Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (23.1.1903)
- Article
- Ein Schulfall
- Date
- 1903-01-23
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316021-3328030--36978-3328145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 „Die £ Welt'* •ifr^4 Siedlung eines rumänischen Auswanderers sei in Ungarn durch einen eigenen Polizeidienst unmöglich gemacht. — Also hat sich endlich auch Ungarn die Paragraphe angeschafft, mit denen sich ein moderner Staat den Juden vom Leibe hält. Wer vergessen hat, die paar Tausender einzustecken, die er gemäss der Vorlage vorweisen muss, tut gut daran, an den ungarischen Liberalismus zu vergessen. Und hat er das Geld schon, dann mag er aufpassen, dass nicht irgend ein öffentliches Organ unzufrieden wird. Man wird der öffentlichen Ordnung leicht gefährlich, wenn man seine Judensteuer nicht in Ordnung entrichtet. „Man muss zeigen, dass Kerker und Galgen der Einwanderer warten, die mit Tendenzen zu uns kommen, wie die galizischen Einwanderer," sagte ein Antisemit. — Die Kinder, sie hören es gerne. Die ungarischen Antisemiten werden immer stärker an Zahl. Sie werden mit Lust und Liebe die Wache beziehen, die in fast allen europäischen Staaten gegen die Juden errichtet wurde. Strenge bewacht ist die ewige dichte Prozession des Unglücks, deren Spitzen in Hamburg und Havre, deren Ursprung an der Wolga und Weichsel ist. Es wird peinlich darauf geachtet, dass keine Stockung, kein Aufenthalt in irgend einem Teile eintritt. Die Staaten lasssen sich den Bevölkerungszuwachs durch Arier etwas kosten, weit mehr aber noch, den Bevölkerungszuwachs durch Juden zu hindern. Der Polizeichef jeder Stadt 'ist der Chef der jüdischen Ankömmlinge, sofern sie fremd und arm sind, jener Verbrecher, die in ihrer östlichen Heimat durchaus nicht verhungern wollen. In den konstitutionellen Staaten geniessen die einwandernden Juden Freizügigkeit — über die Grenze. Und wenn die wenigen offenen Länder — das Schicksal bewahre uns in Gnaden — auch noch gesperrt werden? Was dann? Wird alles Geld der „Ica" oder der „Alliance" den Hungertyphus bezwingen können, der unter den Luftmenschen der überfüllten östlichen Ghettis wüten wird? In den Ghettis, die sich mit der Entlastung durch die Auswanderung und mit der späteren kleinen, aber merklichen Hilfe der Ausgewanderten an der Grenze der Existenzmöglichkeit halten! Wir konstatieren im Falle Üngarn eine neue traurige Bestätigung zweier fundamentaler volkswirtschaftlicher Gründe des Zionismus: den allgemeinen Niedergang unserer Lage und das Erwachen von Massregeln gegen die Juden in einem Lande, das den Sättigungspunkt überschritten hat. Ungarn war einst sehr, sehr freiheitlich. Wenige Länder sind es noch heute. Unsere Gegner, auch Freunde, geben unserer Schwarzseherei oft unrecht, das Schicksal der Juden leider nicht. —y# Das Wesen der jüdischen Nationalität. Von Dr. phil. Isaak Mirkin (Wilna). I. Noch vor hundert Jahren war eine Frage wie die folgende: Was ist Judentum? Wodurch ist man Nationaljude? so unverständlich, dass man nur ein vielsagendes Kopfschütteln für einen solchen Frager hätte. Die Juden, wie die Menschen überhaupt, waren damals im allgemeinen noch zu wenig im abstrakten Denken geübt, um selbst über die unmittelbarsten Tatsachen innerer Erfahrung wie über äussere, ferne Objekte Betrachtungen anzustellen Sie waren noch nicht so sehr differenziert, um nicht ihr innerstes Selbst mit allen seinen Gedanken, Gefühlen und Willensäusserungen als ein abgerundetes, geschlossenes Ganzes hinzunehmen. Der heut ige, Jude aber, als moderner, fein differenzierter, psychologisch denkender Mensch^kann selbst sein tiefinnerstes Seelenleben nicht mehr als eine letzte, nicht mehr zu trennende einzige Tatsache ansehen. Er wird vielmehr sein seelisches Ich gleichsam wie mit einem geistigen Seziermesser erst in kleinste Teile zerlegen, um sie dann unter dem Mikroskop eines verfenierten Denkens einzeln und in ihrem Zusammenhang untereinander und in ihrem Verhältnise zu äusseren Faktoren zu betrachten. Wenn es daher dem ehemaligen Juden noch gar nicht einfiel, das Menschliche und das Jüdische in seinem geistigen Ich zu unterscheiden und sein ganzes psychisches Dasein sich ihm in dem Worte: Ich bin Jude, erschöpfte; ist der moderne Jude wohl gewohnt, sich selbst von zwei Seiten zu betrachten, von der rein menschlichen und von der jüdischen. Wenn früher der Jude daher gar keiner besonderen Definition für sein Judentum oder sein Judensein bedurfte, so bedarf der moderne Jude wohl einer solchen. Es wäre aber unrichtig, wenn wir den Grund dieser Veränderung bloss in der feineren Differenzierung des modernen Menschen überhaupt suchen wollten. Bedeutende historische Ereignisse des verflossenen Jahrhunderts, die für die Geschicke des jüdischen Volkes von den durchgreifendsten Wirkungen waren und die in manchen Ländern die Lebensweise der Juden von Grund aus umgestaltet haben, trugen das ihrige und vielleicht das meiste zu dieser Veränderung bei. Die mannigfachen Bestrebungen der Judenemanzipation und die teilweise Durchführung derselben in westeuropäischen Ländern mussten in dem Juden ein scharf ausgesprochenes Bewusstsein als Mensch und Bürger hervorrufen. Und wenn auch logischerweise eine Schwächung des jüdischen Selbstbewusstseins nicht unbedingt die Folge davon zu sein brauchte, so musste doch durch die fortwährende Betonung der menschlichen und bürgerlichen Seite eine Trennung im Ich-Bewusstsein hervorgerufen werden und damit im eigenen Ich dem früher ungetrennten Bewusstsein, das sich in dem Satze: Ich bin Jude, aussprach, ein gefährlicher Konkurrent erstehen. Und wirklich sehen wir auch, dass mit den Emahzipationsbestrebungen einerseits und mit der Zunahme der Differenzierung der menschlichen Natur andererseits verschiedene Definitionen des Judentums aufzutauchen beginnen. Es bestehen zum Beispiel in Deutschland seit jener Zeit drei Auffassungen des Judentums, die durch die Namen dreier allgemein bekannt gewordener Männer sich am besten kennzeichnen lassen. Es sind Moses Hess, Holdheim und Samson Eaphael Hirsch. Für den ersten ist das Wesentliche des Judentums die jüdische Nationalität, der zweite will das Judentum auf eine allgemein-abstrakte religiöse Weltanschauung reduzieren, für den letzten ist das Judentum die national-traditionelle jüdische Religion. Natürlich berücksichtigen wir hier nicht die mannigfachen Behauptungen und Aeusserungen dieser Männer, oder ihrer früheren oder späteren Parteigänger über das Judentum, sondern greifen die Grundanschauung heraus, die in der Konsequenz ihrer Bestrebungen liegt. Diese drei Auffassungen des Judentums bestehen noch heute und bringen Trennung und Spaltung in die Reihen des jüdischen Volkes. Wir wollen nun untersuchen, welche und ob überhaupt eine von ihnen einer wissenschaftlichen Untersuchung Stand halten kann. IL Die Goldheim-reformatorische Ansicht, das Judentum sei bloss eine allgemein-abstrakte religiöse Weltanschauung, kann überhaupt nicht als eine wissenschaftliche Auffassung des Judentums, sondern nur als eine politische Bestrebung innerhalb des Judentums betrachtet werden. Denn solange die Juden durch gemeinsame Abstammung