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Die Welt · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · p. 17

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-02-06
Page
17 (sequence 1)
Language
German
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Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wolfenste in. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) VI. Schimmele und Bejle waren beide noch in gleicher Weise fremd in der Gass'. Sie wussten noch nicht, dass Mirjams schlechter Magen immer in Verbindung mit irgend einem Mangel bei den Armen stand, und dass man darüber schon längst scherzte. Man konnte dazu tatsächlich nur mit der Zeit und Erfahrung kommen, denn einen Scherz über Mirjam, die weise, gerechte, fromme, wagte, man sich nur flüsternd, oder mit Lächeln und Augenzwinkern anzuvertrauen. Schimmele sollte nach Gottes Ratschluss mit einem Schlage zur richtigen Erkenntnis kommen. Es war die Busse für seine Grösse und der Schuldige war sein Erzfeind Jainkele. Gleich allen, die grosse Gaben besitzen, sollte er nicht ungestraft in der Gass* wandeln. Die Jugend derselben hörte immer seine Ueberlegenheit rühmen und musste es sich gefallen lassen, ihn stets in den Himmel erhoben, mit Lorbeer gekrönt zu sehen. Jene Knaben, die ihn darob nicht respektierten und bewunderten, hassten und beneideten ihn und sannen auf Rache. Selbst grosse Jungen, die ihre erste Seite Talmud „wie Wasser" hersagen konnten, hatten zuweilen einen Verweis zu hören, wie: „Schäme dich, Muhme Mirjams Schimmele war noch nicht zwei Jahre alt. als er schon sagen konnte: „Gelobt sei er und gelobt sei sein Name!" Eine solche überragende Stellung konnte nicht anders als . kränkend sein und Neid und Hass erregen, und man schonte das Fell unseres kleinen Ghettolöwen nicht. Die schärfsten Stiche waren die von Eisak Schulklopfers Jainkele, denn dessen Groll war der tiefste. Jainkele hatte einen Kopf, von dem sein Vater in Verzweiflung sagte: „er ist so dick, dass man Mauern mit ihm niederrennen könnte." Und der Lehrer . im Cheder schrie ihm beständig in die Ohren: „Schimmele weiss in einem Haar mehr als du in deinem ganzen Kopf!" Als Schimmele schon munter und flink zu Mosehe Rabbenu2) kam, sass Jainkele, der vier Jahre älter war, noch fest bei: „Gott sprach, es werde Licht!" Und Schimmele liebte es von einem sicheren Orte aus zu rufen: „Jainkele, ist noch nicht Licht geworden?"' Daher Jainkeles Feindseligkeit. Er suchte Rache nach verschiedenen Richtungen. Am erfolgreichsten war er in der Jagd nach beleidigenden Beiwörtern, und im Augenblicke, da er ein neues gefunden hatte, eilte er, sich dessen dort zu entledigen, wo er fühlte, dass es am besten angebracht war, d. h. an Schimmeies Kopf. Von einem Bettelschüler hatte er einen scharfklingenden Fluch gehört, der in Verbindung mit dem Namen Mendelssohn ausgesprochen und von Spucken begleitet war. Jainkele lief zum verhassten Genie: „Hi, du — Atheist!" und dann spuckte er vor ihm aus. Schimmele keuchte, wie wenn er einen heftigen Stoss bekommen hätte* „He, du Amhorez8)!" brüllte Schimmele. Jainkele streckte bloss seine Zunge heraus. „Chaser4)!" gröhlte Schimmele. „Philosoph!" höhnte Jainkele vergnügt. Jainkele wandte sich rasch weg, und wieder einmal hatte die Tugend gesiegt, und das Laster lag kriechend im Staube. Aber eines Tages, der besonders furchtbar an Bosheit gewesen war, pflanzte Jainkele sich mit gespreizten Beinen und die Hände in den Taschen mitten im Wege auf und rief höhnisch zu Schimmele hinüber: „Wie geht's deiner Babe mit dem kranken Magen?" Schimmele war verblüfft, denn Jainkeles Stimme bedeutete Krieg, und er konnte nicht einsehen, wie seine Grossmutter damit zusammenhängen sollte. Er zuckte die Schultern und kräuselte die Lippen, und diese beredten Geberden sprachen deutlicher wie Worte: „Ein Chammer!"5) „Sie hat nie einen kranken Magen." hänselte Jainkele. „Was weisst du von meiner Babes Magen," sagte Schimmele mit vernichtender Verachtung. „Mehr als du," lachte Jainkele teuflisch. „Sie tut nur immer so, als wenn sie krank wäre."' schrie Jainkele. „Schafskopf," brüllte Schimmele, „heute hat sie keine Magenschmerzen, aber wenn sie'welche hat, kannst du ihr ein Zehnguldengoldstück niederlegen, und sie könnte nicht einen Bissen essen." Dann ging er stolz von dannen. denn Jainkele war grösser und stärker als er. „Nu, mein Vater sagt, sie braucht jetzt keine," schrie ihm Jainkele nach, „denn der Doktor hat gesagt, Hendel darf nichts wie Suppe haben und ihre Kinder gehen zu Malkc Loew essen." Dieser Streich blendete Schimmele geradezu. Er zog sich hinter eine Umzäunung zurück und verbarg sein Gesicht, bis er glaubte, dass das Mal der Kränkung daraus gewichen war. Und diese Erschütterung machte ihn um Jahre älter; als er sich erholt hatte, kannte er seine Grossmutter. Wenn er nach dieser Zeit nur das leiseste Symptom von Verdaiiungsbesehwerden bei Mirjam bemerkte, dann suchte er sofort in seinem Geiste jene Person in der Gass', die momentan den grössten Mangel litt, und schlug irgend eine Unterstützung vor. „Mein Schimmele," rühmte Mirjam, „hat eine Nase für das Unglück, wie ein Seh wein für Trüffeln." Es waren unbehagliche Tage, die jenem Sabbat folgten, an dem Schimmele kürzlich die Erfahrung betreffs des kranken Magens seiner Grossmutter gemacht hatte. Mirjam hatte viel zu tun. Sie hatte ein Auge auf das Fenster gerichtet, während sie einen Nudelteig bis zu durchsichtiger Dünne walkte, und es ist doch ein Ding von nicht geringer Schwierigkeit, diesen vor einem Riss zu bewahren, selbst wenn beide Augen bei dieser Arbeit mittun. Beim Anblicke einer Frau, die mit einem Bündel die Strasse herunterkam, sprang sie erregt auf und rief: „Schimmele, komm geschwind, schau, trägt sie einen Topf?" „Nein," sagte Schimmele, der nicht bloss Mirjams Zeitung, sondern auch bei Gelegenheit ihre Brille war, „nein, es ist Gitel Schuster, und sie trägt einen Bund alter Schuhe nach Hause." Die Belohnung für Schimmeies tagsüber bekundeten Fleiss war eine Geschichte, die Mirjam beim Dunkelwerden erzählte, während die Stricknadeln in lebhafter Begleitung dazu klirrten, denn Mirjam behielt sich die Strickerei immer für den Abend als die einzige Arbeit, bei der man Licht sparen konnte, da sie auch im Finstern getan werden kann. Während dieser unruhigen Woche. waren Mirjams Geschichten immer von der gleichen Art. „Man sagt von Rabbi Chanina/' erzählte sie eines Abends, „dass in seiner Stadt ein armer Mann lebte, der kein Almosen nehmen wollte, so dass der Rabbi ihm Geld lieh, aber als die Zeit zum Zahlen kam, konnte der arme Mann nicht zahlen. Nun musste der Rabbi bei seinem Wege in die Schule an des armen Mannes Haus vorübergehen, aber um dies nicht zu tun und ihn damit an seine Schuld zu erinnern und ihn zu lieschämen, nahm der Rabbi einen anderen W^eg, eine volle Meile von seiner Strasse entfernt, denn es steht geschrieben; Der einem anderen Geld geliehen hat, soll nicht bei ihm vorübergehen, damit er ihn nicht erröten macht!"

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