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Die Welt · 1903-02-27 · 9 (27.2.1903) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
9 (27.2.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-02-27
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wol f ens teil*, (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) (Fortsetzung.) „Frag' ihn, ob er nicht davongelaufene Soldaten diesen Weg hat kommen sehen?" sagte der Hauptmann zu diesem Manne, den sie ähnlich wie Miehele nannten. Aber dein Dede antwortete nicht, denn er sah ein* man würde ihm nicht glauben, was immer er auch sagen möchte, da er ein Oesterreicher und sie seine Feinde wären; in jedem Falle würden sie sich nach allen drei Richtungen verteilen und nicht nur v**e Flüchtlinge, sondern auch Salme Randar vernichten. Schemah! Es ist Gottes Wunder, dass dein Dede nicht vor Schrecken auf der Stell' tot hingesunken ist. Während er unschlüssig dastand, sagte einer der Soldaten, welcher sein Gebetbuch bemerkt hatte: „Biete ihm Geld an. Er wird seine Seele für Geld verkaufen. Er ist ein Hund von einem Juden/' und ähnliches mehr, wie das ihre Art ist. „Jetzt willst du es glauben, Schimmele, mein Leben! Gerade, wie der spricht, geht ein Licht in deines Dedes Kopf auf. Da wusste er, dass Gott es mit ihm gut meinte und sein Gebet erhört hatte. Nichts ist zu unbedeutend, als dass es nicht Gottes Wort enthalten könnte. Hier lag es in dem Worte dieses niedrigen Soldaten. Da sah dein Dede auch, dass es eine Gnade Gottes war, dass er nicht französisch gesprochen hatte, denn sie dachten, dass er sie nicht verstehe. So stellte er sich sehr verschlagen und sagte zu diesem Manne, diesem Michel: „Fragt euren Hauptmann, wie viel er mir geben will,, wenn ich ihm den Weg zeige, den sie gegangen sind." „Wie Miehele das übersetzte, begannen a lle vor Gel ächter zu brüllen, und Dede wusste, dass er sie jetzt gefangen Latte. „Es war eine grosse Gnade, Schimmele, dass diese Franzosen so ein Haufen Dummköpfe waren, denn dein De^.e, der draussen am „Guten Ort"0) ruht, hatte nur geringe Fertigkeit zum Lügen. „Sie schlössen bald das Geschäft ab und dein Dede erzählte ihnen einen Berg von Lügen, wie die Flüchtlinge den Waldweg nach Radow genommen hatten, wie dieser Weg schwer zu linden sei und er ihn ihnen zeigen würde, wenn sie ihm fünf Gulden extra zahlen würden. „Nu, was soll ich eine lange Geschichte erzählen? In den schwarzen Sumpf führte er sie hinein und als ihre Pferde schultertief im Wasser standen und sie nicht vorwärts konnten, drehte sich dein Dede um und sagte in gutem Französisch: „Ich fürchte, Herr Hauptmann, ich fürchte, wir haben den Weg verloren!" „Es ist die Wahrheit, was ich dir erzähle, Schimmele — da war nicht ein Mann unter ihnen, der sich nicht kreidebleich umwandte, und das Schwert des Hauptmannes flog heraus, deinen Dede zu durchbohren. Aber der hatte keine Furcht; er hatte die ganze Landstrasse entlang gebetet und war vorbereitet, zu sterben. So sagte er: „Was denkt ihr, Herr Hauptmann? Ihr seid gekommen, meines Kaisers Land zu rauben und jetzt wünscht ihr seine Soldaten niederzusehiessen; aber ich sag' euch, ich werde es nicht zugeben!" „Da begannen sie zu lachen und der Hauptmann machte eine tiefe Verbeugung und sagte zu deinem Dede: „Ich hoffe, Euer Gnaden werden es zugeben, dass wir diesen Platz verlassen; er ist ein Wenig zu feucht!" „Mein Wort, Schimmele, deinem Dede ist es gar nicht' spasshaft zumute gewesen, und er sagte zum Hauptmanne: °) Friedhof. „Nein, Herr Hauptmann, das kann ich auch nicht zugeben. Mit Gottes Hilfe werde ich euch wieder herausführen, aber nicht vor morgen ifrüh, denn ich habe ausgerechnet, dass jene entflohenen Soldaten mindestens sechs Stunden brauchen werden, in Sicherheit zu kommen. Zu dieser Zeit wird es finster sein und — sagte er— es hat wohl schon mancher gewagt, nach Dunkelwerden durch den schwarzen Sumpf zu gehen, aber keiner ist noch lebend herausgekommen." „Als (1«ct Hauptmann das hörte, wurde er ganz meschugge. „Ihr seid mein Gefangener," schrie er. „Ich befehle, vorwärts!" „Dein Dede rührte sich nicht. „Schicsst ihn nieder, Jungens!" schrie der Hauptmann. „Willst du es glauben, Schimmele, dein Dede lachte bloss. „Schaut, Herr Hauptmann," sagte er, „ihr seid ein gescheiter Hauptmann und ich bin nur ein armer Jud', und doch sage ich euch, einer von uns zweien ist ein Narr, und das bin nicht ich. Wenn ich nicht will, will ich nicht, wenn ich tot bin — kann ich nicht ^— gut also! Und das sage ich euch auch, vresn ihr mich rieht als Führer habt, euch zurückzubringen, verdet ihr umkommen wie Ratten in der Falle. Will ich das? Gott behüte! Weiss ich nicht, dass ihr auch Menschen seid und Weib und Kind cii Hause habt? Findet den Weg heraus, wenn ihr könnt, und Leli sage euch zu, ihr mögt mich erschiessen im Augenblicke, wo Hu* trockenen Boden berührt!" „Nun, nachdem zwei ihrer Pferde ertrunken waren und die Männer darauf kaum selbst dein Ertrinken entrannen, waren sie froh, deiinem Dede auf einen hohen, trockenen Piatz, den er wusste, 7,11 ifolgen, und dort verbrachten sie die Nacht und der Dede macht ein Feuer an und kochte Wasser für eine Mahlzeit in seinem kleinen Kochtopf, damit sie etwas Warmes im Magen hätten, und sie gaben ihm nicht mehr gemeine Namen und tranken mit ihm wie Kameraden. „Dann bereitete sich dein Dede vor, zu sterben. Er wusste, sie würden ihn am nächsten Tage ins französische Feldlager als Gefangenen mitnehmen, wo man ihn erschiessen würde. Er schrieb mir einen langen Brief, welchen der Hauptmann, der ein goldenes Herz im Leibe hatte, versprach, mir zu schicken — Dank und I*ob sei Gott — ich habe ihn nie bekommen! Dann sassen und schwatzten sie die ganze Nacht zusammen und. öhaim erzählte ihm, wie schwer es den armen Juden in diesen unruhigen Zeiten ging- und wie er kaum das Notdürftigste für sein Weib und seine zwei kleinen Kinder herausbringen könne — dein Vater, Schimmele, war damals gerade geboren — und der Hauptmann erzählte ihnn, dass er auch eine Frau und ein kleines Kind zu Hause hätte, und so sprachen sie zusammen wie Brüder. Und den nächsten Tag führte er sie glücklich aus dem Sumpfe heraus und sie gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren. „Nun, nach einer Zeit hielten sie auf einem Felde, um ihre Pferde von dem Heu fressen zu lassen, und wie sie an der Landstrasse standen, dein Dede mit den Händen auf dem Rücken gebunden, holten sie plötzlich Trommeln schlagen. Der Hauptmann stutzig, lauschte, dann rief er rasch: „Die Oesterreicher! Aufsitzen — Vorwärts — Galopp!" und bevor dein Dede Atem holen konnte, fand er sich allein auf der Landstrasse stehen, sein Sack ein Stückchen weiter von ihm. „Dein. Dede erkannte sogleich, dass dieses Trommeln bloss von Kindern des letzten Dörfchens herrührte, die Krieg spielten — in jenem Tagen hatten selbst die Kinder das Kriegsfieber — aber die Soldaten waren fort. Alles, was zurückgeblieben war, war eine Staubwolke, die sich die Strasse hcruuterwälzte. „Schimmele, bis zu seinem Todestage konnte dein Dc.de nicht entscheiden, ob es dieser Hauptmann mit oder ohne Absicht getan hatte,

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