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Die Welt · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · p. 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-01-23
Page
19 (sequence 3)
Language
German
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Nrv % Jftie # Wekir Seite 19 gottlose Menschen gibt, so hat es welche gegeben, die ihm seine Grösse geneidet lind versucht haben, ihn mit tiefen Fragen in die Enge zu treiben, aber er hatte für alle eine Antwort. Ich will dir ein Meinsele2) erzählen — eine bessere hast du nie gehört — wie er ihnen zuletzt gezeigt hat, was er war, und wie sie ihn dann in Ruhe gelassen haben. Eines Tages kamen zwei Männer lärmend zu ihm. Hilfe, Rabbi, Hilfe! Weh ist mir! schreit der eine. Dieser Mann ist ein Dieb, er hat alles gestohlen, was ich auf dieser Welt besitze, und mein Weih und meine Kinder werden jetzt Bettler sein. Mein Name ist Nissen (John und ich bin ein Kaufmann aus Polen und in Geschäften hergekommen. Alles ging, Gott sei Dank, sehr gut," bis eines Morgens, wie ich aufstehe, mein Beutel mit dem ganzen Gelde verschwunden ist. Ich laufe schnell zu dem. da, meinem Vermieter, und schrei:. „Chaim!" schrei ich, „wo ist mein Geld, meine tausend Dukaten?" Er schaut mich an und sagt: „Was hast du? Bist du betrunken oder verrückt? Was rufst du mich Chaim? Bin ich nicht Nissen Cohn, der Kaufmann, und du Chaim, mein Vermieter?" „Grosser Gott Israels!" schrei ich, „der Mann ist vollständig verrückt, und jetzt besteht er darauf* dass ich der Vermieter bin und dass er der Kaufmann ist, um Gottes willen., Rabbi, helft mir zu meinem Gelde oder mein. Weib und Kinder sind Bettler." Und jetzt begann der andere und erzählte dieselbe Geschichte, nur mit mehr Tränen und mehr Klagen. Der Rabbi wusste nicht, was tun. Er sprach gesondert zu jedem von den zweien, um ihre Herzen zu prüfen und zu erweichen, er sprach von Gottes Gesetz und Gottes Zorn, aber alles nützte nichts. Jeder schwor, er wäre Nissen Cohn, der Kaufmann, und der andere Chaim, der Vermieter. Der Rabbi schickte sie schliesslich weg und sagte ihnen, sie möchten den nächsten Tag kommen. Die ganze Nacht sass der Rabbi über seinen dicken Büchern und „lernte" und betete. Am anderen Mbrgen gebot er der Magd, die Männer, wenn sie kämen, so lange im Vorräume warten zu lassen, bis er sie rufen würde. Nun als sie kamen, tat die Magd, wie ihr aufgetragen war. Und während die Männer dräussen wartend sassen, hörten sie den Rabbi in seinem Zimmer lärmen und wie in grossem Zorne umhergehen. Plötzlich flog die Tür auf und er schrie heftig: „Der Vermieter soll zuerst hereinkommen."' Schnell erhob sieh dieser von seinem Sitz, besann sich zwar sofort, aber es war zu spät. Reb Jechaskel hatte jetzt den Ganef, und der Mann musste gestehen und dem Kaufmann sein Geld zurückgeben. Als die Leute hörten, was der Rabbi vollbracht hatte, waren sie alle stumm vor Verwunderung. Selbst die Neidischen sahen nun ein, dass Reh Jecheskel Landau ein Stück von Salomes Weisheit besass. Ei, Schimmele, was für ein MannJ was für ein Zadik, demütig und fein im Geiste trotz seiner Grösse, nicht wie die Verderbten von heute. Sie beten und fasten und schlagen sich an die Brust und den nächsten Tag sind sie so schlecht wie früher. Sie vergessen, was geschrieben steht, dass Nächstenliebe mehr ist als Gebete. Nein, er war nicht von dieser Art. Jeden Montag und Donnerstag fastete er, als ob Tischo be aw3) wäre, von Abend zu Abend, und nicht ein Bissen oder Tropfen kam über seine Lippen. Schimmele, Schimmele, wenn du doch dem grossen Reb Jecheskel Landau gleichen möchtest!" „Zweimal in der Woche fasten!" Schimmele liess in äusserster Bestürzung das Kinn sinken. „Aber er war ein mächtiger Mann," fuhr Mirjam fort, „stark an Leib wie an Geist, und wenn er seine Fasten beendet hatte, setzte er sich zu Tisch und ass — du würdest nie erraten, nicht, wenn du raten solltest, bis der Messias kommt, was er ass." „Was ass er, Babele?" „Einen ganzen gebratenen Truthahn." Schimmeies Gesicht klärte sich wie durch Zauber auf. „Einen ganzen gebratenen Truthahn?" hauchte er in Verzückung, und in seinen Augen glänzte ein gewaltiger Entschluss. „Babele," sagte er mit schneller Entschiedenheit, „ich werde schrecklich viel lernen — — ich will ein Oberrabbiner werden!" 2) Geschichte. - s) Festtag zur1 Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems. „Wenn wir Toten erwachen." Am Sonntag den 11. Jänner, abends halb acht Uhr, bestieg Irene Triesch, Schauspielerin am „Deutschen Theater" zu Berlin, das Podium des, Bechstein-Saales, um, vereint mit Herrn Marcel Salzer „Lyrische, epische und heroische Stellen" aus dem alten Testament vorzutragen. Ein weisses, faltenreiches Gewand umhüllte ihre Glieder, dasselbe Gewand, das sie als Heldin des Ibsen'schen Dramas „Wenn wir Toten erwachen" getragen, und sogleich drängte sich mir die Frage auf: Ist das Zufall oder Absicht? --Ich kann auch heute darüber nichts Sicheres aussagen, denn die Entscheidung liegt ja einzig und allein bei der. Schauspielerin, aber ich will es einmal so machen wie die Kommentatoren grosser Dichtwerke, die ja auch häufig den Autor in ihrer Weise auslegen, ohne zu wissen., ob er selbst mit der gegebenen Darstellung einverstanden gewesen wäre. Für nutzlos halte ich dieses Verfahren nicht, und ich berufe mich dabei auf keinen Geringeren als Goethe, der einmal geäussert hat, man erkläre nicht nur ein Gedicht, man erkläre auch an einem Gedicht. Ich nehme also an, Irene Triesch habe absichtlich «las Gewand ihrer Namensschwester taus Ibsens Drama getragen. Was konnte sie damit beabsichtigen? 'Wer sind die Toten, die zu neuem Leben erwachen, und was geschieht dann, wenn diese Toten erwachen? Ich will vorausschicken, dass Marcel Salzer die Vorlesung mit einigen Worten einleitete, die das Unternehmen motivieren sollten, und zwar damit, dass Irene Triesch und er in der Bibel das Werk des grössten Dichters erblickten. . Mit diesem „grössten Dichter" konnte niemand anders gemeint sein als der Geist des jüdischen Volkes, der nach langem Todesschlaf zu neuem Leben erweckt wird. ,.War dieser Geist denn tot?*' wird vielleicht mancher.-fragen. Ja, er war es — wenigstens als der bewusste Geist einer nationalen Kultur, der nicht nur einseitig ein religiöses Lehrgebäude geschaffen, sondern die höchsten Blüten menschlichen und künstlerischen Lebens erzeugt hat. . Der Gedanke, das alte Testament als Geschichte,. Sage und Poesie des jüdischen Volkes zu betrachten, ist kein neuer. Bereits vor mehr als hundert Jahren hat der deutsche Dichter-Philosoph Herder in seinem Werke ,,Voin Geiste der hebräischen Poesie" darauf hingewiesen. Vor ihm gab es nur die orthodoxe Auffassung der Bibel als einer direkten Offenbarung Gottes oder von Seiten der ..Aufgeklärten" ihr völliges Verwerfen als die bewusste Täuschung einiger Betrüger. Niemand ahnte etwas von den Träumen und Phantasien, von dem jauchzenden Glück und dem schluchzenden Leid des Volkes, das die Bibel geschaffen. Herder, dem feinen Nach empfinder fremder Individualitäten, war es vorbehalten, der Menschheit diese Entdeckung zu machen. Durch die meisten seiner Werke geht ein Zug von diesem nationalen Kosmopolitismus. Tn den „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit", in seinen ..Stimmen der Völker**, überall finden wir den Gedanken ausgesprochen, dass jedes Volk, ebenso wie jedes Individuum, seine Mission zu erfüllen habe, und dass die Harmonie der Menschheit nicht dadurch zustande komme, dass in* dem grossen Orchester alle Musikanten unisono spielen, sondern dadurch, dass jeder sein eigenes Instrument und seine eigene Stimme ertönen lasse. Nur der Zusammenhang des Verschiedenen ergibt eine Einheit, die nicht Monotonie wäre. Aber Herder ist heute fast vergessen. Kaum dass einige Literarhistoriker seine Werke gelesen haben, und so konnte es denn geschehen, dass ein Zeitungskritiker sein Urteil über den am Sonntag veranstalteten Abend zusammenfasste: „Ihr zum Teil, aber auch nur zum Teil gelungenes Bestreben ging dahin, uns zu zeig-en, dass sich aus der Bibel für ein mit allen Salben geriebenes Publikum wirksame Vortragsstücke und kloine Melodramen herausholen lassen." Und einem ähnlichen Urteile begegnete ich in den mir unabhängig von zwei Seiton c^tgegengerufenen Worten: „Die Bibel gehört nicht in den Konzertsaal." — Und "Sie das sagten, waren Zionisten. So tleT also wurzelt auch selbst in unseren Reihen noch das Vorurteil, als habe unsere Geschichte und Dichtung nichts mit „weltlichen Dingen" zu tun. Gewiss, das jüdische Volk ist ein Volk, das zum Transzendentalen neigt, das alles betrachtet und das sich auch im täglichen Leben in fortwährendem Zusammenhang mit dem Ewi gen weiss. Unsere Bitualgesetze geben dafür das beste Beispiel. Aber trotzdem müssen wir die Scheidung zwischen religiöser Lehre und menschlicher Poesie aufrecht erhalten. Denn was hat der glühende Liebesgesang des „Hohen Liedes", die träumerische Schönheit des ...Buches Ruth", die., durch das Weib geschwächte und dann, wieder erstarkte Heldengrösse Simsons und die ergreifende Erkennungsszene zwischen Josef und seinen Brüdern, was haben sie direkt mit Religion zu Um,, wenn nicht Religion in jedem grossen Werke der Kunst zutage tritt? Wir besitzen eine Literatur, auf die wir ein Recht haben, stolz zu sein, und an der auch andere Völker sich erheben können,

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