Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 11 (13.3.1903)
- Article
- Achad-Haam über "Altneuland"
- Date
- 1903-03-13
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & \VeIt^5 m u Land, was Bewässerung, Düngung und Pflügung erfordert, um sich zum Anbau zu eignen, ist nicht urbar für die Araber, die weder bewässern noch düngen noch pflügen; es ist dies aber für Landwirte, die sich vorgeschrittener Werkzeuge und Methoden bedienen. So können also die Araber ihr LancLbehalten und die neue Gesellschaft kann doch neben ihnen hinreichenden Boden für die Einwanderer erwerben. „Die Zukunftsvision Herzls ist unjüdisch, denn die jüdischen Bürger Palästinas, die sprechend eingeführt werden, sprechen nicht hebräisch, sondern deutsch/ Ganz richtig. Aber das ist darum, weil das Buch deutsch geschrieben ist. Das ist nämlich so der Brauch im ganzen gesitteten Schrifttum: der Dichter legt seinen Personen, welcher Herkunft sie auch sein mögen, seine eigene Sprache in den Mund, In Shakespeares „Julius Cäsar" sprechen die Römer nicht lateinisch, sondern englisch. Man würde aber Shakespeare unrecht tun, wenn man unterstellen würde, er habe damit Geringschätzung der lateinischen Sprache ausdrücken wollen. Milton hat einen „Samson", Racine eine „Athalie", Otto Ludwig „Makkabäer", Hebbel eine „Judith" geschrieben. In allen diesen Dichtungen kommen echte Juden aus der Zeit der jüdischen Selbstständigkeit vor, aber sie sprechen nicht hebräisch, sondern englisch, französisch oder deutsch. Achad-Haam wird meiner Versicherung vielleicht nicht glauben wollen. Nun gut. Wenn ihm auch Milton, Racine, Otto Ludwig und Hebbel unbekannt sein mögen, die Bibel kennt er hoffentlich. Da kann er denn im 1. Buch Mosis, Kapitel 39, 40 und 41, hebräische Reden der sprechend eingeführten Frau Potiphar, des Mundschenks, des Bäckers und des Pharao lesen. Diese aegyptischen Persönlichkeiten sprachen aber in Wirklichkeit schwerlich hebräisch, sondern aegyptisch, was eine ganz andere Sprache ist. Herzls Methode ist also dieselbe wie die des ersten Buches Mosis; verstehen Sie nun, Achad-Haam? Aus der deutschen Rede der Personen in „Altneuland" ist nicht zu erkennen, welche Sprache diese Personen •sprechen, sondern nur, welche Sprache der Verfasser des Buches schreibt. „Es ist nicht gesagt, dass in den Schulen hebräisch gelehrt wird." Nein, das ist nicht gesagt. In den vorgeschrittenen Literaturen vermeiden die Schriftsteller, das Selbstverständliche zu sagen. Sie lernen das schon in der Schule, mit den Anfangsgründen der Literatur. „Aus der ganzen Anlage der jüdischen Akademie geht hervor, dass sie sich mit der hebräischen Sprache und Literatur nicht befasst, wie es die Pariser mit der französischen tut" Kein Wort von „Altneuland" rechtfertigt diese Behauptung, die eine freie Erfindung Achad-Haams ist. „Altneuland" ist zu europäisch. Es gibt da Zeitungen, Theater, Opernhäuser; man zieht für diese sogar weisse Handschuhe an. Ueberall „Europäer, europäische Sitten, europäische Erfindungen. Nirgends eine besondere jüdische Spur." In der Tat: „Altneuland" ist ein Stück Europa a in Asien. Da hat H e r z 1 genau das gezeigt, was wir wollen, worauf wir hinarbeiten. Wir wollen, dass das wiedergeeinte, befreite jüdische Volk ein Kulturvolk bleibt, so weit es dies schon jetzt ist, ein Kulturvolk wird, so weit es dies noch nicht ist Wir ahmen dabei niemand nach, wir benützen und entwickeln nur unser Eigentum. Wir haben an der europäischen Kultur mitgearbeitet, mehr als an unserem Teil; sie ist unser in demselben Masse wie der Deutschen, Franzosen, Engländer. Wir gestatten nicht, dass man einen Gegensatz zwischen Jüdisch, unserem Jüdisch, und Europäisch konstruiere. Achad-Haam mag die europäische Kultur etwas Fremdes sein. Dann sei er tins dankbar dafür, dass wir sie ihm zugänglich machen. Wir aber werden nie zugeben, dass die Rückkehr der Judeh in das Land ihrer Väter ein Rückfall in Barbarei sei, wie unsere Feinde verleumderisch behaupten.- Seine Eigenart wird das jüdische Volk innerhalb der allgemeinen westlichen Kultur entfalten, wie jedes andere gesittete Volk, nicht aber ausserhalb, in einem kulturfeindlichen, wilden Asiatentum, wie Achad-Haam es zu wünschen scheint. „Das neue Beth Hamikdasch wird nicht auf dem Tempelberg erbaut werden! Das darf nicht sein! Es ist doch nicht erlaubt, das Heiligtum an einer anderen Stelle zu errichten!* Ich führe diesen Einwand an, um zu zeigen, wie kindisch böswillige Nörgelei werden kann. Frage Achad-Haam doch bei den jüdischen Bewohnern des russischen Ansiedlungsgebietes an, was sie vorziehen: in ihrem Elend zu bleiben oder freie Bürger eines blühenden Palästina zu werden, auch wenn das Beth Hamikdasch nicht auf dem Tempelberge steht. Er braucht uns die Antwort nicht mitzuteilen; wir kennen sie im voraus. Was aber Achad-Haam am grimmigsten rügt das ist die Toleranz, die in Altneuland herrscht. Christen, — sogar christliche Geistliche! — und Mohammedaner sind zu einem Seder geladen — fürchterlich! Am Ende gehen auch Juden zu einer christlichen Osterfeier? fragt er mit vernichtendem Hohn. Er gibt in wiederholten tückischen Anspielungen zu verstehen, dass die Einrichtungen und Zustände in Altneuland eigentlich zur Taufe hinüberleiten. Diese nichtswürdige Unterstellung ist nicht neu. Achad - Haam hat sich diesen Giftpfeil aus dem Köcher orthodoxer Lügner gelangt. „Sich zusammenrollen und zurückziehen, nur i m den Fremden zu zeigen, dass man unendlich tolerant, tolerant bis zum Ekel ist — das vermöchten wohl auch die Neger zu vollbringen." Achad-Haam will keine Toleranz. Fremde sollen vielleicht geschlachtet, wenigstens verjagt werden, wie in Sodom und Gomorrha. Der Gedanke der Toleranz ei regt seinen Ekel. Nun, unseren Ekel erregt es, ein verkrüppeltes, geducktes Opfer der Intoleranz, einen verachteten Sklaven intoleranter Knutenschwinger in dieser Weise von der Toleranz sprechen zu hören. Achad-Haam wirft Herzl vor, dass er die Sitten Europas nachahmt. Er gestattet nicht, dass man Europa seine Akademien, Opernhäuser und weissen Handschuhe entlehne. Das einzige, was er aus Europa nach Altneuland mitnehmen möchte, das sind die Grundsätze der Inquisition, die Sitten der Antisemiten und die Judengesetze Russlands. Man würde vor einer derartigen Missbildung des Geistes Abscheu empfinden, wenn das Mitleid nicht vorwöge. Das Mitleid mit einem Manne, der sich aus dem Bann des Ghettogedankens nicht losringen kann. Die Vorstellung der Freiheit ist ihm unfassbar. Freiheit scheint ihm ein Ghetto mit umgekehrtem Zwange, mit einem Zwange, der ungemildert fortbestehen bleibt, nur nicht mehr gegen die Juden, sondern gegen die Nichtjuden gerichtet ist. Dass wir uns die Freiheit anders denken, braucht einem Europäer nicht erst gesagt zu werden. Das Zukunfts-Palästina unserer Wünsche und Träume ist kein Ghetto, sondern eine Stätte der Freiheit für jedermann, der All-Freiheit. Herzl knüpft einfach an die altjüdische Ueberlieferung an, wenn er, nach dem schönen Worte unserer Ahnen, „die Fremden in unseren Toren" aller Rechtswohltaten des all^e-