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Die Welt · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · p. 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-03-20
Page
17 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 „Die 2$£ Welt- Seite 17 etwas beiseite zu legen, und wie lang es brauchen würde, um genug Geld erspart zu haben, tum Vetter Jossef nach England zu schicken, wo nach sicheren Berichten ein Doktor lebte, der geschickter war als alle übrigen und der Jossefs blinde Augen ganz gewiss heilen würde. Ach, wie schade, dass Schimmele nichts von den Märchenklassikern wusste! Was für ein schönes Spiel wäre es gewesen, die Gans zu besitzen, die goldene Eier legte; dann weg damit zum Markte und schnell v ioder zurück, mit den Taschen voll Geld klimpernd. Hei! Mit einem Goldstück auf den Tisch im Wagenschuppen zu schlagen und grossartig zu sagen: „Drei Sitze in der Kutsche, die nach England fährt, zum Hause des Doktors, der Bünde sehend macht!" Es gab Zeiten während der WocHien, die dem Zinstage vorausgingen — wo Mirjams Lachen, das gern und oft erscholl, mitten am Wege abbrach uekL in einem Seufzer endigte. Dann öffnete sie zuweilen die grosse Küste und zog unter dem Leinenzeug das kleine graue Säckchen hervor, das das Geld für die Miete enthielt. Schimmele beobachtete sie ängstlich, und ein dumpfer, nagender Sehmerz, dessen ISFamen er zwar noch nicht kannte, und der Sorge heisst, schlich sieh in sein Herz; denn das Mitetgeld musste ein volles Säckehen ausmachen, und Mirjam ersekiloss eine grosse Ebbe darin, als sie die Schnur löste. Mirjam, die lieber verhungert vi.re, als dass sie einen Schuldner gedrängt hätte, sagte in beruhigtem Tone: „Wenn Hirsch Eandar oder Nossen Langer," wie es in jedem einzelnen Falle hiess, „ mir für jene Kuchen vor dem Zinstage zahlen würde, und wir1 ein bisschen sparsam wären, glaube ich, könnte es genug sein." v,Wozu bezahlst du die Gojte für das Holztragen?" rief Schimmele einst, von einem grossen (Sedanken erfüllt. „Ich kann es tun — ich bin stark, schau., Babele," und er hob das Ende der Holzkiste und wurde dabei rot vor Anstrengung und Prahlerei. „Das ist keine Arbeit für dich" sagte Mirjam. „Ein Bocher, einer, der einmal dm. Rabbi werden soll!" Aber zehn Kreuzer erspart, sind zehn Kreuzer, und so trug Schimmele das Holz. Eines Wintertages — in jenem harten Jahre, das man das Hunger jähr nannte — sprach Mirjam, indem sie ernst dreinsah: „Ein grosser Doktor in Prag lua.t immer gesagt, dass es sehr ungesund ist, viel Fleisch zu essen. Einmal in der Woche ist für jeden genug, sagte er*r Schimmele wurde nachdenklieb. „Ja, ich denke Braten und dicke Sauce mit kleinen Zwiebeln darin ist wirklich sehr ungesund," sagte er. „Geräucherte Wurst ist viel besser." „Geräucherte Wurst! Wer wir! geräucherte Wurst an einem Wochentage essen? Mir schmeckt nichts besser, als Erdäpfel und ein Stück gutes frisches Schwarzbrot." „Ah, ich habe auch Schwarzbrot gern," sagte Schimmele schwach. „Gut, wenn du es haben willst/'* sagte darauf Mirjam beleidigt, können wir auch Leckerbissen für das Geld kaufen, das wir beiseite legen, danult man deinen Vetter wieder sehend machen kann." „Er wird sicher wieder sehend gemacht werden. So wahr ich lebe, Babele. Ich habe schwarzes Brot gern, lieber als — als — Eosinenkuchen." In jenem langen harten Winten wo das Holz so teuer war wie die Lebensmittel und mar Eier überhaupt nicht bekommen konnte, lernte Schimmele die Bitternis des Borgens kennen, und die Freude, einen IKreuzer für die lastenden Schulden zu ersparen. In jeneim Winter stand Mirjam bis spät in die Nacht hinein bei ihrem Backbrett und fabrizierte ihre famosem Gargelech, welcher unübersetzbare, wohlklingende Ausdruck beiläufig kleine llöhrchen oder kleine Pfeifchen bedeutet und von welchen jedes mühsam auf einer Stricknadel aufgerollt werden muss. Obgleich sie in der Zubereitung so beschwerlich sind und nur wenig einbringen, arbeitete Mirjam geduldig daran, denn sie fanden stets schnellen Absatz in der Stadt. Allerdings, hat man schon je von einer Hochzeitssiippe ohne Gargelech gehört? Es wäre wie ein Segen ohne Amen. In jenen Tagen sah Schimmele den Klatsch und die Ereignisse in der Gass' in einem neuen Lichte; er dachte nur ans Geschäft. Kommende Geburtstage und heranwachsende Burschen waren Dinge grosser Beobachtung. Er forschte nach Bar Mizwas.1) Der Anblick eines Jünglings und eines Mädchens, die beim Brunnen schwatzten, liess ihn erfreut mit den Füssen straiiLpeln; es war eine Hochzeit, die er roch. Er rannte ins Haus, mit dem saftigen Bissen, noch heiss vom gehörten G eschwätz: „Babele, rate das Neueste! Eeb Itzig Melammed wird heiraten." „Nein, wirklich? Wen?" „Er weiss noch nicht, ob er Sorl Eeb Schlome Edelsteins oder Veilehe Lederers nehmen soll. Glaubst du, dass wir die Torten zu inachen bekommen werden?" oder: „Hol den Zucfcrhut herunter, Babele! Ich werde Zucker stossen. Sic werden eine sechzig Kreuzer-Torte haben wollen, denk ich!" „Wer?" „Bei. Mendel Pessels haben sie den Storch bestellt. Jeu tele sagte es. Er wird jeden Tag erwartet." An einem bitterkalten Tage sah. Mirjam Schimmele heftig seine Hände reiben und sie dann über den Ohren zusammensch lagen. „So macht es Pawel, der Fuhrmann," erklärte ei^ „wenn er seine Ohren wärmen will. Vielleicht wird sie Beb Noach dieses Jahr nicht verkaufen?" „Was, Sehimmc-le?" „Die kleine Tuehkappe, mit Hasenfell ringsherum und wollenen Ohrenklappen. Wir können sie nächstes Jahi kaufen und die fünfzig Kreuzer können wir jetzt zu Vettei Jossefs Augengeld legen," aber wer nicht weiss, dass diese kleine Tuchkappe der Gdpfel von Schimineies brennendste! Sehnsucht ein ganzes langes Jahr hindurch war, kann dk Grösse des Opfers licht ermessen. Mirjams Herz schlug höher vor Stolz und Freude bei Schimmeies Opferwilligkeit, aber doch, ward sie von Besorgnis erfüllt. „Es ist nicht natürlich," grübelte sie, „solch ein junges Kind — ein Wunderkind. Gott im Himmel, gib ihm Leber und Gesundheit," betete Mirjam in innerster Seele. „Mar sagt, sie sterben oft jung." „Aber deinen Shawl, Babele," setzte Schimmele eindringlich fort, „den brauche ich nicht mehr um den Kopi zu tragen, diesen abscheulichen Shawl." 0, dieser Shawl., er war die schwerste Last des Winters; denn die grossen Knaben machten sieh über ihn lustig, und Jainkele, der Erzfeind, nannte ihn „Mädel-Junge", und wai er nicht sinnlos unpassend für seine Jahre? „0, du musst <Lcn Shawl tragen," sagte Mirjam. „Du könntest, Gott behüte, krank werden ohne ihn." „Nein, nein," bat Schimmele. „Ich werde meine Ohren wärmen wie es Pavel, der Fuhrmann tut." „Sei nicht duinm, Kind, du wirst dir die Ohren erfrieren." ') Die religiöse Volljährigkeit im Alter von dreizehn Jahre-, gewöhnlich ein F>miJ;enfest.

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