Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Article
- Ein Londoner Zionistenmeeting
- Date
- 1903-05-22
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 21 ^Die & W«ilt*> Seite 3 kann. Ich &um Beispiel würde mit dem Präsidenten unseres jüdischen Ärmenanotes nicht übereinstimmen hinsichtlich der Frage, welche Juden nicht wünschenswert wären. Die Haltung der Zionisten. Aber es wird vielleicht gesagt werden, wamm sollten wir Zionisten gegen die Ausschliessung weiterer einwandernder Juden etwas einwenden, nachdema dieselbe glänzend die Berechtigung unserer Forderung dartun würde, die wir bisher tauben Ohren gepredigt hatten, die Notwendigkeit für unseren. Volksstamm eine öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte zu suchen? .Nun wohl, es gibt viele Gründe, warum wir es ablehnen, darüber uns zu freuen oder d a.mit uns zufrieden zu geben. Erstens glauben jene von uns, die in England geboren und in England erzogen sind, d-a.es die Freiheit Englands grösste Tradition ist» Wir sind so oft mehr Engländer, als die Engländer lächerlichster Art, seien wir einmal mehr Engländer als jene von edler Art und schützen wir England davor, sich selbst untreu zu sein. Zweitens erinnern wir uns als Juden der Leliren Mösls: „Ihr sollt den Fremden nicht bedrücken, denn ihr kennt dasGefühl des Fremden, da ihr selber Fremde waretLm Lande Aegypten/'Es ist schmerzlieh zu sehen,- wie Neuankömmlinge, die kaum englisch radebrechen können, sich #egen noch u«uere wenden. Ich selbst war eingeladen worden, einem Komitee von Herzogen, Lords, Parlamentsmitgliedern zur Regelung der Einwanderung beizutreten. Ech erwiderte, dass mein eigener Vater ein ausländischer Einwanderer war und ich nicht wägen könnte, andere auszuschliessen. Ein dritter Grund ist der folgende: Wii Zionisten erheben Einspruch gegen alles, was die Lage unseres Volkes schwächt und die Freiheit seines Domizils einschränkt So sehr wir es wünschen, unserem Vollem ein Heim zu geben, so können wir doch nicht das Reclit der einzelnen Juden aufgeben, zu leben, wo es ihnen beliebt, ebenso, wie es Personen anderer Nationalität frei stehen würds, sich unter uns anzusiedeln. Die Juden in England. Diese Erklärung mag die Besorgnis der reichen Juden Englands zerstreuen, dass wir sie gewaltsam nach Palästina zu deportieren beabsichtigen. Ihr Schrecken erimnert mich an den aLen Mann bei Aesop, der solange um den Tod gebetet hat, bis schliesslich der Tod gekommen ist. Aber ihr Begriff vom Zionismus ist eine Karrikatur« Wir erwarten von ihnen gar nicht, dass sie von selbst nach Zion gehen. Wir glauben nicht den altmodischen Zionisten, wir erwarten kein« Wunder. Zweifellos haben sie ganz recht, ihr Vertrauen in England zu setzen und keine Vorsorge für eine dunlckre Zukunft s.u treffen. Aber ich zittere bei dem Gedanken, was uns hier begegnet wäre, wenn England im Burenkrieg« geschlagen worden wäre. Tatsächlich waren unsere Kapitalisten beschuldigt, das Unheil angerichtet zu haben, und niemand bemerkte, wie viele unserer eigenen Söhne für England fochten und starben. Und in der Tat! Dieser Woge des Protektionismus, diesem Schrei der britischen Brüder entspricht das gesteigerte Nationalgefühl, das unvermeidlich einen grosse» Krieg begleitet. Ä1Y unser jüdischer Chauvinismus nährte die Flamme, die uns jetzt Dedroht. Wir kamen herüber nadi England mit dem Eroberer*), aber alle Dienste, welche die Juden ihm und seinen Nachfolgern geleistet, alle die Bauten und Abteien, alle ihre Beiträge zur Wissenschaft and den Finanzen, haben ihre Vertreibung zweieinviertel Jahrhunderte später nicht Ter hindert, nach einer Serie von schrecklichen Volksausbrüchen in englischen Kischenews. Von den ML000 engli- *) Wilhelm der Eroberer, erster normannischer König von England. &chen Juden, die das Exil der Taufe vorzogen, kamen wenige sicher über den KanaL Ein Schiff kapitän setzte eine Gesellschaft von reichem Kaufleuten auf einer Sandbank aus und riet ihnen, einem neuen Moses anzurufen, der sie aus (fem Meere retten köiaite. Das ist das letzte, was wir für -nahezu vier Jahrhunderte von den englischen Juden — lj>ardon, den jüdischem Engländern — wissen. Dann beginnen sie zurückzukriechen und im letzten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts können wir sie wieder als angesiedelt annehmem. Und schon — wieder nach nur 3 wei und ein viertel Jahrhunderten — kracht und dröhnt «s wieder unter den Füssen und ein Mene Tekel zeigt sich. Der Aufenthalt von zweieinviertel Jahrhunderten scheint alles zu sein,, was uns gestattet ist, wenigstens in Frieden. Ich will nichit einer sein, der Alarm schlägt, Ich sage nicht, „die Frist ist abgelaufen»*, ich glaube England — die Mutter der Freiheit und des Parlaments — ist unfähig, so^tief zu sinkem, selbst mit Hilfe des Präsidenten der jüdischen Armenvervaltung. Es ist wohl wahr, Volksagitationen zwingen zuweilen die Hände der Regierung und niemand, der in einer gröhlenden Menge einmal festgekeilt war, kann die Möglichkeit antijüdisehen Aufruhrs selbst in London bezweifeln; aier ich glaube, das Herz Englands ist gesund und es wird sich von den Ausgestossenen und den Flüchtlingen nicht abwenden, ohne ihnen zu helfen, eine Heimstätte zu finden. Aber in Frankreich, wo vor den Tagen dos Dreyfus die jüdischen Franzosen sich ewig sicher wähnten, wo Dreyfus, der grössie Christ in Paris, noch immer schreit: „Vivela Francein Frankreich werden — so höre ich durch kompetente französische Beobachter — wenn es dort je nofch Revolutionen gibt, die Juden ihre ersten Opfer sein. Hoffen wir, dass wenn einmal eine Revolution ausbricht, wir das Glück haben werden, den Flüchtlingen ein Heim, in Zion anzubieten. Die Rothschilds« An jenem Tage,glaube ich, wird ein Roths childnicht mehr begierig sein, Gesandter in Paris. 2U sein. Was den Bsaron Edmundv. Rothsc hi Ld anlangt, so würde er wahrscheinlich nicht so ungehalten sein, sich in jenen palästinischen Kolonien niederzulassen, die er so edelmütig gegründet hat: ein wahrer Vater seines Landes, das seinenNamen ewig in segm eniern Angedenken behalten wird. Auch bezweifle ich nicht, iass Lord Rothschild wenigstens eine Viila in Zion wird haben wollen, wi^sein Verwandter Lord Roseb^rry &ine Villa in Neapel hat. Seit Lori Rothschild seinen PLatz in der Fremdenkommission eingenommen hat und den Strom der Bosheit gegen sein V'clk fliessen sah, sind seine Augen geöffnet. Das erstemal in seinem Leben h*t er mit eigenen Ohren und eigenen Augen die jüdische Frage gesehen und gehört, anstatt durch die Ohren und Augen von Parasiten. Für ihn war in der Tat die jüdische Fiage sehr einfach. Für Lord Rothschild ist die jüdische Frage immer die gewes9n: „Wie vifcl wollen Sie geben?" Und diese jüdische Fxage hat er immer grossherzig beantwortet. Aber eines Volkes Rettung kann durch Schnorren nicht vollendet werden, selbst nicht durch Schnorren beim AJlmächtigen. Gott hilft jenen, die sich seifest helfen. Lord Rothschild und Dr. Herzl. Ich habe die Hoffnung, dass Lord Rothschild in Zukunft seinem Volke helfen wird, sich selbst zu helfen. Ich habe bloss eine Stunde in der Fremdenkommission zugebracht, aber zwei EiLder werden mir ewig im Gedächtnisse sein : eines der Hinterkopf eines jüdischen Arbeiters, der gegen das Hereinkommen von noch mehr Juden protestierte, die grossen wegstehenden Ohren, die kriminalistische Ausbauchung des Schädels; das andere die Rückseite von Lord Rothschilds Rock, der in 1000 Falten Lag. Wh sagte zu mir selbst: „Hier hast du entweder einen