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Die Welt · 1903-01-23 · 4 (23.1.1903) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (23.1.1903)
Article
Ein Schulfall
Date
1903-01-23
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuserlpfe nicht zurückgesendet. Preist der Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Dez Inseratenthefl wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Sprechstunden der Redaction täglich von 7J2—7J Uhr! Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 4. Wien, 23. Jänner 1903 — 24. Tebeth 5663. 7.. lahrgang Ein Schulfall. Unsere Inlandspolitiker versprechen uns schon lange das Wiedererwachen des Freisinns. Jetzt gerade wäre die beste Gelegenheit, dass er zu uns kommt; denn aus Ungarn ist er gerade fort. Selbst die allerbescheidensteh Ansprüche können die Vorläge nicht liberal finden, die vor wenigen Tagen im ungarischen Abgeordnetenhause Gesetz wurde und die lautet : „Wer sich in Ungarn ansässig machen will, muss seine Absicht 15 Tage nach der Ankunft anmelden, sich über Identität, Staatszugehörigkeit und moralisches Vorleben dokumentieren, in jedem Falle aber durch Vorweis von Mitteln nachweisen, dass er imstande ist, sich und seine Familie ständig zu ernähren. Kann er das nicht oder „scheint sein Aufenthalt für die öffentliche Ordnung und Sicherheit bedenkliehV so kann er von der Polizei ohne Weiteres, auch nachdem er sich ansässig gemacht hat, ausgewiesen werden." Die Rednerliste über diese Vorlage zeigte uns schon, wen letztere angeht — es sprachen die Antisemiten und ein Jude — auch wenn der Ministerpräsident nicht gesagt hätte: „Der Effekt dieser Vorlage richtet sich gegen das Hereinströmen gewisser galizischer und russischer, in dem nordöstlichen Teile Ungarns vagierender, noch immer als ausländisch und fremd erachteter Elemente, nicht deshalb, weil sie Juden sind, sondern weil sie nicht hierher gehören, weil sie im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und nationalen Leben verdächtige Elemente sind, die abgestossen Vierden müssen," Der Ministerpräsident, der das sägte, heisst nicht Stourdza, sondern Szell Er hat in einem Atem den ungarländischen Juden die beruhigende Versicherung gegeben, dass noch immer alle patriotischen Ungarn jedes Glaubens Mitbürger seien. Das wareil goldene Worte — in der Wirkung; man denke an die nächsten Wahlkosten der ungarischen Regierungspartei. Und warum sollte letztere ihren allzeit getreuen politischen Hausjuden, den von den Nichtungarn so bitter gehassten Vorkämpfern der Magyarisierung, diesen willigen Zahlern mit ihren Rabbinern in Attila und Gzismen, nicht einen liberalen Brocken hinwerfen? Der Premier der „ritterlichen Nation" sprach weder geistreich noch tapfer, als er den Flüchtlingen aus dem jüdischen Hungergebiet unbeweisbare Eigen* schatten andichtete. In England und Amerika, wo man diese Unglücklichen schon lange kennt, haben sie von hervorragenden Männern die beste Kritik ihrer bürgerlichen Eigenschaften bekommen. Bei der Donauregulierung in Wien, bei den Schleppschiffen von Havre, in den Bergwerken von Kanada gehen sie keuchend, aber zufrieden ihrem Brote nach. Ihre besondere Gefährlichkeit für Ungarn dürfte die Gefährlichkeit für die Nerven des Herrn Ministerpräsidenten sein, der in jedem Satze seiner unverbindlichen Rede seinen Liberalismus betonte, in jedem Satze der rechtsverbindlichen Vorlage ihn widerlegte. Die Debatte nahm den althergebrachten Verlauf der Wechselgespräche über Antisemitismus. Den Antisemiten — ungarisches Konkurrenzfabrikat, allen fremdländischen Erzeugnissen ebenbürtig — war alle Judenfeindschaft zu wenig; der einzige Jude, dem es nipht die Rede verschlagen hatte, Visontai, machte sich, wie die meisten freisinnigen Juden, verächtlich. Er gibt die Berechtigung des Antisemitismus teilweise zu, lehnt jede Gemeinschaft mit den Betroffenen ab und weist auf die schönen Juden hin, die er ausgenommen wissen will. Auch Visontai hat die jüdischen Einwanderer als moralisch minderwertig bezeichnet! Es wäre sehr interessant zu erfahren, wann und wie der geehrte Herr nach Ungarn gekommen ist!? Visontai s* von allen Blättern mit Pomp angekündigte Interpellation über die rumänischen Juden hat eine überraschende Antwort gefunden. Er interpelliert die Regierung um Intervention in Rumänien zwecks Duldung der Juden, hat aber die Stirne, als Begründung die Schädigung der Sicherheit in Ungarn seitens der Flüchtlinge anzuführen. Und nun zerstört Szell den letzten Schluss. der Weisheit der Assimilanten, die staatliche Intervention für die rumänischen Juden ersehnt: Rumänien, sagt Redner, hat sich dem Berliner Vertrage nicht widersetzt, sondern sich demselben angepasst. Auf jeden Fall werde er sich in eine innere Angelegenheit dieses Landes nicht einmischen. Beruhigen könne er den Interpellanten, denn die An-

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