Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-02-27
- Page
- 17 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316030-3329542--38242-3329659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
Nr, Ö „Die & Welt" Seite 17 Eines Tages prahlte Schusters Meirl vor seinen Kameraden mit einem schönen blauen Kreisel. „Woher hast du ihn?" riefen sie. „Meine Mutter schlug mich und ich heulte und da kam der blinde Jossef daher und gal) mir einen Kreisel," erzählte Meiil. Bald lief das Gerücht unter den Kindern herum, dass Jossef immer Taschen voll Trenderlech7) mit sieh herumtrage. „Woher weisst du das?*' „Schuster Meirl hat eins bekommen und die rote Zierl und Sclümmele haben ihrer einen ganzen Haufen." „Wie bekommt man sie?" . „Wenn man Jossef kommen sieht, braucht man nur stehen zu bleiben und zu weinen." (Fortsetzung folgt«) Wenn ich Rothschild wär'! Aus dem Zyklus „Kleine Menschlei nB. Von Schalem-Aleichem. „Wäre ich Rothschild*4, spekulierte der Kassrieliwker Melamed Reb Eli-Meier vor seinen Schülern, als seine Frau Donnerstag nachmittags energisch Geld forderte, um die Einkäufe für den Sabbat zu besorgen; „wäre ich Rothschild, nun, ratet, was ich täte? (Reb Eli-Meier führte indes eine tüchtige Tabakprise zu seiner Nase.) Vor allem sorgte ich dafür, dass mein Weib stets ein „Dreierl" Bargeld bei sich hat, damit sie mich am Donnerstag in Ruhe lässt. Zweitens möchte ich meinen versetzten Sabbatkaftan auslösen, nein — lieber „ihren" Pelz, damit sie einmal aufhört zu brummen und über Kälte zu klagen. Dann kaufte ich dieses ganze Haus, mit allen drei Stuben, mitsamt der Kammer und dem Keller und dem Boden — sie soll mir dann nicht über den engen Raum klagen! Da hast du zwei Zimmer, koch', back', wasch', soviel es dir beliebt, mich aber lass schön in Ruh'; ich lebe dann ruhig meinem Berufe! Keine Sorgen mehr, kein Grübeln, woher „auf Sehabbes" nehmen — wie schön wäre dieses Leben! Die Töchter verheiratet, befreit von der drückendsten Last, was fehlte mir dann noch? . . . Nun beginne ich mich für die Gemeinde zu interessieren. Zu allererst spende ich ein neues Dach für das alte Bethaus, damit der Regen nicht mehr auf die Köpfe der Betenden tropfe. Auch das Bad muss neu restauriert werden, denn — heute, morgen, kann, muss dort ein Unglück geschehen, wenn es gerade im Momente zusammenstürzt, wo Juden drin baden. Und wenn schon das Bad hergestellt wird, so muss ja auch die Krankenstube von Grund aus in ein schönes Spital umgebaut werden, aber in ein wirkliches Spital, mit ordentlichen Betten, einem Arzte, Medikamenten, täglichen Suppen für die Kranken,-wie es in anständigen Städten zu sein pflegt. Und ein Versorgungshaus soll entstehen, damit alte, gelehrte Greise sich nicht im Beth-Hamidrasch herumquälen, und ein Verein zur Bekleidung armer Kinder, dass sie nicht mehr entblösst in den Strassen herumlungern, und ein Kreditverein, wo sowohl ein Melamed als ein Kaufmann oder Handwerker keine Wucherzinsen mehr zu zahlen brauchen, nicht das letzte Hemd versetzen müssen. Und ein Verein zur Ausstattung armer Mädchen, damit alle armen, erwachsenen Mädchen mit Ausstattung gehörig verheiratet werden (dabei stiess Reb Eli-Meier einen tiefen Seufzer aus, während er auf seine dreissigjährige Tochter Pessele blickte) und noch viele, viele ähnliche Vereine und Stiftungen gründe ich bei uns in Kassrieliwke ♦ . . Doch warum gerade Kassrieliwke? 7) Kreisel» Ueberall, wo Juden wohnen, führe ich solche schöne Einrichtungen ein, überall in der ganzen Welt! Damit aber alles in Ordnung geführt werde, ratet einmal, was ich täte? Ich gründe einen grossen Verein, dem die Aufsicht über alle lokalen Vereine zukäme, über alle Juden, damit alle Juden überall ihr Brot haben und in Eintracht leben und in den Lehrhäusern sitzen und Chumesch mit Raschi und Gemara und Tosafoth und M'harscha und alle anderen sieben Weisheiten und siebzig Sprachen lernen. Und über allen Lehrhäusern soll ein grosses Lehrhaus, natürlich in Wilno sein, wohin die grössten Gelehrten der Welt kommen sollen. Und alles soll unentgeltlich sein auf Kosten des G'wir; alles soll in Ordnung und planmässig geführt werden. Es soll jedes „Ich-gebe-dir-gib-mir" aufhören, alle sollen auf das Gemeinwohl bedacht sein, nur auf das Gemeinwohl! . . . Damit man aber für das Gemeinwohl sorgen kann, muss für den einzelnen gesorgt werden» Und wie wird für-den einzelnen gesorgt? Natürlich so, dass er sein Brot hat. Denn Brot, sage ich euch, ist das erste und Wichtigste; ohne Brot keine Einigkeit. Des Bissen Brotes wegen verfolgt einer den andern, schlachtet ihn ab, sticht ihm die Augen aus!... So ist es bei Juden, so auch bei anderen, überall auf der ganzen Welt. Ueberall Neid, Hass und daher jedes Leid, jedes Unglück, alle Verfolgungen, Räubereien, Mördereien und Schlachtgemetzel . . . Der Krieg — der ist, höret, das grösste Unglück in der Welt. Wenn ich Rothschild wäre, müssten alle Kriege aufhören, spurlos verschwinden! Wollt ihr wissen, wie? Durch mein Geld! Ich will es euch erklären und ihr werdet es verstehen. Wie man mir neulich erzählt hat, machten sich die Engländer über die Buren her, Deutsche, Franzosen und die anderen über den Chinesen, mit dem Zuchtriemen des Schulmeisters in der Hand* Sie wollten ihn Mores lehren, dass er seinen Zopf abschneide und Hosen anlege. Was geht es euch eigentlich an? Der Chinese will just ein weites Kleid und einen Zopf tragen. So soll er in Gottes Namen tragen, was ihm gefällt. Wessen Sorge ist das? Oder etwa der Türke mit seinem roten Fez. Was geht es jemand an, dass man ihm just ein Stück Land nach dem anderen wegnehmen möchte? . . . Und wenn vom Wegnehmen die Rede ist — da will ja selbstverständlich jeder das beste Stück. Sagt einer: „Nehmet euch Stambul und lasst mir den Bosporus!" und ein zweiter: „Nehmet euch Stambul und gebet mir den Bosporus!" so kommt ein dritter und meint: „Wisst ihr was? Ihr könnt lange Stambul und den Bosporus wollen, ich nehme für mich die Dardanellen! . . ,u Darob ein Lärm: „Dardanellen? Was heisst das? Wir sollen gestatten, dass du die Dardanellen bekommst? Die Dardanellen sind Gemeingut, sie gehören allen . , S Kurz, Dardanellen hin, Dardanellen her, es wird so lange dardanellt, bis vom Kanonenlärm die Luft erzittert und Menschenblut in Strömen sich ins Meer ergiesst. Da habt ihr nun eure Dardanellen! . . . Nun käme ich und sagte: „Gemach, Brüder, ich stehe zu Diensten» Um was ist es euch eigentlich in dem ganzen Wirrwarr zu tun? Meint ihr denn wirklich die Hagada? Oder vielmehr die Knödel?*) Lieber gewähre ich euch eine Anleihe, einige Milliarden; wenn euch Gott hilft, werdet ihr mir bezahlen . . Nun, versteht ihr's? Ich habe ein gutes Geschäft gemacht und die Menschen hören auf, einander wie Vieh *) Altes Sprichwort, wenn einer was anderes meint und etwas anderes sagt.