Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-03-20
Page
16 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316033-3330471--38868-3330594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 16 „Die & Welt" Nr. 1% Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wolfenstoi n. (Autorisierte Uebersetzung aus <U»m Englischen.) Schimmele erbleichte vor Staunen und tiefer Entrüstung. „Ich habe nicht gelogen/' erwiderte er heftig. „Alles ist so, wie du gesagt hast." Langsam erschien ein sonderbar geängstigter Ausdruck in Jossefs Gesicht. „Sag* mir," sprach er, „sitzen wir auf der sonnigen Bank gegenüber Schulklopfers Fenster?" „Wo denn sonst?" „AVer sitzt am Fenster?" „Aber Vetterl, habe ich es nicht gesagt? Vögele, Jainkeles Schwester." „Seine Schwester?" stammelte Josse! „Ich dachte, es wäre seine Mutter." „0, seine Mutter," lachte Schimmele. „Mein, das ist nicht seine Mutter, die ist drinn, am Tisch. Nein, ihre Haare kann man nicht sehen — sie trägt eine grosse Haube." „Dann sitzt sie nicht mehr am Fenster und klöppelt Spitzen?" „Sie flickt Jainkeles Hosen." Jossef hielt inne. „Das kleine, braune Muttermal, grad' dort, wo die Wange am rötesten ist — das kannst du nicht sehen — wenn du sagst, dass sie drin ist." „Warum kann ich es nicht sehen? — Sie sieht nach uns und nickt — ich sehe es sehr gut. Es ist ein grosses Mal, aber ihre Wange ist nicht rot — nein — sie ist weiss und mager." „Die kleinen weissen Zähne — die rosigen Lippen —" „Sie hat sich weggewendet, ich kann sie nicht sehen; — ich glaube — ja — Vetterl — sie weint." Jossef sass so still und schweigend da, dass Schimmele nachsah, ob er nicht eingeschlafen war, doch er war wach, aber er sah blass und verschrumpft aus, und Schimmele glaubte ihn noch nie vorher so alt gesehen zu haben. „Ist dir kalt, Vetterl?" fragte er beim Anblicke seines farblosen -Gesichtes. „Ja, kalt/' erwiderte Jossef mühsam. „Wie mir scheint, ist die Sonne schon untergegangen. Komm nach Hause." Sie wanderten schweigend heimwärts, dieses sonderbare Paar, und Jossef vergass, kühn durch die Strasse zu schreiten und mit seinem Stocke munter zu schlenkern, sondern duldete es, da&s ilm Schimmele wie ein Kind an der Hand führte. Mirjam war noch nicht zu Hause. Sie nahm an einer Hochzeit am Lande teil, so machte denn Schimmele Feuer und stellte den Kessel zum Kochen auf; dann nahm er sein Gebetbuch und setzte sich zu Jossef auf den Holzstoss hinaus. Jossef beharrte in seiner Schweigsamkeit und unterbrach sie nur, indem er beinahe rauh hervorstiess: „Du brauchst nichts davon zu erzählen, dass wir im Synagogenhof gesessen sind." Schimmele begann seine Abendgebete zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht dabei. Er bestrebte sieh, die Geheimnisse der Ereignisse dieses Naelvnxittags zu lösen. Wie die verstreuten Perlen seines Halsbandes lag Jossefs Gespräch und noch mehr sein Benehmen in seinem Kopf. Er fühlte, dass sie zusammengehörten, aber er konnte den Faden nicht finden, auf welchem er sie zu einem Ganzen aufreiben konnte. Das graue, kalte Zwielicht stahl sieh schon in die Gass' und Schimmele wagte anzudeuten, dass es Zeit sei, hineinzugehen, aber Jossef rührte sich nicht. „Die Menschen sind wie die Jahre," begann er langsam, halblaut zu sich selbst. „M&nche sind fruchtbar und erfreulich, manche sind leer und sorgenvoll, manche endigen in einem glückliehen, behaglichen Winter und manche — in einer Hungersnot." Schimmele seufzte, denn das Leben war wirklich langweilig, wenn Jossef philosophierte. * „Die Gefahr ist im Sommer," setzte Jossef fort. „Ich habe Jahre gesehen, deren Frühling tot und kalt war —* es schien trostlos — doch nach einer Woche Sonnenschein war alles wieder gut; aber im Sommer kann ein einziges Hagelwetter die reichsten Felder töten und vernichten. So ist es mit dem Menschen. Der Frühling seines Lebens mag hoffnungslos erscheinen — dann ist's wie mit den Tränen einen Kindes; aber wenn es in seinem Sommer eine Frau gibt, um deretwillen er alles aufgeben und verlassen würde — Vater, Mutter, Brüder, Schwestern . . ." Endlich verstand Schimmele. Er legte seine kleine, weiche Hand auf Jossefs grosse, rauhe. „Ich weiss, Vetterl," sagte er geheimnisvoll, „du meinst dein Grossmutterl." Jossef warf seinen Kopf zurück und stiess ein wildes Lachen aus; dann vergrub er sein Gesicht in den Händen. Schimmele sah bei dem seltsamen Geräusch, das er verursachte, auf und sah erstaunt, dass zwischen den grossen, rauhen Fingern Tränen hervorsickerten. Lachte Jossef — weinte er — er wusste es nicht. Es war viele Jahre später — als zum erstenmal der Strahl eines Mädchenauges sein Herz heftig klopfen lies* — dass Schimmele erst recht verstand . . . XL Warum Schimmele nie spielte. Ein oberflächlicher Beobachter könnte sorglos bemerken: weil er nie Zeit hatte. „In der Tat, welches Kind in der Gass' hatte Zeit zum Spielen?" sagt er. „Es gibt wenige, die noch so jung und schwach sind, dass sie nicht mit den Erwachsenen bei dem ungestümen Wettrennen um das tägliche Brot mittun müssten, und kleine Finger, die noch nicht mit dem Besen umgehen können, handhaben schon f leissig die Stricknadeln." Nehmt einen Tag in Schimmeies Leben. Ehe es noch tagt, auf und beim Gebet; das Frühstück wird dann rasch eingenommen und dann begann sein Rundgang, um Mirjams Bestellungen auszuführen; und dann Zuckerstossen — was ein langsames und anstrengendes Geschäft war, denn der Zucker ist hart und Schimmeies Arme sind klein und schwach — dann die Synagoge! dann die Schule bis Mittag. In Eile wird das Mittagessen verzehrt, denn es gibt Schüsseln zu waschen und Pfannen zu reiben; dann kommt wieder die Schule an die Reihe, mit einer Unterbrechung für die Synagoge, und dann endlich das Nachtmahl; ein kleiner Plausch oder eine Geschichte im Dunkeln, während Mirjam strickt; dann Nachtgebet und zu Bett. Wo da also Zeit für Spiel hernehmen? Ich kenne aber noch einen anderen Grund, warum Schimmele niemals spielte: „Er war zu alt dazu!" Ja, Schimmele war zu alt. Ein Kind von sechs oder sieben Jahren, sagt ihr? Als ob das Alter mit den Jahren etwas zu tun hätte! Ja, Schimmele war zu alt zum Spielen. Wenn andere Kinder beim Spiel waren, sann er ernsthaft über die wichtige Frage des Mietzinses nach; oder er und seine, Grossmutter steckten wie ein Paar alte Freunde die Köpfe zusammen und rechneten aus, mit welchen Mitteln und Plänen und Listen es möglieh gemacht werden könnte, jeden Tag

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.