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Die Welt · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · p. 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-02-06
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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Seite 18 „Die # Welt" Nr. 6 Ein anderesmal erzählte sie das folgende Geschichtchen: „Vor langen Jahren in der guten alten Zeit, als unsere frommen Vorfahren lebten,, deren Andenken uns zum Segen werden möge, lebte in einer gewissen Stadt ein weiser und frommer Mann; sein Name war Mar Ukba. Er hatte einen Nachbar, der so arm war, dass er zuweilen kein Brot zu essen hatte und er und sein Weih und seine Kinder hungern mussten. Aber obgleich er arm war, war er sehr stolz und wollte kein Almosen annehmen, und am Freitag buck sein Weib Weidenruten in ihrem Ofen, so dass die Leute, die den Hauch aus dem Rauchfange steigen sahen, denken mochten, sie backe ihr Sabbatbrot. Aber Mar Ukba konnten sie nicht hintergehen. Du kannst dir denken, wie es sein Herz zusammenschnürte, solche Art zu sehen. Was tat er also? Er schlich sich im Geheimen, so dass ihn niemand sehen konnte, an die Tür der armen Nachbarn und liess ein Geldstück durch eine Ritze in das Zimmer fallen. Da der arme Mann zu wissen wünschte, wer sein Wohltäter sein mochte, so lauerte er ihm auf, und einmal, als Mar Ukba wieder mit Geld an seine Tür kam, sprang der Mann hinaus, aber Mar Ukba wandte sich und floh; der Mann ihm nach. Sie Tiefen und liefen durch die ganze Stadt, bis Mar Ukba endlieh bei einer Biegung in ein Feld lief, wo ein Flachsofen stand. In aiesen kroch er, um sich zu verbergen, bis sein Nachbar vorübergehen würde; aber der Ofen war heiss, und die Hitze überwältigte iHn, und als man ihn fand, war er halb tot; aber doch tat er das rechte, denn es steht geschrieben: Du solltest dich eher in einen brennenden Ofen werfen, als deinen Mitmenschen in Scham versetzen." Mirjam hielt inne. „Ist das alles?" fragte Schimmele. „Ist das nicht genug? Möchtest du, dass der Mann ganz tot sein sollte?" „Schimmele überlegte, und Mirjam strickte schweigend; hätte er ihr Gesicht sehen können, so würde er einen beunruhigenden Blick darauf bemerken können. „Ich Henke, es hat einen anderen Grund," sagte Mirjam nachdenklich, „weshalb Mar Ukba sich im Ofen verbarg." „WelcKen?" y,Er fürchtete, der Mann würde ihm danken," und Mirjam seufzte tief. j,Hast du gesagt, dass Mar Ukba ein weiser Mann war?" fragte Schimmele nach einer Weile. „Ein sehr weiser Mann." „Ich glaub', er war närrisch," sagte Schimmele, „warum kroch er sonst in einen Ofen und liess sich verbrennen? Wenn ich das gewesen wäre, hätte ich mich geschwind neben dem Ofen niedergelegt, hätte einen Kock über das Gesicht gezogen und hätte mich für einen von den Taglöhnern ausgegeben, der eingeschlafen war." Mirjam lachte lustig über Schimmeies Kühnheit und freute sich wie gewöhnlich über ihr Wunderkind. „Ein kleiner Kopf, ein klarer Kopf!" aber plötzlich blickte sie ernst und sagte: „Eingeschlafen, so wahr ich lebe3 das ist ein guter Gedanke, daran habe ich nie gedacht." — —--—--— — — * * # Am Donnerstag war es. Es war nachmittags und Mirjam machte ihre berühmten Tatschkerln, als sie plötzlich ihre Arbeit sinken liess und Schimmele zuflüsterte: „Ich geh' in die Stub'. Wenn jemand kommt, sag', ich bin müd' und mach ein Schlaferl." Schimmele hatte keine Zeit, sieh über die plötzliche Ermüdung zu wundem, denn die Tür hatte sich kaum hinter ihr geschlossen, als die äussere Tür aufging und Bele Pereies eintrat. Sie hatte eine saubere Haube und Schürze an und trug einen Topf, der nett in ein Tuch eingewickelt war, in den Händen. „Ist deine Babe nicht zu Hause?" fragte sie. y,Sie ist müde und ist in die Stub' gegangen, ein Schlaferl zu machen," sagte Schimmele. „Ich werde warten," sagte Bele, setzte sich auf einen Stuhl, glättete ihre Schürze und seufzte. Schimmele, der zu Hause war, weil er einen Schnupfen hatte, setzte sich ans Fenster und krizzelte gewundene Guirlanden vom Aleph Beth6) auf eine Schiefertafel, aber sein Geist war nicht bei der Arbeit. Er war beschäftigt, das Rätsel über das Betragen seiner Grossmutter zu lösen. „Ist deine Babe wieder wohl?" fragte Bele jetzt. „Sie war nicht krank." „Hatte sie nicht letzten Sabbat einen schlechten Magen," sagte Bele überrascht. „Sie hatte einen schlechten Magen, aber als sie aus eurem Hause zurückkam, war er gleich wieder besser." Bele blickte aufmerksam, auf das Kind aber er kritzelte ernst weiter, während er gleichzeitig mit der Zunge am Mundwinkel herumlutschte; so seufzte sie nochmals und blickte in ihren Schoss. „Schläft deine Babe jeden Tag?" war ihre nächste Frage. „Nein, nur heute." Schimmele stutzte bei den eigenen Worten; sie warfen ihm ein Licht auf das Rätsel. „Schimmele, Kind, was sagst du? Vielleicht ist sie wieder krank?" rief Bele darauf. Schimmele neigte den Kopf, um ein Kichern zu verbergen, denn das Licht war sehr hell geworden. „Sie war ganz wohl gerade vor einer kleinen Weile, aber ich will wetten", sagte er und besah Mirjams köstlichen Butterteig, der am Backbrett zerschmolz, „ich will wetten, sie fühlt sich jetzt schrecklich unwohl." Bele blickte verwundert auf ihn. „Wenn ich nicht mit eigenen Augen sehen möchte, dass es Schimmele, das Boeherl ist," dachte sie, „würde ich schwören, es ist der dickköpfige Jainkele — das Jüngel spricht solchen Schtuss."7)' Aber in Schimmeies Geist schien klares Tageslicht. „Es ist gut," sprach er leise vor sich hin, „dass mein Babele nicht Mar Ukba ist, und die Stub5 nicht ein heisser Ofen." „Glaubst du, dass deine Grossmutter noch lange schlafen wird?" fragte Bele nach einer Weile. Schimmele warf einen prüfenden Blick durch das Fenster. „Ich glaube, sie wird bald auf sein," erwiderte er, „denn es wird spät und Ihr werdet zu Hause zum Nachtmahl gehen müssen." Bele atmete schwer. Sie blickte rasch im Zimmer umher, auf die unvollendete Arbeit, auf Mirjams Backbrett, und eine Flut von Verständnis kam auch über sie. Das Blut stieg ihr ins Gesicht und schnelle Tränen in die Augen. Als sie ihre Sprache wiederfand, sagte sie zitternd und als ob sie zu ihresgleichen spräche: „Ich war nicht immer arm; mein Vater war einst der Vorsteher unserer Synagoge und ein wohlhabender Mann. Es gibt niemand in der Welt, von dem ieh etwas genommen hätte, ausgenommen deine Babe. Schimmele, gib gut acht auf deine Babe," sagte sie mit plötzlicher Wärme. „So eine hat die Welt noch nicht gesehen. Möge jedes jüdische Kind auch nur die halben Freuden wie sie im Gan Eden8) haben. Es gibt solche, Schimmele," sagte sie, inaem sie ihre Stimme erhob und sieh gegen die Tür der Stüh' wandle, „die ihre guten Taten vor der Welt verbergen; die nicht essen, damit meine Kinder vollauf haben. Es gibt solche, die den Dank einer dankbaren Mutter nicht annehmen wollen, aber ich weiss, was ich weiss!" schrie sie und nickte heftig gegen die Tür. „Schimmele, mein Kind, gib sehr, sehr gut acht auf deine Babe, sie hat ein Herz, das nur aus purem Golde gemacht ist!" Damit ging sie hinaus, und zur selben Zeit kam Mirjam mit geschäftiger Miene aus der Stube. „Soll ich leben, aber diese Bele ist eine Plage," rief sie. „Hält mich hinter dieser Tür wie in einem Gefängnis.! Und schau dir diesen guten Butterteig an, weich wie Brei. Soll sie jetzt herkommen und 'Tatschkerl aus diesem Zeug backen." „Sie sagte —" begann Schimmele. — ■— „Ich weiss, was sie sagte," unterbrach ihn Mirjam. „Du brauchst daran nicht zu denken. Bele ist eine gute Frau, aber

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