Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-23
- Page
- 17 (sequence 1)
- Language
- German
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Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wo Ifenslei n. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) IV. Schimmele wählt einen Beruf. Es gab einst ein unglückliches Geschöpf, das den übrigen Geschöpfen missfiel. Ohne Grand missfiel es ilmen und sie warfen es ins Gefängnis; an Händen und Füssen gebunden, gitterten sie es hinter eisernen Stäben ein und wollten es dort verderben lassen. Und nach vielen Jahren kamen gerechte Menschen, die die Bande dieses unglücklichen Geschöpfes lösten und seine Gefängnistore weit aufmachten. Das unglückliche Geschöpf kroch an das Licht des Tages, blickte mit trüben, geblendeten Augen in die fremde Welt, ohne sich zu rühren. Als seine Mitgeschöpfe es da sahen, riefen sie ihm in hochmütiger Verachtung zu: „Geh weg! Warum bleibst du jetzt hier, da du frei bist?" .„Weh mir." rief das unglückliche Geschöpf, „wohin soll ich gehen? Es gibt keinen Platz auf der Erde, wo ich meinen Kopf zur Ruhe legen könnte; dieses Gefängnis ist mein einziges Heim." "Und an den Gefängnistoren sank es hoffnungslos zu Boden. Und als dies die anderen Geschöpfe sahen, spien sie nach ihm und schmähten es. „Erhebe dich, Nichtswürdiger!" schrien sie. „Springe, tanze, du kriechst am Boden wie ein'Tier, und bist doch frei!" Das unglückliche Geschöpf erhob seine zitternde Stimme und rief: „Wie kann ich springen, wenn meine Glieder verkrüppelt sind, wie kann ich'tanzen, wenn die Wunden, welche die Fesseln geschlagen haben, bluten?"' Aber auch seine Stimme war in seinem Kerker schwach geworden; die anderen Geschöpfe gingen vorbei und hörten sie nicht. „Ein verächtliches Geschöpf,"' sagten sie, und hoben voll Widerwillen ihre Gewänder, um sich nicht durch Berührung zu beschmutzen. Wahr und schmerzlich ist diese Geschichte, und der Name des unglücklichen Geschöpfes ist Israel, und die anderen Geschöpfe sinet die christlichen Völker. Zwanzigmal hundert Jahre hat Israel in Banden geschmachtet. Doch die Welt schmäht es, weil es noch das Mal seines Gefängnisses trägt, die Wunden von seinen Fesseln noch nicht vernarbt sind. Zwanzigmal hundert Jahre ist Israel durch alle christlichen Länder der Erde gejagt worden. Und doch verachten es alle, weil es sich noch zitternd krümmt. Zwanzigrnal hundert Jahre war Israel von jedem ehrbaren Geschäfte und Berufe ausgeschlossen, und doch haben sie das Herz, es gering zu schätzen, weil es mit schreiender Stimme mit Hasenfullen handelt? Nicht ein Fuss breit Erde durfte Israel sein eigen nennen und doch wirft man ihm vor, dass es den Boden nicht bebaut. Das Recht zu essen und zu trinken, das Recht zu Gott zu beten, das Recht zu lernen, das Recht zu heiraten und Kinder zu gebären, ja selbst das Recht zu leben und zu atmen musste Israel mühselig durch Jahrhunderte mit Gold erwerben. Verdamme es. wer es wagt, dass es das Geld liebt! Wenn in den Tagen von Schimmeies Kindheit ein Knabe von der Gass' sich seinem 13. Lebensjahre näherte, konnte man Öfters die Gesichter seiner Eltern sorgenvoll gefaltet sehen und sie sagen hören: „Es ist Zeit, dass er ins Geschäft kommt." Mit dem jungen Christof war es anders. Er stampfte vor Freude mit den Füssen, Hess seine junge Kraft in der Stimme austoben und rief: „Ich soll ein Sehmied oder Tischler werden, oder vielleicht Beamter oder Professor." Aber was konnte Mosche werden? Er hatte nur geringe Auswahl. Hatte er Neigung zu manueller Arbeit, so konnte er bei einigem Glück, wenn die Plätze nicht schon zu sehr überfüllt waren, für die Gass' alte Kleider oder Schuhe flicken, oder die zerbrochenen Schlösser ausbessern. Wenn aber sein Ehrgeiz höher hinaus wollte, sagen wir z. B. zur Herrlichkeit eines Maurers, dann würde sein Vater in Zorn ausrufen: „Narr, bist du verrückt? Seit wann wird man einen Juden in solch ein Geschäft oder ein Handwerk in die Lehre nehmen?" Nein, ein Knabe in der Gass' hatte keine Wahl. Mit einem schweren Pack auf dem Rücken, von trockenem Brote lebend, wanderte er durchs Land und handelte bei den Bauern ein wenig Flachs, eine Handvoll Borsten ein, oder er stand auf den Märkten, schmachtete in der Hitze und fror in der Kälte, indem er sein bissehen Ware ausbot. Eine Ausnahme gab es: wenn der- Knabe sich zu einem „guten Kopf" entwickelte, dann war das ..Lernen" das Ziel, und hiess es: „Wir haben kein Fleisch!", dann war die Antwort: „Nu, wir werden Brot essen." „Wir haben kein Kleid!"' „Nu, wir werden frieren. Unser Jüngel wird aber ein Rabbi sein!" Wenn sein Streben sich der Medizin., der Gesetzeskunde oder sonst einer Wissenschaft zuwandte, dann versetzten sie oft die Betten, auf denen sie schliefen, um dem Sohne nur das Studium zu ermöglichen. Sie waren stolz auf ihn, mussten aber auch oft verzweifelt die Hände ringen, denn nur zu oft war der hönere Beruf Ursache des Abfalles vom Glauben der Väter. Mirjam stammte aus einem Geschlechte von Rabbinern, frommen und rechtschaffenen Männern, die mit Liebe und Freude in Glück imd Missgeschiek der Lehre gedient hatten, und es bereitete ihr aufrichtigen Kummer, dass die lange Reihe von Gelehrten zu Ende zu sein schien. Ihr einziger Bruder hatte sich infolge widerwärtiger Umstände dem Handel zugewendet, und das Erbe des „eisernen Kopfes" war auf Mirjam gefallen. In der Schule ihres Vaters, des Rabbi, hatte sie mit den Jungen studiert und als sie noch ein junges Mädchen war. sagten die Leute von ihr. sie sei ein ganzer Maggid.1) Zu einer Zeit, da das Lesen in irgend einer Sprache, ausser in der heiligen, im kleinen, versteckten Dorfe als beinahe gotteslästerlich angesehen wurde, ging sie mit einem deutschen Buche herum, das sie in ihrer Schürze eingebunden hatte. Es trug den verwünschten Namen Moses Mendelssohns auf dem Titel. Abei- Mirjam war nur eine Frau, und ihre Gelehrsamkeit zierte sie bloss, wie ein süsser Duft eine Blume ziert. Sie fesselte den jungen Talmudjünger Oha im Prager an sich und die Heirat mit ihm glich einigermassen das Versehen ihrer Verwandtschaft aus. Doch welchen Nutzen hat Gelehrsamkeit in den Verwüstungen des Krieges, und kann man von der Kunst, zu disputieren, Brot kaufen? Napoleon erschien am Horizont und Chaims kleines väterliches Erbteil und Mirjams kleine Mitgift zerstoben nach allen vier Himmelsrichtungen, wie. ein leichtes Schneegestöber hei einem Windstoss. Chaim musste sich von seinem dicken Folianten erheben und mit einem schweren Sack Flachs auf seinem Rücken im Lande umherwandern. Dann hatte Mirjam auf ihre Söhne die Hoffnung gesetzt, aber Jossef der Aeltere liebte seine dicken gut gebundenen Talmurtbände nur insoweit, als er damit Kraftproben anstellen konnte. Er zog es vor. in der Spinnerei zu arbeiten, wo es ihm Vergnügen machte, die grossen rauhen Flachsballen aufzuspannen und tlurchzuschleudern. J) Gelehrter.