Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-30
- Page
- 17 (sequence 1)
- Language
- German
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Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wolfenstein. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) . V.' .V.' Die Backstub'. In einer Beziehung hätte Mirjam sehr gut den Dienst eines Auskunftsbureaus für Maritz ausfüllen können; sie wusste ganz genau, wessen Geschäft blühte und welches im Abnehmen begriffen war, und auf die einfachste Art gelangte sie zu ihren Kenntnissen, sie kamen ihr von selbst ins Haus. Die Quellen ihres Wissens waren in der Tat nichts anderes als die Scholettöpfe, die die .sabbatlichen Mittagsmahlzeiten enthielten. Diese wurden Freitag nachmittags zu ihr gebracht, fest zugedeckt und mit einem Kleister aus Wasser und Mehl luftdicht verschlossen. Aber Mirjam brauchte nur einen in die Hand zu nehmen und sie wusste, was er enthielt. „Wie kannst du das erraten?" fragte Schimmele. „Soll ich leben," lachte Mirjam, „aber das ist eine närrische Frage. Soll deine alte Babe nicht einen Topf Erbsen von einem mit Gansei mit Reis auseinander kennen?" Einige Hausfrauen brachten ihre Töpfe selbst; die Reichen hatten eine Dienstmagd; viele Töpfe wurden von Eisak Schulklopfers Jainkele gebracht, zu dessen zahlreichen Beschäftigungen es auch gehörte, die Sabbatmahlzeiten hin- und herzutragen. Und wenn Mirjam die Töpfe in den grossen Ofen schob, sagte sie: „Haste geselrn, Nudeln mit Huhn! Hat Anschel das grosse Los in der Lotterie gewonnen?" Oder: „Scholet, Eier und Kugel! Ist das alles? Hm! Beb Noach ist auch einer von jenen, welche nur leben, um zu essen!"" Oder: „Wai! Ist das ein leichter Topf von Leser Pereies, ein Bissel Erbsen und Graupen, osser eine Spur von Fleisch. So ein Schierniehl mit seinem ewigen Beten. Er wird nebbich bald ganz mech'ulleh1) sein." Wenn sie konnte, half Mirjam gern einem Mangel ab, aber dies war eine sehr heikle Sache und barg in sich ein verwickeltes System von Kriegslisten; denn mehr Eeinfühligkeit, als sie besass, könnte in keinem gedruckten Buche der Ethik gefordert werden, nur dass Mirjam sie nicht aus Büchern gelernt, sondern für ihre eigenen Zwecke erfunden hatte. Ihr Grundsatz war: „Lass sie niemals danken. Besteht man darauf, so geh!" Mirjam war Sozialistin, von Natur aus in der Opposition, und der langsame Fortschritt der Welt zur messianisehen Vollkommenheit kränkte sie. Doch gab es eine Einrichtung in der Gass', die ihr gefiel, wreil sie mit ihren Grundsätzen übereinstimmte. Das war die Chewra Kadischa, BegräbnTsgesellschaft. Ich wollte, dass unsere modernen Wohltätigkeits-Organisätionen von der Begräbnisgesellschaft in der Gass* volle Kenntnis hatten. Ich möchte, dass unsere mildtätigen Komitees, die die Armen bekleiden und sie wie Vieh vor den Augen der Menschen Hinstellen und sie vor ihnen brandmarken, ich wollte, sie hätten die Methode der Begräbnisgesellschaft in der Gass' studiert. Und auch unsere Lehrer, die bezahlten Bildner der Nation, hätten sie doch etwas von dem Zartsinne der Begräbnisgesellschaft in dem Augenblick, da sie voller Gemütsruhe ausrufen: „Alte Kinder, die zu arm sind, sich Bücher zu kaufen, mögen sich erheben!" Die Kleinen erbleichen und zittern, und wie oft erpresst ihnen die Beschämung bittere Tränen. * Wenn sich in der Gass' ein Todesfall ereignete, ob im Hause des Kelchen oder Armen, sandte die Gesellschaft zwei verschlossene Büchsen den Hinterbliebenen. Die eine enthielt den Fonds der Gesellschaft, die andere war leer. Der Fonds musste aus einer Büchse in die andere übertragen werden, und bei dieser Gelegenheit konnte man demselben Geld entnehmen oder dazugeben, oder ihn intakt lassen. Die Büchsen wurden' dann verschlossen w>iejder zurückgestellt und niemand wuteste oder konnte wissen, wer eine Spende gemacht hatte und wer auf öffentliche Kosten begraben worden war. Mirjam billigte diese Einrichtung (sie hatte ihr eigenes Begräbnisgeld und ihre Totenkleider wohl verwahrt in ihrer Kiste liegen), sie beklagte es nur, dass es nicht auch solche gab, welche die Armen mit Nahrung und Kleider Versalien. Eines Freitags nachmittags im Winter stand Mirjam in aer Backstube Fei ihrer Arbeit, alle Sabbattöpfe waren bereits da, nur der von Leser Pereies fehlte. „Es ist spät," sagte sie. „Ich möchte wissen, was mit Feie ist, sie hat ihren Scholet noch nicht hergeschickt/* „Soll ich ihn holen gehen?" fragte Schimmele. „Nein, nein!" sagte Mirjam; aber zu sich selbst sprach sie: „ach, es kann sein dass sie keinen, hat." Es wurde finster, Eisak Schulklopfer rief durch die Strassen und kündigte den Leuten den nahen Sabbat an. Mirjam sah ängstlich durch das Fenster. „Vielleicht ist — Gott soll behüten — Meirle krank," sagte sie jetzt. „Jeutele hat mir gesagt, dass er sich verkühlt hat. Geh, Schimmele, geh, sag' ich, ich mocht' gern wissen, wie es Meirle geht. Du kannst auch ein bisserl herumschnüffeln, ob sie ihre Barches2)" gebacken haben." „Ich kann auch um den Scholet fragen?" sagte Schimmele der Kluge. „Dass du dich nicht unterstehst!" rief Mirjam mit solcher Heftigkeit, dass Schimmele überrascht aufsah. „Nu?" frage sie begierig, als er zurückkam. „Meirle und die anderen sind — Gott sei Dank — gesund, und ich habe auch herumgeschnüffelt, aber ich hab' kein Barches gerochen." „Was hat Bele gekocht?" „Sie hat nicht gekocht."' „Dann war das Nachtmahl schon am Tisch?" „Ich hab' nichts am Tisch geseh n. Sie hat Brot geschnitten und ihre Augen waren rot." „Und'Leser?" „Er stand in der Ecke mit seinem Siddur und hat gebetet."' „Wai!" klagte Mirjam in ihrem Herzen, und obwohl es geboten ist, am Sabbat fröhlich zu sein, sass ie an diesem Abend tief seufzend über ihrem Gebetbuch. Den nächsten Tag, als Mirjam und Schimmele beim Mittagessen sassen, rief der Kleine plötzlich: „Warum haben wir heute einen so grossen Topf voll Scholet. Babele?" Mirjam bewegte sich unruhig, sah unsicher auf Schimmele und sagte, während das Blut ihr zu Gesichte stieg fs'e war eine so ungeschickte Lügnerin) : „Ich' dachte, wir wären diese Woche an der Reihe, einige Orchim3) zu haben." „Aliel* wir haben sie doch erst letzte Woche gehabt." „Ich weiss, aber ich habe es vergessen/' und Mirjam murmelte etwas von Jeutele, welche immer herumsitzt, wenn man am meisten zu tun hat, und deren Mund wie eine Windmühle geht, bis man nicht weiss, wo man seinen eigenen Kopf sitzen hat. Schimmele hatte einen guten Teller voll Scholet: das Fleisch verhielt sich zu den Erbsen und Graupen wie eins zu zehn. Ein achtloses Kind hätte es in einem Bissen gegessen, aber Schimmele würdigte seinen Wert, und indem er winzige Stückehen Fleisch auf grosse Löf fei Grütze verteilte., hatte er Fleisch für das ganze Mahl.