Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Article
- Philanthropie und Zionismus
- Date
- 1903-02-20
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & nun einmal bewegen und die sie doch nicht als ebenbürtig anerkennt. Selbst das aber ist nicht immer der Grund. Der letzte Grund ist meist, bewusst oder unbewusst, die dumpfe Empfindung oder die traurige Erkenntnis, dass die Mehrzahl oder besser die ganze Masse ihrer nichtjüdischen Mitbürger sie ob ihres Reichtums hasst und nur durch die Furcht vor Strafe davor zurückgehalten werden kann, diesen Hass in lebendige Tat umzusetzen. Vielleicht erklärt es sich daraus, dass die politisch ausnahmslos hochkonservativ gesinnten jüdischen Reichen gleichzeitig eine Art Zuneigung zu den politisch extremen Oppositionsparteien haben, zum mindesten ihrem Wohlwollen für deren Vertreter klingenden Ausdruck geben. Es ist im letzten Grund derselbe Vorgang, den die Schutzjuden des Mittelalters beobachteten. Es ist der Tribut, der nicht nur dem Staate und der herrschenden Klasse entrichtet wird, sondern auch jenen, die aus den sozialen Tiefen drohend und begehrlich die Fäuste emporrecken und vielleicht einmal in bewegten Zeiten sich dankbar empfangener Wohltaten erinnern werden. Jedenfalls aber eine Art Respekt. Und diesen Respekt empfinden die jüdischen Reichen, die jüdischen Philanthropen vor allen jenen, von denen sie etwas zu hoffen und zu fürchten haben. Nur vor einem Teile der Menschheit empfinden sie ihn nicht, vor ihrem eigenen Volke. Und das jüdische Volk fühlt das in seinen besseren Söhnen schon längst, ebenso wie es selbst die Gedrücktesten und moralisch Stumpfsten bei besonderen Gelegenheiten empfinden. Historisch ist ja dieser Standpunkt der jüdischen Reichen erklärbar. Sie waren eben durch ihr Geld, das den Juden allein die Lebensmöglichkeit bot, in früheren Zeiten wirklich oft die Retter und Erhalter ihrer Brüder, Ihrer Brüder! Denn auch der jüdische Reiche seufzte unter demselben entsetzlichen Drucke wie jeder andere Jude, und das Bewusstsein dos gemeinsamen Elends war ein festes Band, das reich und arm umschloss. Die jüdischen Reichen waren deshalb die natürlichen Führer der Judenheit Eine solche historische Mission aber haftet fest im Bewusstsein, selbst wenn die Bedingungen, unter denen sie giltig war, längst geändert sind. Jetzt sind sie geändert. Nur dass die Rechte, die sich, „eine ewige Krankheit", fortgeerbt haben, von den Reichen selbstverständlich weiter beansprucht und von den jüdischen Massen in ihrer Dumpfheit anerkannt werden. Nie ist das Dichterwort von der Vernunft, die Unsinn, von der Wohltat, die Plage wird, fürchterlicher illustriert worden, als durch das Verhältnis der jüdischen Reichen zu den jüdischen Massen. Je weiter die Kluft zwischen beiden sich auftat, desto trauriger wurden die Folgen dieser Herrschaft auf der einen und dieser Gefolgschaft auf der anderen Seite. So trat jene Verachtung alles Jüdischen, die durch eine entartete Assiniilationspolitik in weiten jüdischen Kreisen Eingang gefunden hatte, gerade bei den Reichen immer stärker hervor. Durch ihre Wohltaten kauften sie sich förmlich los von ihren Volksgenossen und wie so manche Spender den Empfänger einer Gabe verachten, so erfüllte immer heftiger die Respektlosigkeit vor ihren Brüdern, denen sie „Gutes" erwiesen, die Seelen dieser Menschenfreunde. Es wäre ungerecht, nicht anzuerkennen, dass es einzelne Männer gab und gibt, die zu hohen Herzens und freien Blickes waren, als dass das tiefe Mitleid mit der Kreatur sie nicht erfüllen und sie nicht weit über die Masse dieser gezwungenen, ehrgeizigen oder gewohnheitsmässigen Wohltäter emporheben sollte. Das sind aber seltene Ausnahmen. Zu ferne steht die Geld- Welt** W&ß aristokratie und die von ihr abhängige Klasse' der geistigen Proletarier bereits von ihrem Volke, um selbst bei besserer Gesinnung nachhaltigen Einfluss zu üben. Man kennt sie, man nennt sie, man tritt auch an sie heran, wenn es nottut, mehr aber bedeuten sie nicht für das Gefühl des Volkes. Selbst für die aus dem Volke nicht, die ihren Befehlen noch gehorchen und um ihre Gunst sich bewerben. Noch hat kein jüdischer Reicher, kein jüdischer Wohltäter die Judenheit emporheben, , sie zu neuen Idealen führen, ja auch nur aus der schrecklichsten materiellen Not für eine längere Zeit erlösen können. Machtlos ateht die Philanthropie, so wohltätig sieim kleinen Kreise wirkt, vor dem Gesamtproblem der Judenfrage. Bei jeder grösseren Aktion hat sich bisher ihr Unvermögen noch immer erwiesen und die Rettungspläne, die oft mit grossen Mitteln zur Ausführung gebracht wurden, haben nicht nur mit einem Fiasko geendigt, sondern auch der wirklichen Arbeit für das jüdische Volk schwere Hindernisse bereitet. Das Volk ehrt seine Reichen, man beglückwünscht, man feiert sie, aber man ist und bleibt ihnen fremd. Die Seele des Volkes erheben sie nicht. Was aber die Philanthropie, die Millionen, Milliarden verbraucht and vielfach nutzlos verbraucht hat, nicht zustande brachte, das gelang wie von selbst dem Zionismus. Warum? Weil ihm alle die negativen Eigenschaften der Philanthropie fehlen. Vor allem aber deshalb, weil er mit seinem tiefen Glauben an das jüdische Volk die Achtung vor seiner Grösse in der Vergangenheit, seinem Leid in der Gegenwart, seiner Hoffnung für die Zukunft verbindet. Und wie es selbst der letzte Jude instinktiv empfindet, wie wenig er für den mächtigen Philanthropen bedeutet, ebenso weiss er es auch, wie er als Teil des grossen Ganzen, das der Zionismus liebend umfasst, dem Zionisten von Bedeutung sein muss. Und hier vor allem liegt der abgrundtiefe Unterschied zwischen Zionismus und Philanthropie. Die Philanthropie, wie sie von den jüdischen Reichen meist geübt wird, ungeordnet, willkürlieh, ohne Achtung vor dem Selbstbestimmungsrechte des Einzelnen und der Gesamtheit, im besten Falle mit der Absicht, gewisse theoretische Hebungsprinzipien zu verwirklichen, jedenfalls ohne Liebe zum Volkstum, hat wohl Einzelne materiell in die Höhe gebracht, die Gesamtheit aber gewöhnlich gar nicht zu verstehen gesucht und, wie der Herr über den Sklaven, über sie autokratisch verfügt. Der Zionismus, der vor allem den Juden das Bewusstsein ihrer Menschenwürde gibt, ihr Volkstum zu Ehren bringt, an ihre heiligsten Traditionen anknüpft, ihre Leiden liebevoll zu erkennen und von Grund auf zu heilen sucht, die Brüderlichkeit aller anerkennt, die Zukunft der Gesamtheit zu sichern unternimmt, ihnen ein hohes, freudiges, lebenbejahendes Ideal schenkt, er hat im Sturme alle Besten an sich gerissen und sie mit dem tröstlichen Bewusstsein -erfüllt, dass alle Leiden ihnen nichts werden anhaben können. Die tiefe Religiosität, dieser Grundzug des Zionismus, der sich mit keinerlei konfessionellen Fragen ex cathedra befasst, sie ist der glückliche Ausdruck der jüdischen Volksseele. Und wenn konfessionelle und professionelle Heisssporne das auch nicht begreifen, das jüdische Volk hat es sofort empfunden, und was der grösste Philanthrop nie zustande brachte und zustande bringen wird, das Volk über sein Elend emporzuheben, das gelingt den einfachen Männern, die im Volke selbst lebend, ihm den Zionismus predigen und ihre bescheidenen Kräfte ihm zu weihen bereit sind. Hoch klingt das Lied vom braven Mann! Aber