Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 12 (20.3.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-03-20
- Page
- 18 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 „Die # Welt" Nr. If „j^em, ich brauche den Shawl nicht V „Du wirst dich zutode erkälten." „Gut, ich will den Shawl nicht tragen." „Was ist das für eine Art, dieses: Ich brauch nicht! Ich will nicht Vc Der Streit wurde heiss und endete damit, dass Sehimniele triumphierend mit den dicken Bcinehen strampelte und brüllte: „Ich werd' nicht! Ich werd? nicht! Ich werd' nicht!" Aber wer sieh einbildet, dass Mirjam bei dieser Empörung ihres Wunderkindes untröstlich geworden sei, der kennt sie schlecht. Nein, sie klapperte mit grossem Behagen mit ihren Stricknadeln weiter und schaute fröhlich zwinkernd drein. „Gott sei Dank," lachte sie, „das Kind hat eine gute Gesundheit, das Kind wird leben." (Fortsetzung folgt.) Golus. Zwischen Nacht und Morgen rollen die dunklen Wellen Der Ewigkeit zu. Und zehntausend schwarze Schiffe, Gespensterschiffe, Ohne Steuer und Stern Treiben zum Nichts. JEinst, als die Sterne noch strahlten, Fahren sie aus Perlen zu suchen. Cherus. Die Heimat zu finden Fahren sie hin Im Morgenrot jetzt, Zu ihrer Unsterblichkeit, Mit Rudern sonnenvergoldet, Die MännerschifTe Demütig-stolz, jüdisch und frei: zehntausend — In'ti unendliche Nichts Rollen die Wellen. Wien. Alexander Mercj. Das jüdische Glück. Was ist Glück? Es scheint eine müssige, unzeitgemässe, aus dem Bereiche des „schönen Geschwätzes" herausgeholt« Frage und dennoch ist sie eine aktuelle, nüchterne Frage aus dem täglichen Leben der Juden in Rumänien. Wann hat ein Jude Glück? Die Antwort ist, für mich wenigstens, nicht leicht. Stellen Sie sich vor: Sie wohnen in Bukarest (die Hauptstadt Rumäniens und das zweite Paris) und Sie sind dabei ein Jude oder wenigstens haben Sie ein „jüdisches" Gesicht (kommt auch in den arischesten Familien vor). Jetzt denken Sie sich, dass Sie eines Morgens auf die Strasse gehen — eines schönen, tauigen Morgens. Frisch und munter und nichts Böses ahnend, schlendern Sie in den Strassen der rumänischen Hauptstadt dahin. Plötzlich — aber was ist das? Ein Stein, ein kopfgrosser Stein fällt vor Ihre Füsse. Ein Glück, dass er nicht anderswohin gefallen ist. Ihr erstes Glück, Aber kaum haben Sie diese Gunst Fortunas verzeichnet, fliegt von rückwärts her ein zweiter Stein. Diesmal hat Ihr gutes Glück nur bewirkt, dass der Stein nicht den Kopf, sondern den Rücken getroffen hat — was wirklich noch ein Glück ist, mein opportunistischer Glaubensgenosse, mein Bester. Weniger zufrieden mit „Ihrem Glücke", versuchen Sie jetzt rasch die Stelle zu verlassen, wo es Steine regnet, versuchend, im Laufschritt dieses meteorologische Problem des Steinregens bei heiterem Himmel zu lösen. Die Lösung kommt rascher, als Sie es wahrscheinlich gewünscht haben, in Form einer johlenden ,pfeifenden, heulendenMah ala gii- Bande (Vorstadtbewohner), die Ihnen nachläuft, nachschreit und Steine nachwirft. Ob Sie „das Glück" haben werden, der Horde zu entkommen? Das ist Ihr brennendster Wunsch. Sie wissen nicht, was man von Ihnen will, Sie kennen keinen von Ihren Verfolgern — aber Sie wissen, Sie müssen fliehen, weife fliehen, sonst regnet es Steine und S ockhiebe, und Sie fliehen eilig. Diesmal aber verlädst Sie Ihr „ Glück" ganz und Sie fallen keuchend, hustend, erschöpft zu Boden, in die Hände Ihrer Verfolger* Und es regnet wirklich Hiebe. Ach! und was für Hiebe! Sie haben jetzt noch „Glücke So wird Ihnen nur ein Auge zerschlagen; das andere ist nur mit Blut unterlaufen. Am Kopfe haben Sie nur zwei Schädelbrüche und kein Arm ist Ihnen ausgerissen worden. „He,a schreit einer in der Menge, „gehen wir ihn taufen, den Juden." Der Jude, der sind Sie. Un die Menge tobt und jubelt: „ Gehen wir ihn taufen! Taufen wir den Juden!* Der Jude, der sind Sie! „Ja," höre ich jemanden ausrufen, „wie kommen Sie zu dem ganzen Roman?Ä Das ist ja gar kein Roman. Das ist eine Zeitungsnotiz, die in rumänischen Zeitungen zu lesen war und ha welcher berichtet wird über „Geschehenes". Nur ist das nicht Ihnen, der Sie nicht in Bukarest wohnen, passiert, sondern einem dortigen Juden. Der Name desselben ist nicht genannt und gehört auch nicht zur Sache, denn man hatte es nicht auf einen bestimmten Juden abgesehen; das konnte Ihnen, mir oder meinem Vater passieren. Der Geschlagene ist, wie berichtet, nichtsahnend auf die Strasse gegangen; er hatte nur das Unglück, der „Auserwählte" seines Volkes zu sein. Ich muss Ihnen nämlich berichten, dass dies am Johannestage geschehen ist (Bobot e a z a). Zu diesem Feiertage belieben die gottesfürebdgen Vorstadtbewchner sich einen Extraspass zu erlauben. Sie fangen einen Juden auf der Strasse, prügeln ihn nach Herzenslust dureh und dann taufen sie ihn, das heisst sie werfen ihn in irgend ein Bassin. Da dieser Feiertag auf den 20./7. Jänner fällt, kann das Bad in dem kaltenJBassin wasser dfm durch die Prügel erhitzten Juden nur Linderung bringen. Und so erfährt der Ungläubige an seinem eigenen Körper die Segnungen der christlichen Taufe. Diesmal hatte aW der „Auserwählte" Glück, berichten die Zeitungen, „Eine in der Nähe wohnende Frau nahm sich seiner an und bewirkte, dass man ihn in Freiheit setzte." Jetzt werden Sie meine Frage verstehen. Was ist Glück? Ist es ein Glück, dass die betreffende beherzte Frau in der Nähe wohnte oder ist es ein Glück, dass, wie die Zeitungen berichten, die Jca' noch einen Sekretär nach Rumänien geschickt hat? Nathan S. Die Frau und der Zionismus betitelte sich der Vortrag, welchen Herr Dr. Klee am 3. d. M. in einer vom „Jüdisch-nationalen Frauen verein" veranstalteten öffentlichen Versammlung im Architektenhause zu Berlin hielt. Indem der Reiner die Grundzüge des Zionismus kurz beleuchtete, wies er darauf hin, wie sehr gerade die jüdische Frau berufen sei, an der Renaissance des jüdischen Volkes mitzuarbeiten. Er möchte der jüdischen Frau zurufen, ähnlich, wie man König Chlodwig bei der Annahme des Christentums^ zugerufen habe: „Bete an, was du ver* brannt, und verbrenne, was du angebetet hastl das heisst; lerne den Wert des Judentums schätzen und setze dasselbe nicht gegenüber allen anderen Ueberzeuguugen zurück; schäme dich nicht deines Volkes. Als Redner in einer gelegentlichen Privatunterhaltung einer Dame gegenüber das Syst* m der Vermietung der Synagogenplätze einmal ge* tadelt und die Ansicht ausgesprochen habe, man solle einen Einheitspreis für alle Plätze schaffen und die Plätze ver* losen, meinte jene Dame* sie könne sich doch nicht neben jede beliebige andere setzen. Hierin liege der Kern