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Die Welt · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Article
Ein Londoner Zionistenmeeting
Date
1903-05-22
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt6« N^^21 schlechten Rock oder einen guten Mann vor dir, der um die Armen seines Volkes besorgt ist." Da Lord Rothschild imstande ist, einen guten Schneider zu erschwingen, war ich gezwungen zu schliessen, dass ich einen guten Mann in selbstloser Aufregung vor mir sah. Seine Aengstlichkeit, die Tür vor den verfolgten Flüchtlingen nicht zu schliessen, kontrastiert angenehm mit dem kleinen Engländertum von Männern, wie Alderman Harris. In der Fremdenkommission, die Seine Lordschaft so fleissig besucht, hatte er auch Gelegenheit, unserem grossen Führer, Dr. Herz! persönlich gegenüberzutreten, und ich glaube nicht, dass zwei Männer, die so sehr ihr Volk lieben, sich treffen könnten, ohne dass gute Saat ausgestreut wurde. Wir müssen uns bloss gegenseitig verstehen, um jetzt zusammenzuwirken. Gute Menschen, schlechte Politiker. Als ich das letzemal in dieser Halle sprach, hatte ich die Kuratoren der Hirsch-Stiftung scharf kritisiert und ich schlage nicht,vor, sie heute zu schonen; aber ich habe in ihnen nie etwas anderes als patriotische steifnackige Israeliten gesehen, die im Finstern und ohne eine führende Politik wandeln. Es ist eine der unseligen Folgen davon, dass wir kein jüdisch-politisches Leben mit einer gesunden, wechselseitigen Kritik haben, dass wir das Negieren der erfolgreichen Aufmerksamkeit eines Mannes als das Negieren seiner Güte überhaupt betrachten. „Er ist solch' ein guter Mensch", wenden die Leute ein. Wir sind so gewohnt gewesen, von guten Menschen geführt zu werden, dass wir vergessen haben zu fragen, ob die Angelegenheiten eines Volkes ohne Staatsmänner geführ werden können, und nicht vielleicht auch der Umstand, dass wir nur gute Menschen und gelehrte Rabbiner für so viele Jahrhunderte an unserer Spitze hatten, mit schuld daran war, dass so schreckliche Ströme von Tränen und Blut von unserem Volke vergossen wurden* Es wurde gesagt, dass weise Menschen die Zeit damit verbringen, die Irrtümer der guten Menschen zu verbessern. Voriges Jahr hat in diesem Saale ein Freund von uns, der gewöhnlich gut und weise ist, Dr. Gast e r es getadelt, dass ich die Kuratoren der Hirsch-Stiftung kritisiere. Sie wären so gute Menschen! Sie hatten bloss die Vorschriften ihres Statuts ausgeführt! Wie steht die Sache heute? Nur ein einziges jüdisches Blatt in England und Amerika, ich möchte beinahe sagen in der Welt, findet ein gutes Wort für die „Icau Mr. Elkaa Adler nannte in der Anglo- Jewish-Assoziation die Geschichte der Ica eine lange Verwirrung von Anfang bis zu Ende! Selbst Dr. Gast er ist nicht hier, um sie zu verteidigen. Die ganze Welt beginnt zu fragen, was aus dem Geld geworden ist? Voriges Jahr stand ich beinahe allein, heute steht selbst die ,;lct/ an meiner Seite, denn sie ist in das Oberhaus gegangen und hat gesagt: „Vergebt uns unsere Sünden und erlaubt uns, sie in Zukunft wieder zu begehen!" Diese Vorlage ist der krönende Beweis für die Verworrenheit. Nicht zufrieden mit meiner Versicherung, dass sie illegal handelten, hatten sie eine Art Schein verhör vor Sir Edward Fry zu bestehen, nur dass ungleich solchen Scheinverhören, bei denen sich die Leute amüsieren, die Kostenrechnung real war. Die Entscheidung des Richters war dieselbe, die ich ihnen gratis gegeben hatte. Die „Ica", sagte er mit tiefer juridischer Weisheit, war eine Assoziation für die jüdische Kolonisation. Die Kuratoren könnten ihr Geld nur direkt dazu gebrauchen, um Kolonien auswärts zu errichten, sie könnten es nicht indirekt für Schulen, Fabriken etc. in den Ländern der Bedrückung. Worauf die „Ica" sich beeilte, an das Parlament zu petitionieren aus dem Grunde, weil grosse Schwierigkeiten sich ergeben, ihr ganzes Einkommen genau nach den Statuten zu verwenden, ui d sie erbittet die Erlaubnis, nicht nur ihre Millionen an Institutionen aufzuwenden, welche indirekt die Einwanderung fördern, sondern — und hier gewahrt man den Pferdefuss —-. nach welcher Richtung immer. Die neuen Pläne der „Ica". Aber den Kuratoren erlauben, der lästigen Pflicht der Kolonisation zu entgehen, bedeutet unbedingt, den grossen Plan des Baron Hirsch zerstören.'Ich bemühte mich deshalb nach meinen geringen Kräften aufs Eifrigste, die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Gefahr zu lenken, als die Vorlage schnell verschwand und eine zweite Auflage, von Mr. L o u s a d a revidiert und korrigiert, erschien. Die Forderung, ihr Geld anderweitig zu verwenden, ist scheinbar fallen gelassen worden und der Grund, den sie dem Parlament für die Notwendigkeit einer solchen Eingabe geboten haben, ist ganz verändert. Es ist nicht mehr davon die Rede, dass sie ihr Geld nicht so ausgeben können, wie Baron Hirsch angeordnet hat, sondern dass es von Wichtigkeit wäre, dass die Klassen, aus denen sich Auswanderer und Kolonisten rekrutieren, einigen Vorunterricht erhielten. Ich weiss nicht, welcher dieser Gründe wahr ist. Ich weiss nur, dass Mr. Lousada ein Rechtsanwalt ist und dass dieser zweite Grund einer der geschicktesten Ausdrücke ist, den ich je gehört habe, um die Wahrheit zu verhüllen. Er ist so geschickt, dass er auch dafür einnahm. Er hat nur noch in jener Stelle des Gesetzenfwurfes selbst seinesgleichen, welche vorgibt, die Institutionen, denen geholfen werden solle, wären dazu bestimmt, „Juden. für die Auswanderung geeignet zu machen". Der Ausweg ist einfach. Baron Hirsch gedachte die Juden aus den Ländern der Bedrückung zu entfernen. Seine Kuratoren denken, dass sie in den Ländern der Bedrückung belassen und erzogen werden sollten — augenscheinlich nur, um ihre Leiden besser zu fühlen. Die Kuratoren glauben, dass Erziehung und andere Massnahmen eine Verbesserung der Lage zu Hause herbeiführen und die Notwendigkeit der Auswanderung beseitigen könnten. Aber anstatt gerade herauszusagen „nicht Auswanderung, sondern Erleichterung8 — die Auswanderung ist ein Misserfolg, lasst uns Verbesserung der Lage versuchen, was wenigstens eine vernunftmässige Anschauung vermuten Hesse — geben sie vor, dass diese zwei sich gegenüberstehenden taktischen Pläne ein und dasselbe wären; dass die Erziehung nicht für die Verbesserung der gegenwärtigen Lage, sondern für die „Zwecke der Auswanderung" gedacht sei. Und so mischt Mr. Lousada geschickt seine Phrasen über Erziehung der Klassen, aus denen sich Auswanderer und Kolonisten rekrutieren, hinein. Aber welche sind diese Klassen? Es sind die Massen. Ergo, ihr möget Schulen für das Volk im Grossen haben, ihr möget zum Beispiel Rumänien mit einem vollkommenen jüdischen Schulsystem versehen; und wenn einige von den Schülern auswandern sollten, habt ihr sie nicht für die Auswanderung vorbereitet? Eine durchsichtigere Sophisterei wurde noch nie einem arglosen Parlament in die Schuhe geschoben. Major Evans Gordon, der in seiner Aengstlichkeii, um bei der Fremdenkommissiön seine Pflicht getreu zu erfüllen, ungleich den Hirsch/sehen Kuratoren mit eigenen Augen zu sehen sich bemüht hat, erzählte mir, dass allgemein gesprochen, jene, welche durch die „Ica" für irgendeinen Beruf vorgebildet wurden, nicht auswandern und die Leute, die auswandern, durch die „Ica" nicht vorgebildet wurden. Viel ehrlicher wäre es gewesen, zu sagen: Auswanderung ist ein Fehlgriff, lasst uns Erleichterung und Verbesserung der gegenwärtigen Lage versuchen. Die Erziehung durch Darlehensbanken. Hätte die „Ica" wirklich gemeint, dass Erziehung zur Auswanderung führt, so hätte sie einfach um die Erlaubnis angesucht, technische Schulen und Musterwirtschaften zu gründen und die jüdischen Kolonien auswärts wären durch

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