Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Article
- Die vierte Dimension
- Date
- 1903-04-10
- Page
- 23 (sequence 5)
- Language
- German
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— 23 — antwortlichkeit, ein mündiges, erwachsenes Mitglied der Gemeinde zu sein, voll und ganz fühlte- Die ganze Stadt war voll von seinem Lobe und Tarphon wurde mit Recht als ein Mann gepriesen, dem alles gelang-, was er anfasste. Einen Monat später sollte Ephraim auf die grosse Talmud-Schule nachVilosen gehen, denn er war zum Rabbi bestimmt worden. Am Vorabend seinen* Abreise jedoch klagte er, dass es ihm vor den Augen flimmere, und an seinen Schläfen war eine leichte Entfärbung zu bemerken, die immer sichtbarer wurde. Dies war seine erste schwere Krankheit und Tarphon ging beizeiten im den Tempel, um den Namen des Kindes zu ändern, damit;, wenn es bestimmt war — ist Gottes Weisheit nicht unendlich? — dass der Todesengel seine Hand auf ihn lege, Azrael bei seiner Ankunft im Hause niemanden vorfinde, ier auf den Namen Ephraim hörte, nach dem er ausgeschickt worden war. Ungeachtet dessen verschlimmeite sich Ephraims Zustand, ein Fieber befiel ihn und das Blut floss siedend heiss durch seine Adern. Tarphon und Mirjam sassen an seinem Lager; kein Atemzug, kein Zucken seines Körpers entging ihnen. Und als Mirjam vor Erschöpfung einschlief, da barg Tarphon seinen Kopf in die Hände, aber er weinte nicht — dazu hatte er keine Zeit. Ras Oos folgte er den schwachen Spuren der Erinnerung, dföe, das wusste er, irgendwo in den geheimen Winkeln seines Gedächtnisses verliefen» Und plötzlich fiel ihm ein selk-samer Satz ein, und er zerbrach sich den Kopf, wo er ihn göhört haben könnte, „Und es entstanden die vier Dinge — steine Dimensionen.u Das gab viel zu denken, und dann kam ihm eine andere Erinnerung, die lautete: „Und wenn die Zwillingsseele alle Prüfungen bestanden hat, dann wird sie die ihr bestimmte Zeit leben.« Waren dies nicht die Worte, di_e= Rabbi Eliezar bei Ephraims Aufnahme in den Bund Israels gesprochen hatte? Tarphon reihte sorgfältig eine Mutrnassmng an die andere. War nicht in der Woche, da Ephraim infolge der Ausströmung der giftigen Gase fast erstickt wäre, in der Thorarolle das Wort „ruach", das „Luft" oder „reinen Atem" bedeutet, von seiner Stelle in der Tfoora verschwunden? Und später, als Ephraim in dem Wasserbehälter fast ertrunken wäre, war nicht das Wort „Wasser* schlecht geschrieben, der Schlussbuchstabe derse-lbe wie am Anfang, weil der Knabe geglaubt hatte, der Inhalt des Bottichs sei von derselben Beschaffenheit wie die aibere Schichte? Und zitternd dachte Tarphon an den letzten E-eweis: Als Ephraim ausgegangen war, um Schilf zu suchen, hatte da nicht eine Verschiebung des Wortes, das „Eule* bedeutet, stattgefunden, gerade wie der Boden unter seinen Füssen gewichen war? So hatte denn Ephraim die An griffe der Luft, des Wassers und der Erde überstanden und jedesmal hatte die Thorarolle in den Worten, die dieselfo« Bedeutung hatten, eine Veränderung erlitten. Jetzt wurie es Tarphon klar, dass die „vier Dimensionen Gottes" dievier Elemente waren und die „Zwillingsseeleu der Geist, der beide, sein Kind und die Rolle, belebte, die im gleichen Augenblick das Licht der Welt erblickt hatten. Was für Beweise brauchte er nco«ch? Wand sich der Knabe nicht in Schmerzen, brannte er nicht wie ein Feuer? Das war es — und Tarphon spiang auf wie ein Wahnsinniger — es musste irgend ein Wort in der Thora sein, das Feuer, Flamme oder Brand bedeutete und der Verbesserung bedurfte : wenn das vollbracht war, dann war auch die Gefahr vorüber, die Elemeofee waren besiegt und sein Sohn Ephraim hatte ein langes ILeben vor sich, ein König unter den Menschen. Tarphon stürmte zur Türe hinaus er wollte die Thorarolle von Anfang bis zu Ende durchlesen und wenn er sein Augenlicht darüber verlieren sollte. Plötzlich blieb er stehen — es war zu seltsam- Die Sonne war doch langst untergegangen und für die Morgendämmeiui.g war es zu früh und doch glänzte im Westen ein rötlicher Schein, der sich verstärkte, als er weiter ging, und als er um die Ecke bog, kamen Männer ddier gerannt und riefen atemlos : „Tarphon, Tarpheon, die Synagoge steht in Flammen!" Und Tarphon sWirzte mit wahren Wolfsaugea und knirschenden Zähnen vorwärts und als er bei der Menge angelangt war, die vot dem brennenden Gebäude stau»4, da ging er mitten hindurch, wie der Blitzstrahl die Kornähre spaltet, und schrie: „Die Thorarolle, die Thorarolle, sonst muss er sterben — sterben!u Bevor man ihn zurückhalten konnte, hatte er si di in das brennende Chaos gestürzt, stürmte in den Gang zur heiligen Bundeslade, die Feuergarben auf ihn spie — und siehe 1 da war die Rolle, die loderte wie Zunderholz. Aber was lag daran? sie war da, verkohlt oder nicht, was lag daran? Und er kam lieraus, wie ein Dämon, der inmitten seiner Verdammnis seime Ketten gesprengt hat. Und weiter und weiter stürmte er, ündem er das verkohlte Siegeszeichen über seinem Kopfe sclnwang— seinem Hause zu, und als er eintrat, waren sie el*n damit fertig, das Linnen üb<r die erstarrenden Glieder seines toten Sohnes zu breiten und die Spiegel gegen die Wand zu kehren. Zwei Tage nachher war der Fasttag Tischebow, der Jahrestag der Zerstörung Jerusalems, der Tag, an denn alle zerrissenen Blättcher^ auf denen der Name Gottes zu lesen ist, auf den „guten Oirfc* getragen werden, um dort begraben zu werden; die Thorarolle Tarphons jedoch wurde in dem Sarge begraben, in dein sein Sohn Ephraim ruhte. Grossvater beim Seder. Von David Rothblum (Wien). Zweimal im J ihre sah ich den Grossvater in besonderer Stimmung. Erew-Jom-Kippur und Erew-P^ssach. Am Vorabende des Versöhnungstages ging er düster, schweigsam, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, in den grossen Stuben herum, ohne seine Umgebun g auch nur eines Blickes zu würdigen. Und wenn dis Sonne sich senkte und die grossen Fensterscheiben die letzten geibmatten Strahlen ins Zimmer warfen, dann ging er in die Ecke, dort wo der Schrank mit den grossen Folianten sich befindet, und warf den schneeweisen Kittel über seinen Leib. Hierauf weniöte er sein Gesicht gegen die: Wand und hub zu weinen an. Zuerst leise, verhalten, sich beherrschend. Allmählich aber wuchs seine schluchzende Stimme, leidgeschrellt kamen ihm die Töne aus dem Herzen und erfüllten den ganzen Raum. Und wir, seine Enkel und Enkelinnen, standen an der Tür, auf seinen Segen harrend, und blickten zitternd auf die hohe, schöne Gestalt. Dann wemlete er sich und trat auf uns zu. Er legte die Hände auf die kleinen Köpfchen, sprach 1 mt und inbrünstig seinen Sagen und hierbei rannen ihm die»Tränen unaufhaltsam über cten langen, weissen Bart. Und während er seiner EnkelschaT den Segen erteilte, schloss dies Grossmutter die Fensterläden, um keinen unberufenen Blick in das Heiligtum dringen zu lassen, und standen wir im Halbdunkel, nur vom spärlichen Scheine des „Seelenlichtes" beleuchtet, um dem immer noch weinenden Grassvater. Am Vorabende des Frühlingsfestes aber vrar er in der rosigsten Laune. Er rührte sich den ganzen Ta.g nicht vom Hause weg, obwohl es die Grossmutter im Eiiteresse der Feiertagsvorber«dtungen auf das dringendste gewünscht hätte. Denn Grossvaters gute Laune brachte die Grossmutter oft zum Verweifeln. Er wusste nämlich alles besser, erteilte ihr Rat im Kochen und in unbewachtem Augenblicken machte er sieh sogar beim Ofen zu schaffen. Wir aber mussten in dte Betten, um abends beim Seder wachen