Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-02-27
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 "j$ Weit* Nr, 9 „Es war lange nachher, die Franzosen hatten das Land bereits verlassen — sie hatten, ach, den Kaiser unterworfen, und er musste den Frieden mit schwerein Gold erkaufen — als eines Tages sechs Soldaten in der Grass5 erschienen und baten, dass man ihnen unser Haus zeige. „.Jossei Kummer — er war damals ein junger Bursch — lief so, dass die Leute riefen: „Wo ist das Feuer?" und hinter ihm liefen, und wie sie unser Haus erreichten, war die ganze Gass' auf den Füssen. „Stell' dir den Schreck vor, Schimmele, mein Lehen, dein Dede war gerade zum Sahbat heimgekommen und alle dachten, er sollte arretiert werden und Verderben käme über uns, aber es stellte sich heraus, dass es dieselben Soldaten waren, die dein Dede zu Salme Randar geschickt hatte, und sie brachten ein grünes Lederkistchen und darin lag dieser nämliche Becher, dt-r hier am Tische steht. „Einer von ihnen hielt ihm eine Rede, es war wahrhaftig eine närrische Rede — er sprach eine Menge über eine edle, christliche Tat und mehr solchen Unsinn. Die Leute sagten mit einer Hand streicheln und mit der anderen schlagen sie ihn — aber sie meinten es gut und, nebbich, wussten es nicht besser. Und dein Dede war nicht beleidigt und als er sah, was das Geschenk war, da erkannte er, wie gut sie es meinten. „Wenn sie ihm ein halbes Herzogtum gegeben hätten, er hätte damit nicht glücklicher sein können. Nicht weil er schön und aus Silber war, sondern weil ihn die Gojim gegeben liattui), ihm die Gojim, einen Kidduschbecher mit eingegrabenen hebräischen Lettern. „Er muss immer in der Familie bleiben," pflegte er zu sagen, „und vom Vater auf den Sohn übergehen, um ein Zeichen und eine Hoffnung in dunklen Tagen zu sein, dass dem Juden eines Tages Gerechtigkeit sein wird." „Es war ihm ein Zeichen für das Kommen jenes Tages, wenn Gott Einzig sein wird und Einzig sein Name." Ach und Weh um diesen Kidduschbecher! Die Hoffnung Israels lebt fort, aber der Becher endete elend und in einer Weise, die Reb Chajims Herz gebrochen hätte, wenn er erlebt hätte, es zu sehen. IX. Vetter Josse f. Sie war ein Ding der Selbstverständlichkeit für Schimmeies frühestes Bewusstsein, wie das Folgen der Nacht auf den Tag oder die Sorgenfalten auf seines Vaters Stirn, die Blindheit Vetter Jossefs. Nie hatte er noch daran gedacht, mit dem blinden Manne Mitleid zu haben. Warum sollte man ihn bedauern, ihn, der gemächlich auf der Pachtung umherging, der mehr mit seinen blinden Augen zu sehen schien als andere mit den sehenden? Beim Heuen ängstigte er sich nicht um das Wetter wie die anderen. Er befühlte die Erde, erhob sein blindes Gesicht gegen den Wind und sagte: „Es wird regnen", und es regnete, man konnte sich darauf verlassen. Er brauchte auch nicht zum Viehstall zu gehen, um zu wissen, ob die Kühe zu Hause wären. Er schnupperte in der Luft und wusste es. Und wenn sie Schwämme suchten und ein Zweig an seinen Haaren zerrte, rief er niemals „verfluchte Eiche!", wenn es eine Esche war. Nein, Jossef war ein Wesen, das eher gefürchtet als bemitleidet werden sollte; ein Wundertäter, der grosse Tonnen Salz aufhob, die niemand anderer auch nur fortbewegen konnte; der zur Erntezeit die schweren Garben schwang, als ob sie Federn wären; ein stiller, schweigender, verdriesslieher Riese, der in den langen Winterwochen in majestätischer Geduld dasass und Bänder aus Stroh für die nächstjährige Ernte flocht. Aber später, als Schimmele zu seiner Grossmutter gekommen war und die Zwischenräume der Trennung die grossen Kontraste hervortreten liess, begann er über diesen sonderbaren, schroffen Mann zu staunen, der mit weit offenen Augen in die Welt starrte, dessen Blick aber durch einen geheimen undurchdringlichen Schleier verdeckt war, den selbst die Fülle der Mittagssonne nicht zu durchdringen vermochte. Dass Vetter Jossef mit offenen Augen, die nicht sahen, umherging, war aber nicht einmal so sonderbar^ als die Ursache, wie es dazu gekommen, und wenn Schimmele von einem Besuch auf der Pachtung zurückkehrte, konnte er seine Grossmutter mit Fragen überhäufen „War Vetter Jossef immer blind?" „Mein Kind," erwiderte Mirjam, „es gab eine Zeit, wo nichts, auch nicht die kleinste Nadel am Boden seinem Blicke entging." „Kann man es nicht bewirken, dass er wieder sehen werde?"' „Mit Gottes Hilfe, Schimmele, mit Gottes Hilfe!" „Wie lange ist er blind?" „Gott helfe und bewahre uns — mehr als zwanzig Jahre." „Kann ihn der Doktor nicht kurieren?" „Es gibt keinen grossen Doktor in ganz Europa, welcher es nicht versucht hat!" Dann trat eine Pause ein und Schimmele fuhr zu fragen fort: „Babele, wie wurde er blind?" Aber da zog sofort ein ungewöhnlicher Kummer über Mirjams Gesicht, nicht der milde, sorgenvolle, wenn es Hunger in der Gass' gab; nicht der weiche, tränenvolle, wenn ein Todesfall vorkam, sondern eine stumme tränenvolle Verzweiflung, ein aussergewöhnlicher Jammer, bei dem Schimmele wie ein Fremder und Unbeachteter ausgeschlossen dastand. So dürstete Schimmele unbefriedigt fort, denn mit dem feinen Instinkte der Kindheit fühlte er, dass Jossef über seine Blindheit nicht befragt werden durfte, und Mirjam konnte über die Tragödie ihres Lebens, welche mit einem Schlage das Leben ihres Gatten und das Licht der Augen ihres Erstgeborenen zerstört hatte, nicht sprechen. Einmal, als Jossef bei seiner Mutter zu Besuch war, erhob Schimmele, der es noch immer nicht für ausgemacht halten konnte, rasch eine angezündete Kerze zu des blinden Mannes Augen, um zu sehen, ob er blinzeln würde. Jossef rührte sieh nicht, bis sein Gesicht die Flamme spürte. Mit einem Sehreckensschrei schleuderte er die Kerze weit weg und rief: „Du Gottloser!" und zu seiner Mutter sagte er bitter: „Ein nettes Geschöpf erziehst du hier." Aber mit plötzlichem Impuls warf sich Schimmele weinend an Jossefs Hals. „Jetzt glaube ich es," schluehzte er, überwältigt von der Grösse des Schmerzes, „jetzt weiss ich es, du kannst nicht das kleinste, kleinste bisschen sehen — armes Vetterl!" Vier Kinder waren im Hause seines Bruders geboren worden, doch es war das erstemal, dass eines Kindes Arm sich innig um Jossefs Hals schlang, das erstemal, dass eine weiche, kleine Wjange seine eigene presste. Langsam, beinahe widerwillig erhoben sich seine grossen Arme, bis sie Schimmele fest umfassten, und dann ging ein sanftes Lächeln über sein Gesicht. Als er am nächsten Tage aus dem Felde ins Haus zurückkehrte, stampfte er nicht wie gewöhnlich grob durch die Räume, sondern stöberte stundenlang im Holzschuppen herum. Bis lange nach dem Dunkelwerden blieb er darin, und die Familie wunderte sich nicht wenig, ihn leise vor sich hinpfeifen zu hören. Als er wieder zum Vorschein kam, verbarg er verschämt ein Kinderspielzeug, einen kleinen Kreisel, in seiner grossen Hand. Wie auf der Pachtung, so wurde Jossef auch im Dorfe für einen Mann angesehen, dem man lieber ausweichen sollte, den man fürchtete und anstaunte; einer, für den es vergnüglich war, im gespenstigen Zwielicht schnurrige Geschichten zu erzählen — von seiner mächtigen Stärke, wie er ein Hufeisen zu einer Spirale biegen konnte, und wie er einmal in der Hitze einer Auseinandersetzung einendicken Bierkrug wie eine Eierschale in der hohlen Hand zerdrückte; oder eine fürchterliche Geschichte, die man sich zuraunte von einer schauerlichen Nacht in den ersten Jahren seiner Blindheit, wie ihn Mirjam nach , der letzten seiner vielen fruchtlosen Reisen zu den medizinischen Berühmtheiten der Welt am Ufer des Flusses gefunden hatte, seine Kleider mit Steinen beschwert und bereit, hineinzuspringen. Auch die Kinder der Gass' waren Jossef immer aus dem WTege gegangen; doch waren sie es, die zuerst entdeckten,- das» eine Veränderung über ihn gekommen war.