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Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Die vierte Dimension
Date
1903-04-10
Page
21 (sequence 3)
Language
German
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— 21 — die Zwillingsseele feile Prüfungen bestanden hat, dann wird sie die ihr bestimmte Zeit leben,* Alle, die diese Worte hörten, fragten sich im stillen, was dieser Segen euch bedeuten mochte; aber niemand konnte eine Erklärung hierfür abgeben, nicht einmal Rabbi Eliezar, denn er wurde am Heimwege vom Tode ereilt. Der folgende Tag war für die Einweihung der Gesetzesrolle bestimmt, und diesem Ereignisse zu Ehren wurde er als Festtag in der ganzen Stadt begangen. Tarphon selbst trug die Thora in feierlichem Zuge mit den Vorstehern un<l Mitgliedern der Gemeinde aus seinem Hause in die Synagoge. Diese war bis auf den letzten Platz besetzt und die Frauen warfen vom der Galerie Kuchen und Süssigkeiten za den Männern hinab, grosse Fröhlichkeit herrschte und ein freundschaftlicher Kampf im Erhaschen der Leckerbissen entspann sich. Aber Tarphoas Freigebigkeit war noch nicht zu Ende. In den Abschnitten des ersten Buches Moses, wo die Buchstaben nur angedeutet waren, liess er diejenigen, die den Namen seines Sohnes Ephraim ben Tarphon bildeten, mit Tinte ausfüllen, und dasselbe tat er mit den „Sprüchen der VäUrK. Für jeden Buchstaben zahlte er fünf Rubel, und das Geld wurde unter die Bedürftigen der Gemeinde verteilt. Aber damit waren die Festlichkeiten noch nicht zu Ende, denn am dreissigsten Tage nach der Geburt Ephraims fand die Zeremonie seiner Auslösung statt. Das will heissen, dass sein Vater ihn von den Priestern der Stadt zurückkaufte, denn als Erstgeborener gehörte er, dem Gesetze gemäss, den Kohanim, den Abkömmlingen Aarons. Tarphon zahlte jedem Priester, der sich meldete, neunzig Kopeken und veranstaltete von neuem ein grosses Fest. Manchmal dachte der glückliche Vater über den seltsamen Segenssprnch nach, den Rabbi Eliezar über Ephraim gesprochen hatte, aber trotzdem er den Fall genauer kannte als die anderen, verstand er den Segen nicht besser als sie; nur so viel schien er ihm zu besagen, dass seinem Sohne ein aussergewöhnliches Schicksal bestimmt schien, das sich zum Bösen oder zum Guten wenden konnte. Gleich von Anfang an war Ephraim für seine Eitern eine Quelle der Freude. Mit zwei Jahren konnte er schon das Alphabet von Aleph bis Tow und zurück von Tow bis Aleph hersagen und mit drei Jahren griff er kühn die langen Wörter an, die man in den „Sprüchen unserer Väter« findet. Um diese £eit hätte Ephraims Leben, das eine so schöne Zukunft werhiess, fast ein jähes Ende genommen. Mirjam, die ausgegangen war, um Besorgungen zu machen, hatte ias Kind schlafend auf dem Sofa zurückgelassen; die Mägde waren in der Nähe und sie wusste das Kind in Sicherheit. Dämone, Einbrecher und wilde Tiere brauchte sie nicht zu fürchten, da es deren keine in Stchelno gab. Aber in d&m Zimmer, wo das Kindchen schlief, befand sich ein Uageheuer, das bestand« aus glasierten Backsteinen und reiclite vom Boden bis zur Decke und sein Inneres war mit glühenden Kohlen gefüllt. Nun ereignete es sich, dass der Rauchfang, durch welchen dieses Ungeheuer von einem Ofen zu atmen pflegte, sich verstopft hatte, so dass der Rauch, der sich sonst durch die Oeffnung verflüchtigte, wieder in die Höhlung zurückgedrängt wurde. Dem Drucke weichend, strömten nun die giftigen Gase in das Zimmer und die reine Luft war bald davon erfüllt. Ephraim erwachte infolge der Beklemmungen und begann zu schreien mit der ganzen Kraft, dife ihm in seiner armen, gequälten, kleinen Brust noch geblieben war. In diesem Augenblick stürzte Mirjam herein Uüi errettete ihn, kaum zwei Sekunden, bevor es zu spät gewesen wäre, aus der Todesgefahr. Die ganze Woche war Ephraim krank und litt an Schwinde], so dass sein Vater ihn am Samstag nicht in die Synagoge mitnehmen konnte, was für den kleinen Jungen eine bittere Enttäuschung wax, denn man hatte ihn schon mit dem Aufrollen des Bandes betraut, das seine Thore zusammenhielt, und er war nie glücklicher, als wenn er dieses Amt erfüllte, trotzdem das steife, silberne Band für seine kleinen Hände viel zu hart war. An jenem Sabbat ereignete sich etwas Seltsames in der Syn&goge. Als Naftali, der Kantor, den Wochenabschnitt verlas, blieb er "plötzlich stecken, nahm seine Brille ab, rieb sich die Augen und starrte auf das Blatt vor sich nieder. Aber trotzdem, er sich die Augen immer wieder von neuem rieb, konnte er den Fehler nicht von der Stelle reiben, und es war keia Irrtum, das Wort „ Atem", das an dieser Stelle stehen sollte, fehlte und der Satz war infolgedessen unzusammenhängend und sinnlos. Erstaunlich war nur, wie ein solcher Fehler so lange hatte unbemerkt bleiben können, da doch die betreffende Seite jedesmal von drei paar Augen gelesen wurde, nämlich von Naftali, dem Vorbeter, dann von dem Manne, der aufgerufen wurde, um den Segen über den Abschnitt zu sprechen, and drittens von Tarphon, dem Deuter. Am nächsten Morgen wurde Benish vorgeladen und seine Bestürzung über dieses Missgeschick war gross. „Ich begreife es nicht*, sagte er zu seiner Rechtfertigung, „ich habe jede Seile sorgfältig durchgesehen, nachdem ich sie geschrieben und selbst das Endchen am „J" habe ich mit grösster Genauigkeit gezeichnet — ich kann mir das absolut nicht erklären." Und mit vielsagendem Kopfschütteln fügte er das ausgelassene Wort ein und jeder bewunderte die Geschicklichkeit, mit welcher er die Lücke so ausfüllte, dass keine Spur von der Korrektur zu sehen war. Tarphon war über diesen Vorfall sehr betrübt, denn er gefährdete den guten Ruf der Thorarolle. Doch wurde dieser Kummer reichlich aufgewogen von der Freude, Ephraim wieder hergestellt zu sehen. Mit der Zeit machte ias Kind immer schönere Fortschritt», so dass er mit sieben Jahren schon Easchi und Onkelos und deren Komimentatoren studierte und seine Lehrer mit überraschender Fragen in Verlegenheit setzte, »Sagt mir,8 fragte er einmal, „wenn jemand am Vorabende des Passahfestes aüe Winkel und Ecken seiner Wohnung durchsucht und jedes Krümchen und Bröckeher Sauerteig gesammelt hat, so dass nichts übrig geblieben ist, wenn aber während der Feiertage eine Maus aus dem anstosaenden Hause eines Nichtjuden eine Brotkruste herüb&r trägt, ist dann d«r Eigentümer des entweihte» Hauses der Strafe verfallen, welche diejenigen auf sich laden, die das Gebot verletzen: „Sieben Tage soll in Deinem Hause kein Sauerteig zu finden sein?" Man wird zugeben, dass dies keine Frage war, di& man so ohneweiteres beantworten konnte, und man erzähltes sich, lass seine Lehrer Ter jeder Unterrichtsstunde eines Beratung abhielten, um auf die Fragen, die der frühreifes Knabes etwa stellen würde, befriedigende Antworten vorzubereiten. Und Tarphon trug den Kopf hoch unter den Vätern der Gemeinde. Der kleine Ephraim war jedoch kein Bücherwurm , er lief mit den anderen Kindern umher und tat sich auch in den Spielen hervor; so» kam es, dass ihn einmal eitn ernster Unfall ereilte. Eines Tages, als die Knaben Hase und Hund spielten, wurde er zum Hasen bestimmt und als

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