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Die Welt · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · p. 18

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-01-23
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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Seite i8 ,Die j£ Welt" Nr. 4 Sehlome, der jüngere, war ein wirklicher Student geworden^;* bis seine Mutter Witwe und sein älterer Bruder blind geworden war. Mirjam musste ihr Brot mit ihrer Hände Arbeit verdienen, aber sie hätte freudig gehungert, um Schlome bei seinen Studien zu erhalten. Doch Schlome verschmähte eine derartige Abhängigkeit und zog in die Stadt, wo er Privatlehrer wurde. Nun hoffte Mirjam auf die Enkel, aber als Schlomes mildes, melancholisches Wesen aus dem Ungetüm und Lärm der Stadt in die Ruhe und zur harten Arbeit der Pachtung flüchtete, da sagte sich Mirjam: „Seine Kinder werden als Tölpel aufwachsen inmitten grober, unwissender Bauern, wie Bäume im Walde", und hoffte nicht mehr. Sie beklagte es tief, dass die grosse Gabe des Wissens aus ihrem Hause gänzlich verschwunden sei, doch die Gass' sah und bewunderte sie immer noch in Mirjam selbst. Es gab Leute, die ihr Wort so hoch wie das des Rabbi schätzten; aber es waren auch solche beherzte Seelen da, die in sorglosen Augenblicken ihre Frömmigkeit als fraglich hinzustellen wagten. Das geschah des halb, weil Mirjams klares, gutes Gefühl zwischen religiösen Vor Schriften, die auf der Ueberlieferung des Gesetzes beruhten, und solchen, deren Herkommen blosser Aberglauben war, unterschied. Die Form beobachtete sie peinlich, wenn auch zuweilen mit nachsichtigem, gutmütigem Spott, so wenn beim Seder eine gewisse Formel mit geringer Abweichung wiederholt wurde, nur, weil es Herkommen war, „das tat unser Vorfahre, der grosse Hillel". Mirjam befolgte gewissenhaft die Vorschrift, doch sie murmelte lächelnd: „ein grosses Glück, dass der grosse Hillel sich nicht auf den Kopf gestellt hat, wir niüssten sonst alle jetzt auf unseren Köpfen stehen." Die Gebräuche, deren Ursprung Mirjam nur auf Aberglauben zurückführte, Hess sie aber vollständig unbeachtet, ausser, wenn sie fürchtete, die Gefühle der Gass' zu verletzen. Es war bekannt., dass nichts Mirjam so sehr anregen konnte, als die Beschäftigung mit der Wissenschaft. „Mirjam, habt ihr gehört, Reb Meirs Jossele sagt anlässlich seiner Barmizwah eine Drosche?" / Von einer schönen religiösen Vorführung dieser Art kehrte sie oft mit bittersüsser Freude in ihrem Herzen zurück. „Warum hat Gott es zugegeben, dass die Krone des Wissens von meinem Hause verschwunden ist?" klagte sie. Und dann kam Schimmele! Schimmele, der Philosoph, Schimmele, das Bocherle, der im Geiste Unabhängige, der dem Worte der Ueberlieferung trotzte, Schimmele, der Unerschrockene, der die Nichtigkeit des Aberglaubens verspottete. Der Herr, dessen Name gepriesen sei, hatte sie nicht vergessen; es würde wieder einen Rabbi in der Familie geben, denn in dem Augenblicke, da sie ihr Enkelkind das Tischgebet nach der Mahlzeit singen hörte, hatte sie einen Entschluss gefasst, und sie hatte eine plötzliche Vision, wie Schimmele in einer hohen Synagoge predigte und ganz Israel zusammenlief, um seiner Weisheit zu lausehen. Mirjam machte Pläne und hoffte, und diese Hoffnung stärkte sie in ihren schwersten Augenblicken. Schimmele war noch nicht lange in ihrem Hause, als sie ihn schon für verständig genug hielt, seine Zukunft mit ihm zu besprechen. „Hast du noch nicht daran gedacht, was du werden willst, wenn du ein Mann sein wirst, Schimmele, mein Leben?" „Ich will ein Lehrer werden/' erwiderte Schimmele schnell. Mirjam strahlte vor Stolz. „Das ist ein schönes Ding, ein Lehrer, ab.er es gibt noch Höheres." „Nein, Lehrer ist das Höchste," versicherte Schimmele, „dann hab' ich nichts zu tun, als mit einem Stocke unter dem Arme herumzugehen und zu schnupfen. — So!" Mirjam lächelte, denn sie erinnerte sich, dass Schimmele noch mit geschmorten Pflaumen bestochen werden musste, damit er dem Gesetze diene. Ein anderesmal hiess es: „Schimmele, ich wollte gerne, du möchtest «in Rabbi werden." „Ein Rabbi 1" rief Schinimele, „nein, ich werde ein Bäcker werden." „Ein Bäcker," wiederholte Mirjam bestürzt, „Ach und Weh, das Unglück!" „Ja, und ich werd* eine Backstub' halten." Sie sah ihn mit Schrecken an. „Dann kann ich so viel Rosinen essen, als ich will." Und dann lachte sie. Es war ein leises, sprudelndes Lachen, das schnell und leicht wie ein Kinderlachen herauskam, denn was sie sah, war nur ein kleines Ding von einem Jungen mit fetten Beinen. Schimmeies Ideal änderte sich aber häufig und schwankte unbestimmt zwischen einer Bäckerei, einer Pachtung und einem Wagen. Das Ende war aber immer das gleiche. „Dann werde ich alle Arbeit tun,, Grossmutter liebe, und du kannst den ganzen Tag in deinem grossen Stuhl beim. Fenster sitzen und stricken, und deine grosse seidene Schürze jeden Tag tragen, wie Madam' Blümele." Da wurde Mirjams Angesicht weich, vor Freude über des Kindes „wahrhaft jüdisches Herz". Mirjam erzählte Schimmele ihre schönsten Märchen von den grossen Rabbis Akiba und Bamham, und dem grossen Rabbi Loew ben Bezalel, um den Geist der Nacheiferung zu erwecken, aber Schimmele mochte von allen ihren Plänen für seine Zukunft am wenigsten den, Rabbiner zu werden, und wie er dazu bekehrt wurde, werde ich jetzt erzählen. „Ein Bäcker, ein Pächter, ein Fuhrmann!" sagte Mirjam eines Tages in ernstem Tone. „Darum hast du nicht deinen „guten Kopf" geerbt; noch hat der Ewige, gepriesen sei sein Name, ihn dir gegeben, damit du damit wackelst wie ein Hahn. Es steht geschrieben: „Die Vorlauten sind dem Herrn ein Greuel!" Du sollst bescheiden sein, denn die wahrhaft Grossen sind immer bescheiden, Schimmele, meine Perle, du hast es in dir wirklich, mit Gottes Hilfe gross zu werden. Ich sage dir, wenn du fleissig und gläubig sein wirst, kaufest du eines Tages der grössten Ehre teilhaftig werden, die einem Menschen auf dieser Erde teilhaftig werden kann. Möchtest du gerne Oberrabbiner sein V Schimmele sah gedankenvoll drein. „Was macht er, der Oberrabbiner?" fragte der Zweifler. „Was er macht? Er studiert. Früh morgens steht er auf und „lernt" und „lernt", und wenn man vor seinem Hause um 12 Uhr nachts vorübergeht, kann man ihn noch bei seiner brennenden Kerze in seinen dicken Büchern lesen sehen." , „Er studiert?" sagte Schimmele voller Zweifel. „Das ist das beste, was ein Mann tun kann, denn es steht geschrieben: „Wissen ist grösser als Priesterschaft und Königstum!" „Und was tut er sonst, der Oberrabbiner?" „Was sonst? Er schreibt gelehrte Bücher, und. wenn es irgendwo einen Streitfall gibt, kommen alle grossen Rabbiner zu iHm, damit er ihn schlichten soll, und was er sagt, ist, als ob es vom Himmel käme." Schimmele nickte beifällig mit dem Kopfe. „Und er predigt zum Volke," fuhr Mirjam fort, „und mahnt es vor Verderbnis, und selbst das härteste Herz fliesst über und ist erhoben, denn die Kraft seiner Rede ist gleich Manna, und die Worte seiner Lippen gleich Honig." Schimmeies Antlitz glänzte vor Befriedigung. „Und er ist frömmer und erfüllt das Gesetz mehr als alle anderen," setzte Mirjam feierlich fort, „und hält alle Feiertage und Fasttage. Habe ich dir nie von dem grossen Rabbi Jecheskel Landau erzählt? Möge uns der Himmel begnadigen, seinesgleichen zu sehen in diesen gottlosen Tagen. Mögest ihm gleichen, Schimmele!" „Und was hat er getan?" „Was er getan hat?" rief Mirjam, „wollte ich eine ganze Woche davon reden, ich könnte nicht alle guten und frommen Dinge erzählen, die er vollbracht hat. Er war erst dreissig Jahre alt, als die ganze Welt schon von seinem Ruhme voll war, und man ihn zum Grossrabbiner von Prag machte. Da es überall

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