Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Die vierte Dimension
Date
1903-04-10
Page
22 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316036-3331232--39332-3331357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 22 er merkte, dass sein Spielkamerad ihn fast schon eingeholt hatte, blickte er sich nach einem Versteck oder einer vorteilhaften Position um. Nun befand sich in der Ecke des Hofes, in den er gerannt war, ein viereckiger, drei Fuss hoher Wasserbottich, der wie Ephraim in seiner gefährlichen Eile glaubte, Trockenfütter für das Vieh enthielt. Wenn er diesen erreichte, dachte er, war er in Sicherheit, denn von dort aus konnte er in den anderen Hof hinüberklettern; darin stand ihm sein Verfolger nach. Endlich erreichte er den Bottich, schwang sich hinüber und — plumps — lag er drinnen, denn er war mit Wasser gefüllt und nur von oben mit einer dünnen Schichte Spreu bedeckt. Er sank unter, tauchte wieder empor und sank von neuem. Als er zum drittenmal unterging, stürzte ein Stallknecht herbei und fischte ihn gerade noch mit einer Heugabel, in die sich Ephraims Rock verfing, heraus. So brachte man ihn nach Hause und er bot einen kläglichen Anblick dar: die Glieder waren steif, die Augen offen und starr, denn das Wasser, dass er geschluckt hatte, hatte fast schon das Leben aus seinem Körper verdrängt Als Mirjam ihn so sah, erhob sie ein lautes Wehklagen; Tarphon blieb stumm, nur totenbleich war er geworden, als er ihr half, ihn zu entkleiden und in warme Decken zu hüllen. Am Sabbat hatte Ephraim sich schon ein wenig erholt, wenn er auch noch nicht ganz wohl war, und Tarphon ging in die Synagoge, um Gott ein Dankgebet für die Rettung seines Kindes darzubringen. Der Wochenabschnitt handelte von der Ueberschreitung des Roten Meeres und als Naftali zu der Stelle kam, dass die Fluten sich teilten, ergriff Tarphon plötzlich seine Hand und bat ihn innezuhalten, denn er hatte einen so auffallenden Irrtum bemerkt, dass man Naftali verzeihen musste, wenn er, ohne davon Notiz zu nehmen, darüber hinweggegangen war, in dem Glauben, dass seine Sinne ihn getäuscht hätten. Denn das Wort „Majim", das „Wasser* bedeutet, war so geschrieben, dass das Ende-„tnu dieselbe Form hatte wie das Anfangs- „m" und die ganze Gemeinde, einer nach dem anderen, ging hin, um diese Ungeheuerlichkeit zu prüfen und Bemerkungen über Benisch, die diesem nicht gerade angenehm gewesen wären, gingen von Mund zu Mund. Was? Sich ein solches Vermögen für eine Arbeit zahlen zu lassen, die jeder Stümper besser ausgeführt hätte? So etwas war unerhört, seit den Gänsen Federkiele wachsen, damit man Federn für die Schreiber daraus schneide. Und als man Benish rief, damit er es mit eigenen Augen sehe, stand er lange Zeit da und schlug sich vor die Stirn. „Nein, meine Herren*, sagte er endlich, „das ist nicht mein Werk. Ich bin kein „Amhorez" und ich habe diese Thorarolle auch nicht im Schlafe geschrieben, das schwöre ich bei der Tiiora. Da ist ein böser Geist im Spiel. Vielleicht war der Mann, der am Neujahrsfeste den „Schofar" blies, seines Amtes unwürdig oder unfähig, so dass es ihm nicht gelang, „Satan" zu vertreiben — das ist die Ursache dieses Unheils." Viele glaubten an die Erklärung, viele aber auch nicht, und unter den letzteren war Naphtali der Ungläubigste, denn er selbst war der Mann, der den Schofar geblasen hatte; und dann besserte Benish den Fehler und ging fort, und als Tarphon nach Hause kam, fand er, dass in Ephraims Wangen, der gerade Hühnerbrühe verzehrte, die Farbe der Gesundheit zurückgekehrt war. Ephraim fuhr fort, in jeder Beziehung gute Fortschritte zu machen. Mit zehn Jahren begann er alle Festtage zu halten und beobachtete selbst das Fasten der Erstgeborenen bis -zum Sonnenuntergang, niemals versäumte er seinen Gottesdienst, weder am frühen Morgen, noch am Abend, und wenn sein Vater geschäftlich, verhindert war, so ging er allein in die Synagoge. Ueberhaupt war er in allen Dingen, die mit der Religion zusammenhingen, ungemein vorsichtig; wenn zum Beispiel das Weisse eines Eies einen noch so winzigen Blutfleck aufwies, so hätte er es um keinen Preis gegessen, selbst wenn ihm nicht gleich ein anderes zur Verfügung stand. Trotzdem schien ihm keine Heimsuchung und keine Unannehmlichkeit erspart bleiben zu sollen. Es war in den Omer-Tagen, den sieben Wochen, die zwischen dem Pessahfeste und Pfingsten liegen. Ephraim war gerade elf Jahre alt geworden, als er mit anderen Kindern aus der Stadt an das Ufer des Flusses ging, um junges Schilf zu sammeln, das man um diese Zeit auf den Boden za streuen pflegt, des angenehmen Geruches wegen, den es verbreitet. Ephraim, in seiner Begierde, das schönste Schilf zu pflücken, entfernte sich von seinen Kameraden und bemerkte nicht, wie der Boden immer sumpfiger wurde und uater seinen Schritten nachgab. Plötzlich wich er ganz unter seinen Füssen, und das Kind steckte bis über den Gurt im Schlamm, und mehr aus Instinkt als aus Ueberlegung warf er die Arme in die Luft und klammerte sich an die Zweige des Weidenbaumes, die über seinem Kopfe hingen. Das rettete ihn. Aber es schien ihm, dass in diesem Augenblick sein Arm dreimal so lang war als gewöhnlich, ebenso wie der Arm der Tochter Pharaos sich verlängerte, so dass sie imstande war,Moses aus dem Wasser zuziehen, denn Ephraim konnte es sich nicht erklären, wie er sonst die Zweige erreicht hätte, an denen er sich festhielt. Hier hätte er vielleicht die ganze Nacht bleiben müssen, wenn nicht die arme Wäscherin gewesen wäre, die ein wenig weiter oben fleissig wusch. Sie half ihm heraus, und Ephraim gab ihr alle seine Ersparnisse und schärfte ihr ein, niemandem von seinem Missgeschick etwas zu sagen. Dann ging er ganz erschrocken nach Hause und wechselte seine Kleider, bevor seine Eltern ihn fragen konnten, warum sie sich in einem solchen Zustande befänden. Aber wer hat jemals gehört, dass Wäscherinnen ein Geheimnis für sich behalten können? Die Geschichte von der Rettung seines Sohnes kam Tarphon bald zu Ohren, und bei dieser Nachricht fiel ihm ein Gedanke ein; zwar nur unbestimmt und ungewiss, doch dämmerte ihm allmählich ein Zusammenhang zwischen diesem und einem anderen ebenso unbestimmten Gedanken auf, der ihm vor langer Zeit gekommen und im Gedächtnis haften geblieben war; aber so sehr er sich bemühte, diesem Gedankengange zu folgen, er entschlüpfte ihm immer wieder. Er erneuerte den Versuch, sich darüber klar zu werden, als beim Verlassen des folgenden Wochenabschnittes sich neuerdings die Notwendigkeit einer Korrektur herausstellte. In dem Abschnitt nämlich, in dem von den Häusern der Aussätzigen und dem Mörtel dieser Häuser die Rede ist, war das Wort Mörtel „aphai % das eigentlich „Lehm" oder „Erde" bedeutet, leicht von seinem Platze verschoben und stand schräg unter der Linie. Es geschah zum elffcenmal in den elf Jahren, das Tarphon die Stelle las und niemals vorherhalte er diese Eigentümlichkeit bemerkt. Nun wusste er, dass es keinen Sinn hätte, Benish holen und von ihm sich die Sache erklären zu lassen. Am nächsten Morgen kam er und besserte die Stelle selbst aus, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen. Aber dieses Begebnis prägte sich ihm tief in die Seele, und er konnte es lange Zeit nicht vergessen, Endlich kam die Zeit, da Ephraim Barmizwah werden sollte, und Tarphon beschloss, diese Gelegenheit mit gebührender Pracht zu feiern- Selbstverständlich las Ephraim der Gemeinde den ganzen Wochenabschnitt vor und ausserdem das dazugehörige Kapitel aus den Propheten Das war eine Leistung, deren sich nicht jedermanns Sohn rühmen konnte. Damit nicht genug, hielt er noch eine Rede, die er selbst verfasst hatte und bewies, dass er die Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.