Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-30
- Page
- 18 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 18 „Die $t Welt" Nr. 5 Mirjam nahm auf ihren Teller so viel, als man auf einer Gräbel halten kann und knabberte daran. „Warum isst du nicht, Babele?" fragte Schimmele. „Mein Magen ist nicht ganz in Ordnung."'* „Bist du krank?*4 rief Schimmele. „Nu, nu, du brauchst nicht gleich ein Aufhebens davon zu machen. Ich hab' zu viel Barches zm Frühstück gegessen, und es bekommt mir nicht, was ist weiter dabei.?** „Es wäre besser, du möchtest ein bissei essen, Babele,** nötigte Schimmele. „Nein, nein, es tut mir weh/' „Soll ich den Doktor holen?" rief er beunruhigt. „Ach, Unsinn, einen Doktor! Ein Doktor ist gut, wenn man ihn nicht braucht/* „Nu, iss doch etwas, er ist sehr gut, der Scholet/' „Nicht einen Bissen könnte ich herunterschlucken,** erklärte Mirjam. Schimmele ass schweigend weiter und Mirjam seufzte. „Solch ein ganzer Topf voll, es ist eine Sünde!** sagte sie nach einer Pause, während sie erwartungsvoll auf Schimmele blickte, aber dieser war mit dem Essen beschäftigt und nahm keine Notiz davon. „Was können wir mit so viel Scholet machen? Wir könnten es nicht in drei Sabbats aufessen/* setzte sie fort. Schimmele rechnete, wieviel Bissen er aus seinem Stückchen Fleisch machen müsste, um damit für den ganzen Brei auszukommen, und war taub für Mirjams Schmerz. „Ich wundere mich über dich, wie du so sorglos essen kannst, . während manches arme Kind vielleicht hungert l" rief sie jetzt aus. Ihr vorwurfsvoller Ton war ihm ungewohnt, uuct Schimmel« wurde nachdenklich. „Wenn sie hnugern, warum gibst du ihnen nicht unseren Scholet?** fragte er. Mirjam strahlte. „So wahr ich lebe, Schimmele, du hast recht. Lauf ge sehwind und trag' es ihnen hin. Ich werde es nur etwas einpacken. Braucht die ganze Gass* zu sehen, was du hast?** „Wohin?** fragte Schimmele, der eine unheimliche Vision von sich selbst hatte, wie er eilig von Haus zu Haus lief, um liungr-ige Kinder zu finden. „Hast" du es nicht selbst gesagt? Wohin sonst, wenn nichü zu Leser Pereies? Und sage seiner Frau Bele, dass ich Gäste er wartete habe, und dass sie nicht gekommen sind, und dass wir nicht so viel Scholet essen können, nicht in drei Sabbaten, und dass ich einen schlechten Magen habe und überhaupt nicht essen kann, und dass es eine Sünde ist, Gottes Segen verderben zu lassen, und dass ich sie bitte, sie soll so gut sein und es ihren Kindern zu geben. Und sage ihr auch, dass ich gesagt habe, dass es bei jedem vorkommen kann, dass von der Woche so viel übrig geblieben ist, dass man keinen Scholet braucht, aber für Kinder ist es gesund, etwas warmes zu haben, und sie soll so freundlich sein und mir den Gefallen tun und es ihren Kleinen geben." Mirjam erwartete Schimmeies Küekkehr mit einer Aengstlichkeit, als ob* sie ihn geschickt hätte, tausend Gulden zu borgen. In wenigen Minuten war er zurück, den Topf in der Hand. „Sie sagte,** berichtete er, „dass sie Gott sei Dank noch keine Bettlerin wäre, und noch Brot für ihre Kinder hätte, und wenn sie eine Schnorrerin werden wird, wird sie es dich wissen lassen, und bis dahin sollst du dir deinen Scholet behalten/*" „So — Um!" sagte Mirjam, „was haben sie zu Mittag gegessen?** „Ich habe kein Mittagessen gesehen/* Mirjam machte ein entschlossenes Gesicht, als sie ihren Shawl umnahm. „Jetzt geh ich,** sagte sie mit dem Tone eines Mensehen, cer sieh verbflrft, einem widerspenstigen Verbrecher den Stand- , punkt klarzumachen. Als sie in Pereies Haus eintrat, fand ti% Loser beim Tische sitzen und aus einem grossen Talmudbande „lernen**. Die Kinder waren beim Ofen, in dem ein kleines Feuer brannte, und spielten so still mit einem Trenderl4), als ob jemand in -der Nähe schlafen würde. Alles war untadelig rein, und obgleich der Tisch leer war, glänzte schneeiges Linnen auf ihm. Als Mirjam eintrat, öffnete sich auch eine zweite Türe und Bele kam ins Zimmer. So wie ihr Haus festtägig, wenn auch freudlos war, war sie selbst in ihren SabbatEleidern, aber ihre Augen waren rot und vom Weinen geschwollen, und um den Mund lag ein Zug von Bitternis. Beim Anblicke ihres Unglückes änderte sich Mirjams Gesiehtsausdruck; sie wurde schüchtern und enjtschuldigte sich augenblicklich; sie borgte wieder tausend Gulds*. „Warum beleidigst du mich, Bele?'* sprach sie sanft, ,,und dazu durch den Mund eines Kindes?** Bele wurde weich, sie brach in Tränen aus. „Niemand hat mich noch beleidigt, indem er gesagt hat, dass ich meine Kinder hungern Hesse und hat mir Essen ins Haus geschickt, als ob ich eine Bettlerin wäre/* schluchzte sie. „Ich bin eine alte Frau/* sprach Mirjam heftig, um ihre Bewegung zu verbergen „,du bist jung, und wenn Ich dich bitte, mir einen Gefallen zu tun, so ist das keine Beleidigung. Kann ich dafür, dass mein alter Kopf schwach wird, und ich mich irr' und einen Topf ScHolet koelr, den mein Schimmele und ich nicht Aufessen können; nicht in drei Sabbaten?** „Ihr habt es mit Absicht getan,** weinte Bele. „Jetzt möcht' sie mir sagen dass ich lüge,** rief Mirjam und wurde rot. ,Warum hebt Ihr dann den Scholet nicht für morgen auf? Wo steht es geschrieben, dass Ihr ihn ganz in einem Tage essen müsst?'* „Habe ich dir nicht gesagt, dass ich einen schlechten Magen habe? Du könntest mir ein Zehnguldengoldstück niederlegen, and ich würde doch keinen Bissen herunterbringen. Und diese Kinderleben,*' sie wandte sich ausweichend nach den Kindern, die mit hungrigen Blicken den Topf am Tische anstarrten, „ist das ein Aussehen für den Sabbat? Hast du nicht gelernt, dass es eine Sünde ist, unseren lieben heiligen Sabbat mit langen Gesichtern und Tränen zu feiern?** Leser blickte jetzt zum erstenmale von seinem Buch auf. „Madam Mirjam hat recht,** sagte er. „Es steht geichrieben: Du sollst dich erfreuen an deinem Sabbat. Haben nicht unsere Weisen gesagt, du sollst deine Feiertage zur Hälfte für Gott und zur Hälfte für dich feiern? Wenn du den Scholet nicht nimmst,** setzte er argumentierend hinzu und sein Blick streifte sehnsuchtsvoll den Scholettopf, „sündigst du doppell; erstens, indem du deinen Sabbat nicht freudig machst, und zweitens, indem du Madam Mirjam kränkst und so Ihren Sabbat freudlos machst. Auch steht geschrieben, dass der Mensch nicht stolz sein soll. Rabbi Jochanan sagte im Namen von Rabbi Simon ben Jochai, dass ein stolzer Mann gleich ist einem Götzenanbeter, denn in den Sprüchen, sechzehntes Kapitel, fünfter Vers, heisst es von den Stolzen: Jener, der im Herzen stolz ist, ist vor Gott ein Greuel! Und im fünften Buche Moses, siebentes Kapitel, sechsundzwanzigster Vers, heisst es vom Götzendienst: Du sollst kein Greuel in dein Haus bringen. Der Mensch wurde geschaffen am sechsten Tage, dass er nicht stolz sei, denn der Floh war vor ihm da." Bele blickte in direkter Herausforderung dieses letzten Verweises durch ihre Tränen stolz auf ihren Gatten, wie die hebräischen Zitate glatt und in schönem Singsang von seinen Lippen flössen. Mirjam hatte indes einige Teller vom Wandbrett genommen und legte jedem der Kinder einen grossen Löffel Scholet vor. Die Kleinen beschnupperten das duftende Gerieht, das noch angenehm dampfte, und blickten die Mutter bittend an. Sie konnte ihnen nicht widerstehen. „Bedankt euch, Kinder/* sprach sie zitternd als Bewilligung, und sie fielen augenblicklieh darüber her. Mirjam schlich »ich unhörbar zur Türe.