in Argentinien und Kanada fehlgeschlagen haben, ist das ein Grund zur Verzweiflung? Wie können sie verzweifeln, bis sie nicht das eine Land versucht haben, dem das Herz der Juden zugewendet ist? Aber vielleicht hat Baron Hirsch Palästina ausgeschlossen? Keineswegs. Er hat nur Europa ausgeschlossen — „mit Ausnahme von Europa" — und Palästina liegt nicht in Europa, wenigstens jetzt nicht. „Geld, Muskeln und Moral '. Mr. Wolf sagt, er habe uns Zionisten bewundert, bevor wir von Geld zu sprechen angefangen haben. Aber wann war das? Unsere erste Idee war doch, den Jewish Colonial Trust zu gründen. Es wurde auch gesagt, dass wir als Idealisten begonnen hätten, und dass es eines unserer Vorrechte gewesen wäre, die jüdischen Millionäre zu schelten. Aber warum taten wir das? Weil sie uns nicht ihre Millionen gegeben hätten. Es ist nichts Unideales am Gelde — es ist bloss das Werkzeug, welches man haben muss, um arbeiten zu können* Indem wir Geld verlangen, verlangen wir es nicht für Champagner und eine Loge in der Oper. Wir verlangen es für einen Pflug zum Ackern. Ich sprach einst von „Geld, Muskeln und Moral* und ich bin noch gleicher Ansicht. Gebt uns Geld, unsere Muskeln zu gebrauchen und unsere Moral zu veredeln. Wenn ich von „Moral, Muskeln und Geld" gesprochen hätte, wie meine Kritiker es gewünscht haben, so würde es scheinen, als wenn Moral und Muskeln dazu dienen sollten, um uns Geld zu bringen. Nein! Das Geld ist der Anfang unserer Beweguog, aber das Ende ist die Moral. Zu sagen, dass wir aufhören Idealisten zu sein, weil wir, gleich dem Londoner Spital, unsere Ideale nicht ohne Geld durchsetzen können, ist kindischer Unsinn; Wir Juden haben genug zu leiden gehabt, weil die Christen unser Geld entlehnt haben und uns dann dafür verachteten, es ihnen geborgt zu haben. Aber wenn die Juden beginnen sich das Geld vorzuwerfen, ist es Zeit, dass der Messias komme. Die Hirse h'schen Bevollmächtigten sind gute Leute und ebenso sehr darauf bedacht, wie ich, dass die Millionen zum Vorteile Israels verwendet werden. Dass ich sie einschüchtern will oder von ihnen erpressen wili, dem Zionismuss zu Hilfe zu kommen, ist absurd. Wenn ich sie von ihrer Pflicht überzeugen kann, werden sie es in Ehren tun. Darum will ich vor ihnen und der ganzen Welt die Gründe auseinandersetzen, warum sie sich nicht weigern können, uns zu helfen. Ein neuer Moses. Wir müsseh in das Jahr 1891 zurückgehen. In jenem Jähre wurde die Aufmerksamkeit der ganzen Welt durch das Gerücht erregt, dass ein neuer Möses erstanden sei, der sein Volk aus der Sklaverei führen wolle und dieser neue Moses präsentierte sich ln der wahrlich unerwarteten Gestalt eines fashionablen Turfmans und Barons. Es ist gesagt worden, dass die beste Geschichte des modernen England in den Zeichnungen des „Punch"*) gefunden werden könne, und ein Zitat aus einem Witzblatt gibt einen lebhafteren Eindruck über das, was das Volk bei Auftauchen des Hir seh*sehen Planes empfunden hat, als ein Bündel von soliden Zeitungsartikeln. In diesem Witzblatt finden wir unter dem Datum des 26. September 1891 eine Zeichnung, den Baron Hirsch in seinen eleganten Kleidern und mit seinem schweren Schnurbart darstellend, wie er eine Horde grimmig geschlagener russischer Flüchtlinge nach dem Gelobten Lande führt. Diese Zeichnung war von einem Gedichtchen begleitet, das ein christlicher Professor der Geschichte an der Universität von Cambridge verfasst hat und das folgendermassen lautete: Der moderne Moses, Sieh den modernen Moses, wie er Reihen von Hebräern aus dem russischen Pharaonenlande in das gelobte Land führt! Nicht durch Plagen und nicht durch Wunder hat er ihre Sklaverei gebrochen. Die Wünschelrute, die sie frei gemacht hat, ist das mächtige Geld. Geldverleiher aus den Dörfern werden nun ehrbare Akerbauer werden, ihren Unterhalt dem rauhen Boden New- Jerseys entringen. Hirschens Geld wird dem von Moskitos heimge suchten Sand von New-Jersey Milch und Honig entnehmen. Wir vertrauen den Bestrebungen, welche auch die aufgewendeten Mittel seien, die aber darauf hinzielen, den verachteten polnischen Juden zu einem zuversichtlichen und wahrhaftigen Freien, umzugestalten. Und unsere Christen mögen in ihren Kirchen diesen Plan von Hirsch segnen, der diese armen Leute aus der Sklaverei befreien wird. Drei Dinge sind daraus zu notieren: Der Plan ist die Emigration, die Emigration aus Russland, das neue Jerusalem ist New-Yersey. Aber der Dichter prophezeite richtig. Einen Monat, bevor dieses Gedicht erschien, war die Hirsch-Kolonie „Woodbine" in New-Yersey gegründet worden. Heute, zwölf Jahre später, zählt die Kolonie etwa tausend Seelen, Männer, Frauen und Kinder. Hier wie auch sonst anderswo hat der kreissende Berg eine Maus geboren. Ein Interview. Aber war die Zeichnung korrekt? Dachte Baron Hirsch an einen so grossen Auszug? Wünschte er „der neue Moses" zusein? Nun, auch der Baron Hirsch war dem Interviewer nicht entwischt. Aber kann man einem Interviewer trauen? Doch wohl, wenn das Interview von einem verlässlichen Manne aufgenommen ist. Glücklicherweise war es — Mr, Lucien Wolf, der den Baron Hirsch interviewte und im „Daily Graphic" vom 7. Juli 1894, als das argentinische Projekt schon etwa drei Jahren in Ausführung war, macht Mr. Wolf der Welt kund, was er von Baron H i r s c h erfahren hat. Auch Mr. Lucien Wolf betitelt sein Interview „Der neue Moses". Er erzählt, wie er den Baron recht munter in seinem Hause in Piccadilly angetroffen habe. Die Anfangsschwierigkeiten sind bereits überstanden, doch waren sie grösser, als vorausgesetzt worden war. „Meine Hände sind durch die Plötzlichkeit der Verfolgungen beschleunigt worden", sagte dsr Baron zur Erklärung, warum er zu einem Lande gegriffen habe, in welchem man 25 Yards tiefe Brunnen graben müsse. „Nun wählt ein Komitee in Russlandw* Familien für uns aus." Er erzählt, dass er schon mehr als 3000 Leute *) Ein berühmtes Witzblatt.