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Die Welt · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Article
Achad-Haam über "Altneuland"
Date
1903-03-13
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. II *iDir Welt** Seite 3 meinen Gesetzes teilhaftig werden lässi Das neuerstandene Judenvolk soll kein Volk vooi Boxern sein, sondern ein gastfreundliches, nächstenlebendes, allen Brudergefühleh zugängliches Volk. Sieker in seiner Eigenart und stolz auf sie, wird es ohne Misstrauen und Furcht Fremde in seiner Mitte siedeln sehen, überzeugt, dass es nicht die geringste Gefahr läuft, von ihnen entnationalisirt zu werden. Ich bin mit den wesentlichen Einwänden Achad- Haams gegen die Einzelzüge des Herzlichen Zukunftsbildes fertig. Sie sind zum Teile töricht* zum anderen Teile beschränkt und tückisch* Doch darüber dürfen wir uns nicht beschweren. „Wer da baut an der Strassen — Muss sich meistern lassen," sagt ein weises Sprichwort, das der unausgesprochene, aber selbstverständliche Nachsatz ergänzt: „au«! vom unberufensten Vorbeischlenderer, namentlich von diesem." Der bedauernswerte Achad-Haam hat in seinem Sklavendasein so wenig Rechte, dass ihm dats Recht, sich durch albernes Geschwätz lächerlich zu machen, nicht missgönnt und nicht verkümmert sei. Er geht jedoch weit über sein Recht hinaus, wenn er dem Unsinn, den er zu schwätzen hat, einen überlegen tuend ironischen Ton gibt und wenn er in seine Kritiken, denen ein Achselzucken geriecht wird, böswillige Denunziationen gegen den Zionismus _ und seine Endabsichten einschmuggelt. Das ist eine Dreistigkeit, die uns die Pflicht auferlegt, aus smserer Zurückhaltung herauszutreten und Achad-Haaimdie Abfertigung zuteil werden zu lassen, auf die er Anspruch hat. Achad-Haam hat ein Verdienst: er schreibt ein gutes, fliessendes Hebräisch. Das ist rühmlich. Aber leider hat er in diesem gefälligen fkbräisch nichts, schlechterdings nichts zu sagen. Seine sogenannten Essays sind ein Gefasel, dessen anspruchsvolle Nichtigkeit mit keinem Worte zu kennzeichnen ist. Es ist ein Durcheinander von aufgeschnappten, unverstandenen Schlagwörtern europäischer Feuilletonisten, ein Chaos qualmiger Redensarten, in denen man yergebens einen einzigen klaren, deutlich umrissenen, logisch entwickelten, verständigen Gedanken sucht. Durch dieses graue, dünne Gewölk zucken häufig bengalische Flammen biedermännischer .Judengesinnung, eines jüdischen Nationalgefühls von mystischer Färbung, womit indes ein realistischer Jude, der sein geschichtliches Ideal in Wirklichkeit umsetzen möchte, schlechterdings nichts anfangen kann. Den naiven Leser, der nicht mit dem Kopfe, sondern mit dein Herzen liest, bestechen die nationalen Ergüsse, deren unverständliche Mystik ihnen Tiefsinn scheint und in die sie, geübte Deuter, alles Mögliche hineingeheimnissen, was nie darin gewesen ist. „Legt ihr nicht aus, so legt ihr unter." In den letzten zwei oder drei Jahren haben manche es sich angelegen sein lassen, ihn aus seinem Winkel, wo er lange unbekannt und umbeaehtet nach Herzenslust gefaselt hatte, hervorzuschiLeifen tfhd der weiteren jüdischen Welt vorzuführen. Man hat viele seiner Essays ins Deutsche übersetzt, Man hat ihm Studien, Betrachtungen, Kommentare gewidmet. Wir lächelten, wandten den Kopf weg und liessen geschehen. Unser Zionismus war es, der für all dies die Tribünen und Schauplätze geschaffen hatte. Die Uebersetzungen aus Achad-Haam und die „Studien*6 (!) über ihn erschienen in unseren zionistischen Zeitungen. Die Vorträge über den grossen Mann wurden in zionistischen Vereinen gehalten. Das Interesse, das ihm zugewendet wurde, war ein Ausfluss der Teilnahme, die der Zionismus für alles Jüdische geweckt hatte. Wenn urteilsfähige Juden, bei dem sonderbaren Zeug, das sie zu lesen und zu hören bekämen, nur ganz leise den Kopf schüttelten, so war es, weil der Zionismus sie Pietät gegen alles Jüdische, alles Hebräische gelehrt hatte. Der Zionismus hat noch mehr getan; er hat nicht nur für Achad-Haams Uebersetzer und Kommentatoren, sondern auch für ihn selbst ein Publikum geschaffen, indem er überall die hebräische Sprache lehrte und verbreitete, die das nichtzionistische Judentum grundsätzlich aus der Jugenderziehung ausschliesst — siehe den Bescheid der Berliner Schuldeputation über den Unterricht in der hebräischen Sprache an dem Gemeindeschulen, der nach jener Urkunde „von den jüdischen Eltern selbst nicht gewünscht wird". Wir gönnten es Achad-Haam, aus seiner Dunkelheit hervorzutauchen, sich im Lichte der grossen zionistischen «Oeffentlichkeit zu sonnen, sich in die Gesellschaft europäischer Schriftsteller lootsen zu lassen und sich zu schmeicheln, dass er nun auch zur europäischen Literatur gehöre. Wenn er aber unsere Nachsicht dazu benützt, um seine naive Gemeinde gegen unseren Führer und seine harte, aufopferungsvolle Arbeit zu hetzen, wenn er dem Zionismus, dem er soviel schuldet, damit dankt, dass er ihn tückisch und treulos angreift, dann wäre Nachsicht eine Sünde, und es ist Zeit, dem nicht länger harmlosen Spiele ein Ende zu machen. Allerdings nicht um Achad- Haams willen; das wäre nicht der Mühe wert; aber wegen der Gemeinde, die — viel durch unsere Schuld — an ihn glaubi und von ihm irregeleitet wird. Achad-HiaCam gehört zu den schlimmsten Feinden des Zionismus. Er bekämpft ihn wohl anders als die Abfallslüsterrien, die wollen, dass das Judentum spurlos verdunste, anders als die orthodoxen Dunkelmänner, die es für eine Sande erklären, dem Messias vorzugreifen, aber er bekämpft ihn nicht minder grimmig und unehrlicher. Denn er wagt, sich selbst für einen Zionisten auszugeben und vom wirklichen, vom einzig existierenden Zionismus mit wohlberechneten Verachtungsmienen als \©n »diesem", vom „politischen44 Zionismus zu sprechen. Der „politische" Zionsmus, sagt er, baute sich auf dem Grundsätze auf, die „Judenfrage" könne nur durch Beseitigung der „Judenkonkurrenz" gelöst werden; wenn aber auch nach Erlangung des Charters so viel Juden in der Zerstreuung zurückbleiben, dass die „Judenkonkunrenz" fortdaure, dann sei auch mit dem Charter die Fudenfrage nicht gelöst. Was habe der „politische" Zionismus dann geleistet? Er fügt hinzu: „Die Führer des politischen Zionismus aber stellen sich schwerhörig, so oft diese Frage an sie herantritt; werden sie aber an die Wand gedrückt, dann tun sie, als ob sie nicht verständen, was man von ihnen wolle, und antworten ausweichend." Ich will sehen, ob Achad-Haam auch meine Antwort „ ausweichendK finden wird. Vor allem ist es unwahr, schlicht und grob unwahr, dass der Zionismus behauptet, die „Judenfrage" bestehe bloss in der „Judenkonkurrenz". Das mögen die gemütlichen „Abwehrvereine" gesäuselt haben; von Zionisten ist es, so weit ich die einschlägige Literatur übersehe, nie gesagt worden. Ich für meinen Teil habe vom der Judenkonkurrenz nie ein Wort gesprochen. Ich halte sie für vollkommen unerheblich. Wenn alle Juden der Welt Rentner wären, wenn nirgendwo in der Welt ein Jude einem Nichtjuden im Erwerb als Mitstrebender entgegenträte, darin würde die Judenfrage genau so bestehen wie jetzt, sie würde nur die Forim des Neides annehmen. Der Jüd'enhass

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