Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Article
- Die vierte Dimension
- Date
- 1903-04-10
- Page
- 20 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316036-3331232--39330-3331355- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20 — Und dann setzte er sich ans Bett und sass lange da, in tiefes Nachdenken versunken. „Was meinst du, Mirjam? Ich glaube, es wäre nur recht, wenn ich der Gemeinde etwas spendete, damit man noch in künftigen Zeiten an die Geburt von Tarphons Sohn denke." „Wenn ich erst hergestellt bin, werden meine Schwester und ich eine Decke für das Pult des Vorbeters sticken," schlug Mirjam vor» „Das ist in ein paar Jahren zerrissen," wendete Tarphon ein, „und dann ist die Spende auch nicht kostbar genug.* „Dann spende einen goldenen Pokal." „Den kann man stehlen. Nein, rede mir zu nichts zu, ich habe das Geschenk schon im Kopfe. Ich habe heute gehört, dass Benish, der grosse Thoraschreiber, die Gesetzesrolle beendigt hat, die er als die beste Arbeit seines Lebens bezeichnet; er verlangt ein grosse Summe dafür, ich weiss nicht wieviel, aber die Ernt war heuer sehr ergiebig, und wir hatten keine Klauenseuche unter den Schafen. Ich werde ihm geben, was er verlangt — es wird mir nicht fehlen." So ging denn Tarphon, wie er sich's vorgenommen, am folgenden Morgen zu Benish, um mit ihm zu verhandeln. Als er eintrat, sass der Gelehrte in seinem Arbeitszimmer, eifrig über alte, pergamentene Urkunden gebeugt, die einer Ausbesserung bedurften. „Ich komme wegen der Thorarolle, die, wie man mir sagt, ein Weltwunder ist," begann Tarphon. „Sie ist schon verkauft oder fast verkauft," antwortete Benish, „denn die Gemeinde von Wilna hat mir elf hundertundfünfzig Rubel dafür angeboten.* „Ich geb* euch zwölfhundert Rubel," sagte Tarphon. „Es gibt nur einen einzigen Mann, der das tun konnte, das ist Tarphon von Stchelno." „Der bin ich auch. Gestern wurde mir ein Sohn geboren und zur Erinnerung daran möchte ich der Gemeinde die Thorarolle spenden.* „Die Gabe ist des Gebers und des Anlasses würdig/' sagte Benish, „ihr sollt sie haben. Und nun kommt, dass ich sie euch zeige.* Und nun holte er das wohlverwahrte, kostbare Manuskript hervor. Es war von mittlerer Grösse, nicht so umfangreich und schwerfällig wie die meisten Thorarollen, die die Arme der Träger ermüden, wenn sie gelegentlich des Freudenfestes in feierlichem Umzüge herumgetragen werden. Die Augen Benish leuchteten, als er ihre Vorzüge hervorhob. „Zehn Jahre hab' ich daran gearbeitet und nun ist jede Verzierung vollendet und die Zwischenräume und Ränder zwischen den einzelnen Abschnitten auf ein Haar genau. Schaut euch die Griffe an, festes Ebenholz aus dem Lande Kush, und das seidene Mäntelchen kann nicht einmal von indischer Seide übertroffen werden." Und dann zeigte er Tarphon die Ausstattung und das Beiwerk, das dazu gehörte, wie das Brustschild aus schwerem Silber kunstvoll in das Bildnis von König Salomos Tempel eingearbeitet war, und die Säulengänge und Vorhöfe in zierlich durchbrochener Arbeit sich von dem ganzen abhoben. Und die grossen Glocken an der Spitze hatten die Form von Kronen, und die Klöppel darin gaben einen Ton von sich, wie Zymbeln; der Zeiger aber hatte in seinem oberen Teile die Form eines Palmenzweiges und verlief nach unten in eine wunderbar fein ziselierte Hand. „Und alles das hat mein Sohn, der Silberschmied, gemacht," fügte Benish stolz hinzu. „Ich sage euch, es gibt keine schönere Thorarolle — es wäre denn die, aus der die Patriarchen den Sabbat- Abschnitt im Garten Eden lesen, und sie soll euch gehören für zwölfhundert Rubel, wie ihr gesagt." Tarphon starrte mit offenem Munde auf all die Herrlichkeiten vor ihm und hatte nicht das Herz, wegen der fünfzig Rubel zu feilschen, die Benish ihm noch dazurechnete; der Mann verdiente den Preis ehrlicb. Und als Tarphon nach Hause kam, sagte er seiner Frau: „Ich habe gesehen, was noch kein menschliches Auge gesehen hat; mir war zumute, wie wenn ich die Herrlichkeit Gottes in mir aufgenommen hätte." „Uebertreibe nicht so," unterbrach ihn Mirjam, „auch ich habe meine Augen an dem Abglanz göttlicher Herrlich» keit geweidet. Aber sei still — er schläft." „Das Kind — unser Kind!* flüsterte Tarphon, dann fuhr er leise fort: „Was sagst du dazu, Mirjam? Nicht wahr, um acht Uhr tat unser Sohn den ersten Atemzug? Und Benish sagte mir, dass er punkt acht Uhr, also im selben Augenblicke, den letzten Federstrich an dem Werke getan hat, nachdem er die ganze Nacht, vom Abend bis zum Morgen, daran gearbeitet hatte, und so kann man sagen, dass beide in demselben Augenblicke geboren wurden. Ist das nicht seltsam?* „Seltsam?" rief Mirjam. „Ach, du Kleingläubiger! Ist Gott nicht reich genug, um mit einem Ausstrecken seiner Hand doppelten Segen über die Welt zu breiten? Nenne es nicht seltsam, sage lieber, es ist ein gutes Zeichen, eine günstige Vorbedeutung für ein glückliches Leben, dass unser Sohn einen solchen Altersgenossen hat." Da beugte sich Tarphon über das Kind, küsste es und flüsterte: „Mögest du dem Allmächtigen, dessen Geschöpf du bist, so teuer sein, wie die heilige Lehre!" Aber es gab noch viele wichtige Dinge zu besorgen, und Tarphon hatte in den nächten fünf Tagen, die noch verstreichen mussten, bis das Kind in den Buna^Abrahams aufgenommen werden konnte, alle Hände voll zu tun. Die Erinnerung an dieses Beschneidungsfest ist heute noch lebendig in Stchelno, denn von den Ueberbleibseln des Mahles hätte man noch zwei schöne, vollständige Hochzeitstafeln herrichten können. Alles, was angesehen und geschätzt war in der Umgebung, war zu dem Feste gekommen, darunter Rabbi Eliezar, der berühmte Kabbaiist, der, wie man sich erzählte, einst einen Engel bei dem Fusse gefasst und nicht eher freigegeben hatte, als bis er ihm einen Ehrenplatz in jener Welt versprochen. Nun war er blind und vom SchiagflLuss gelähmt und nur ein Mann von dem Range Tarphons konnte es wagen, ihn einzuladen. Und am Abend des Festes brachte man das Kind, das den Namen Ephraim erhalten hatte, und legte es auf den Tisch vor Rabbi Eliezar, damit er es segne, und ihm allein hatte man erzählt, in welch wunderbarer Weise die Vollendung der Thora mit der Geburt des Kindes zusammenfiel. Und er legte seine zusammengeschrumpften Hände auf das Köpfehen des kleinen Ephraim und, seine blinden Augen gen Himmel erhebend, segnete er ihn. Nun hatte der alte Mann keine Zähne mehr und seine Aussprache war infolgedessen undeutlich und schwer verständlich; aber die ganz in seiner Nähe sassen, glaubten folgende Worte gehört zu haben : „Da ihr beide unter demselben Sterne geboren seid, so mögen eure Seelen sich gleichen, denn es gibt nichts Reineres auf Erden, als die Seele des Gotteswortes. Der Ewige hauchte seinen Odem in die unbegrenzte Unermesslichkeit und es entstanden die vier Dinge — seine Dimensionen. Und wie der Segen deiner Zwillingsseele auch dir zum Heile gereichen soll, so mögest du alles andere mit ihr teilen, was ihr bevorsteht, und wie die eine sein wird, so soll auch die andere sein. Und wenn