Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-30
- Page
- 19 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 fite & weit** Seite 19 „Gott wird Euch belohnen, Madam Mirjamleben/' weinte Bele und fasste die Hand der alten Frau, aber Mirjam zog sie zurück und errötete, als ob man sie beim Stehlen ertappt hätte, „Scha, selia," schrie sie3 „wie Meirl sich vollstopft, „er wird noch ersticken," und wie Bele sich schnell umwandte, stürzte sie zur Türe hinaus und floh die Strasse hinab, als ob der „Böse" sie verfolgte. „Babele," rief Schimmele verwundert, ,du isst Brot?" „Willst du, ich soll den heiligen Sabbat entweihenindem ich faste, als ob heute Tische beaw wäre," sagte Mirjam. „Aber dein Magen?" „Nu, ein Bissen Brot wird mir nicht schaden. Mein Magen ist jetzt grad' etwas besser," erwiderte Mirjam und biss mit gutem Appetit ins Brot. *) Bankerott. 2) Sabbatbrot. 8) Bettelgäste. 4) Kreisel. „Rocznik Zydowski". „RocznikZydowski", ein polnisch-jüdisches Jahrbuch für das Jahr 1903. Redigiert von Adolf Stand (mit zwei Illustrationen). Lemberg. Verlag „Kadimah". Ein kleines Büchlein, gefällig dem Aeusseren nach, liegt vor uns. Ein Jahrbuch ist es, das ein ganzes Jahr des geistigen Lebens des polnischen Judentums zu verkörpern und zu repräsentieren hat. Nicht ganz so reichhaltig und bedeutungsvoll wie die hebräischen Jahrbücher, die das Schauspiel einer aufblühenden Literatur, eines Erwachens des intensiven Gedankenlebens uns bieten, ist dieses Jahrbuch doch eigentümlich in seiner Art, eine Spiegelung des Judentums, in dessen Mitte und aus dessen Geist es entstanden ist. Da überall die Kunst, die Schaflende, schöpferische Kraft auf dem Gebiete der Poesie und der bildenden Kunst und besonders der ersteren ein Massstab für das geistige Niveau, die schöpferische Kraft des Volkes, ist, möchte ich zuerst die poetische und belletristische Abteilung in meine Betrachtung ziehen. Eine merkwürdige Tatsache fällt uns schon auf den ersten Blick auf. Wir finden keine originellen polnischen Erzählungen. Und es ist eine bemerkenswerte, bedeutungsvolle Erscheinung, dass alle jüdischen Literaturen in allen Sprachen, mit Ausnahme der hebräischen und der Jargonsprache, verkümmern, verwelken, während die eigentlich jüdische, die wahre Volksliteratur, sich immer mehr und mehr entwickelt, sich bereichert und sich zum Grade einer europäischen modernen Literatur emporschwingt. So sind in diesem Jahrbuche die zwei Novellen — die kleine Meisterwerke sind — die Erzählungen von J. L. Perez: „Die Moral* und die von Sch. Asch: „Die Mutter" aus dem Jargon übersetzt. Wie in allen übrigen seiner Erzählungen vereinigt Perez auch in dieser seiner Novelle die beiden Eigenschaften des Dichters und desDenkers in sich. Er versteht die schwierige Kunst, an der gar viele Dichter gescheitert sind, seine Tendenz, seine moralischen und sozialen Gedanken, die uns immer durch ihre Tiefe und Originalität verblüffen, in solchen lebendigen, farbenreichen, vibrierenden Formen einzukleiden, dass wir keine knöchernen Gerüste der Abstraktion, keine trockene Tendenzdarstellung, sondern den Menschen wie er leibt und lebt in seiner natürlichen Umgebung vor uns finden. Aber diese lebenden Gestalten sagen uns von selbst noch mehr, sie beweisen uns durch ihr Leben und Leiden das, was der Dichter uns sagen wollte. Realismus mit einem tiefen, beinahe mystischen, idealistischen Hintergrunde ist die dichterische Physiognomie von Perez, dies verleiht ihm seinen Zauber, seinen Beiz. Eine fromme gottesfürchtige Mutter, Witwe eines Thora-Schreibers, lässt ihre jüngste Tochter ungestört mit jungen Männern herumgehen, sieht es zu, wie sie die Schranken der jüdischen Moral durchbricht und schweigt. .. Sie ist arm, sie kann der Tochter keine Freuden, keine Zukunft gewähren, so will sie wenigstens ihr nicht in den Weg treten, sie möge am Kelche der Jugend schlürfen, wie sie kann und wo sie kann. Welche tragischen Laute, welcher himmelschreiender Protest gegen die menschlichen Institutionen, gegen die Gesellschaft tönen uns aus dieser kleinen Novelle entgegen! Die zweite Novelle, ebenfalls übersetzt, stammt von Sch. Asch, dem sympathischen jungen Schnitt st eil er. Es ist eine psychologische Schilderung des Seelenzustandes eines Kindes, das eine verrückte Mutter hat. Die Schilderung ist nicht schlecht, der Dichter aber hat es unterlassen, ein Meisterstück, eine Feuerprobe seiner Kunst zu zeigen, nämlich die Schilderung des Seelenzustandes der verrückten Mutter; zwar finden wir ein paar leise Andeutungen, aber dieser Aufgabe war der Dichter noch nicht gewachsen. Das müssten wir vorbeigehend überhaupt von Asch sagen, dass er ein wenig tiefer in das Leben und dessen Geheimnisse dringen, seine Kunst verinnerlichen müsste. Die übrigen Skizzen von Michael Wirth: „Die Sterne4 u. „Staub"; von N. Sokolow: „Jüdischkeit", von R. A. Brau des: »Der ewige Wanderer" (übersetzt aus dem Hebräischen) u. s. w. haben keinen Wert als belletristische Produktionen, sie sind publizistische Artikel mit gehobenem Stile. Die Gedichte im Jahrbuche sind nicht schlecht. So zum Beispiel das einleitende Gedicht von B en Israel: „Juda", das Gedicht von Morris Rosenfeld: „Das ewige Geheimnis" in trefflicher Uebersetzung von M. Scherlag, das Gedicht von Salomon ben Je hu da: „Tränenbecher* ist eine neue Variation eines alten Themas, die in poetischer Hinsicht keine bedeutende Leistung ist. Gediegen ist im Jahrbuche die publizistische Abteilung. Wir begegnen hier einem Zuge, der in der russisch-jüdischen Literatur zum Beispiel nicht zu finden ist, und zwar die intensive Beschäftigung mit religiösen Fragen. Die meisten und die besten Artikel sind direkt oder indirekt dieser Frage gewidmet : der Beziehung des Zionismus zur jüdischen Religion, der Gestaltung der jüdischen Religion in der Zukunft. Dieser religiöse Zug — denn jede Beschäftigung, wenn auch negative, mit religiösen Fragen zeugt von Religiosität — ist ein Charakteristicum des galizischen Judentums. Am besten behandelt die Frage Salomon Schiller in seinem Artikel: „Zionismus und Religion". Seine Lösung ist wesentlich der des Achad-Haam ähnlich. Für ihn (S ch ill er) ist die Renaissance des Judentums vor allem eine geistige, sie soll eine Fortsetzung und nicht eine Wiederholung oder Zerstörung des Ghettolebens sein. Und da die jüdische Religion einer der Hauptfaktoren des jüdischen Lebens war, so muss sie auch, „um eine wahre Kultur macht zu werden, eine autonome Macht werden, ein Selbstzweck und kein Mittel". Dr. OsiasThon hat in seinem Artikel über Braudes sehr richtig das Wesen des Chassidismus erkannt, seine poetische und ethische Seite gewürdigt. Er hat auch trefflich die Unzulänglichkeit der Haskala und ihrer Bestrebungen, die alten Ideale zu zerstören, ohne neue zu bieten, wovon Braudes der beste Beweis war, geschildert. Von den übrigen publizistischen Artikeln sind hervorzuheben der von Adolf Stand über Nathan Birnbaum (Mathias Acher), der von Dr. Alfred Nossig: „Die jüdische Statistik", von Kirschrot: „Die Methode der Forschung des Zionismus" u. s.w. Eine kurze, aber treffende Charakteristik der originellen Persönlichkeit Achers versichert uns Stand in seinem obenerwähnten Artikel zu geben, ein Versuch, den schon früher M. J. Berdyczewski in der hebräischen Literatur versucht hat. „Er ist ein Stockmanntypus, aber ein wesentlich verschiedener. Sich allen entgegenstellend, stellt er sich in Opposition ebenfalls gegen seine eigenen Anhänger." Mit diesen Worten ist Acher treffend charakterisiert. Dr. Nossig plaidiert für seine Idee, die Gründung eines statistischen Bureaus und beweist die Notwendigkeit einer jüdischen Statistik. Ein sehr gescheidter, aber zu fragmentarischer Artikel des H. Kirschrot, gegen dessen Argumente man gar manches einwenden kann, speziell in Beziehung auf die Methode der Forschung das Zionismus, der aber im Wesentlichen vollständig Recht hat, wenn er behauptet, dass die Idee des Zionismus auch als ein Leitfaden der Erklärung der jüdischen Geschichte betrachtet werden muss. Werfen wir noch einen Blick auf die künstlerische Ausstattung des Buches, um zu Ende zu kommen. Wir finden eine Fülle von Bildern, bekannten und unbekannten, reproduzierten oder originellen. Zu den schönsten Bildern, die hier reproduziert sind, muss man das Bild von Josef I s r a e 1 s : „Saul und David", rechnen. „Hulda, die Prophetin" von Jan Styka, »Die Schachspieler" von J. Kaufmann, „Die Wanderer" von Pilieh owski, „Tischa B'ab" von Leopold Ho r o witz, „Auf dem Friedhof von Hirschenberg u. a. bilden die künsterische Zierde des Buches. Die Zeichnungen sind von E. M. Lilien und Wilhelm Wachtel ausgeführt. Ueber die Kunst des ersteren brauche ich nicht zu sprechen, da er sich schon .längst als Meister auf seinem Gebiete bewährt hat. W.Wachtel aber, der an Lilien erinnert, besitzt nicht seine Originalität, seine Phantasie ur»d Gedankentiefe. Aber seine nette, schöne und ausdrucUs-