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Die Welt · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Article
Achad-Haam über "Altneuland"
Date
1903-03-13
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 iÄ^Ä NBiB ist eben das Vorbestehende, das dann nach annehmbaren Begründungen und Rechtfertigungen sucht. Konkurrenz ist die allgemeine. Erscheinung in der individualistischen Wirtschaftsordnung. Der Christ ärgert sich auch über seinen christlichen Konkurrenten und wenn dieser zu scharf gegen ihn angeht, so sucht1 er ihm mit Gesetzen gegen unlauteren Wettbewerb in den Arm zu fallen; aber er macht ihm aus seiner Konkurrenz keinen sittlichen Vorwurf und er verlangt nicht, dass er wirtschaftlich gelähmt oder ganz ausgerottet werde» Der jüdische Konkurrent aber scheint ihm ein Verbrecher, den man mit allen Mitteln unschädlich machen müsse. Die Wut richtet sich eben nicht gegen den Konkurrenten, sonder gegen den Juden, und sie richtet sich gegen ihn, weil sie nicht erst vom Konkurrenten entfacht wurde, sondern schon gegen den Juden bestand. Erwirbt der Jude, so hasst man ihn als Konkurrenten; verzehrt er seine Zinsen, so hasst man ihn um seines Besitzes willen; gehasst wird er immer, und der Hinweis auf die Konkurrenz ist nur eine nachträglich zur Beschönigung ersonnene Ausrede. Die wirklichen Gründe des Judenhasses habe ich in meiner als Flugschrift erschienenen Rede „Der Zionismus und seine Gegner" (S. 11 ff.) entwickelt und brauche sie hier nicht zu wiederholen. Wenn wir den Charter erlangen, wenn Avir Palästina besiedeln, so werden nicht entfernt alle Juden in das Land der Väter zurückkehren. Die Judenkonkurrenz wird also durchaus nicht aufhören. Die Judenfrage wird aber dennoch gelöst sein, weil kein Jude mehr gezwungen sein wird, um seines Judentums willen zu leiden. Schafft man dem Juden in der Zerstreuung Bedingungen, die ihm die Konkurrenz mit dem nichtjüdischen Nachbar und Wettbewerber unbillig erschweren oder unmöglich machen, so hat er dann die Wahl, sich durch Auswanderung in das Judenland diesen Bedingungen zu entziehen. Gewährt man ihm dagegen die gleichen gesetzlichen und gesellschaftlichen, materiellen und moralischen, ponderablen und imponderablen Bedingungen wie dem nichtjüdischen Wettbewerber, so wird er sich auch in der Zerstreuung über den Konkurrenzkampf nicht beklagen und das Vorhandensein einer Judenfrage nicht empfinden. Die Konkurrenz selbst wird der Zionismus nicht aus der Welt schaffen. Der Jude wird die Konkurrenz auch in Palästina vorfinden. Aber es wird eine Konkurrenz mit gleichem Rechte, gleichen Waifen,^ gleichen Kampfregeln sein. Es ist möglich, dass eine andere, die sozialistische Wirtschaftsordnung die Konkurrenz aus dem Wirtschaftsleben ausmerzt. Aber das hat mit dem Zionismus nichts zu tun, der in erster Reihe eine nationalpolitische Bewegung ist und sich mit keiner wirtschaftlichen Theorie identifiziert. Was wir wollen und weshalb wir es wollen, das haben wir nicht „ausweichend", sondern klipp und klar gesagt. Was aber will Achad-Haam? Darauf habe ich in seinem Gefasel vergebens eine Antwort gesucht und danach habe ich vergebens andere gefragt, die hebräisch leichter lesen, als ich es leider kann* Nach seinen Schlusssätzen möchte es scheinen, als werfe er dem Zionismus hauptsächlich vor, dass er zu rasch arbeite. „Eine Renaissance des Judentums, die wirklich jüdisch und nicht negerhaft wäre," (dieser Blödsinn soll ein Witz sein) „kann nicht in einem Atemzug vollbracht werden," (haben wir das je behauptet? Wir kennen die Schwierigkeiten des Werkes besser als Achad- Haam, der nie einen Finger dafür gerührt hat) „nicht allein mittels Aktiengesellschaften und Genossenschaften," (nicht damit allein, sondern mit der ernsten Mitarbeit des ganzen. Volkes, das sich aller geeigneten Werkzeuge: bediepeij muss, auch der Aktiengesellschaften und Genossenschaften) „ein historisches Ideal bedarf einer historischen Entwicklung und, die,historische Entwicklung sehreitet langsam.'6 Diese Weisheit lernen wir nicht von Achäd-Haam. Gewiss „bedarf" —.zwar nicht „das* historische Ideal14, wie er sich in seiner qualmig unverständlichen Weise ausdrückt, aber die Verwirklichung eines geschichtlich gewordenen Ideals der Zeit und sie kommt durch natürliche Entwicklung der Verhältnisse zustande. Der Zionismus ist aber selbst ein Stü-ck geschiehtlieher Entwicklung, er ist eine Bewegung, die nicht der Laune oder Willkür eines, oder einiger Menschen entsprungen ist, sondern aus den Verhältnissen des jüdischen Volkes in der Zerstreuung mit Naturnotwendigkeit ■ organisch herausgewachsen ist. Gerade sein Charakter einer geschichtlichen Erscheinung, einer nicht zur unterdrückenden Entwicklungsphase der jüdisch« n Völksgeschicke ist die grosse, die elementare Stärke: des Zionismus, und wir wissen nicht, wie Achad-Haam* dazu kommt, uns seinen Satz, der, wenn er irr "verständliche Menschenredc. srefasst wird, selbstverständlich ist, gewissermassen als Entgegnung oder Widerlegung mit triumphierenden Mienen vorzudeklamieren. „Die historische Entwicklung schreitet langsam. Gewiss; aber damit sie, wenn auch noch so langsam, sehreite, muss sie einmal beginnen. Die Zionisten haben sich entschlossen in Bewegung gesetzt. Wie lange sie unterwegs sein werden, das hängt nicht von ihnen allein ab. „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen," sagt Herzl. Wenn das jüdische Volk nicht will, ist es. ein Märchen. Wenn das jüdische Volk halb will, flau. will, unpraktisch will, so werden die Verwirklichungen mühseliger, unvollständiger, zögernder sein. Der Ab-: schluss des vom Zionismus begonnenen Werkes litfgt in einer vielleicht fernen Zukunft. Aber seinen Beginn» sehen wir schon heute, allen Achad-Haams zum Trotz.- Der Zionismus ist nicht die einzige Entwicklung der jüdischen Geschichte. Sie hat sieh, auch ausserhalb des Zionismus entwickelt: in Russland zur Gesetzgebung Alexanders III. und zu den Begebenheiten von 1881/82; in Rumänien zum jüngsten Handwerker- 1 gesetz; in Deutschland von Stöcker über Ahlwardt zui Bindewald und dem Grafen Pückler-Klein-Tschirne; in Oesterreich zu Lueger.und seinem System; in Frankreich zum Dreyfus-Handel und Bayados-Nationalismus; in England zur königlichen Kommission für die Fremdeneinwanderung. Diese Entwicklung war, finde ich, gar nicht langsam, sondern recht schnell. Wohin sie weiter ührt, führen muss, wenn es bei Achad-Haams Faseleien bleibt, das kann auch ein Thor erraten. Der Zionismus hat eine andere Entwicklungsreihe begonnen und diese führt zum Heile. Langsam, das mag sein; doch besser langsam als gar nicht. Und sicher Wird sie durch das Treiben der Achad-Haams nicht beschleunigt, sondern noch mehr verzögert, noch mehr aufgehalten. Achad-Haam ist ein weltlicher Protestrabbirier. Dagegen haben wir nichts. Wir können ihm jedenfalls seine Opposition gegen den Zionismus ebensowenig verbieten wie den Protestrabbinern. Aber wir haben das Recht und die Pflicht, uns dagegen zu verwahren, dass er sich einen Zionisten nennt. Er ist kein Zürntet. Er ist das Gegenteil eines Zionisten. Es ist ein blosser Kniff, dass er von einem „politischen" Zionismus spricht, um glauben zu machen, dass es einen anderen gibt, einen geheimnisvollen, nie erklärten, seinen eigenen; „Politischer" Zionismus ist Tautologie, Ein Zionismus,

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