Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-16
- Page
- 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. -3 »Die & "Welte* Seite 19 wirst es schon herausfinden! Aber das sag' ich dir, es war einmal einer, der es getan hat, und wie man ihn gefunden hat, war er tot, und geisterhafte Fingerzeichen waren auf seinem Halse zu sehen. Jetzt geh und denk daran!" „Habt ihr die Zeichen der Finger selbst gesehen?" fragte Schimmele schwer atmend, aber die Türe wurde vor seiner Nase heftig zugeschlagen. ..Es war eine finstere, windige Nacht. Die Synagoge sah schwarz und unheimlich aus, und durch die Türe drang leises Stöhnen. Etwas klopfte gespenstisch an das Fenster, wie um ihm das Eintreten zu verbieten. Schinunele stand mit hochklopfendem Herzen still. „Ich möchte aber doch so gerne den Geist eines Toten sehen," dachte er. Er versuchte durch das Schlüsselloch zu schauen, aber sein Blick konnte die dichte Finsternis nicht durchdringen. Er legte sein Ohr an eine Ritze. Ein kalter Luftzug blies ihn an. Er strengte seine Augen an, aber sie schienen wie eingeschlossen in einer Mauer fürchterlicher Finsternis. Er machte einen Schritt; seine Schuhe knarrten schrecklich. Er hätte gerne geschrien, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. „O weh, ich bin stumm geworden/* dachte er. Ein Windstoss erschütterte die Fenster, Das Aechzen kam auf einmal von allen Seiten. Schimmele strengte seine Augen in äusserstem Schrecken an, aber kein Lichtstrahl durchdrang die Finsternis. „Ich muss zweimal geschaut haben, weh, weh, ich bin blind geworden!" ,Ich werde meine Kerze anzünden, damit ich es sicher weiss," war sein ruhigerer zweiter Gedanke. Die Kerze war auf den Boden gefallen, und er kniete nieder, um sie zu suchen. Die Ecke einer Bank ist hart und Schimmeies Kopf war zart, und als diese zwei sich mit einem kräftigen Puff trafen. Aus dem „Roeznik zydowsky" (Len „Eisak sagte, der Mann sei tot gefunden worden. Er war ein Narr; er hat dreimal hingesehen," spintisierte Schimmele. „Ich werde gerade nur einen kleinen Blick tun und davonlaufen," beschwätzte ihn seine Neugierde. „Dann — dann werde ich stumm werden," urteilte sein« Logik. „Dann — dann brauche ich keine Gebete mehr zu sagen," fiel ihm ein. Er zündete seine Kerze in einem Winkel an, dann drehte er behutsam das Schloss, dessen rostigen Schlüssel er früher mit der glatten Gransfeder bestrichen hatte, damit er nicht durch sein Knarren die Geister verscheuche. Die Tür flog auf. Mit einem Schwünge stürzte Schimmele in den Raum. Puff! Die Kerze verlöschte. Krach! Die Tür flog wieder zu. Er stand still und hielt den Atem an. Etwas in ihm schlug wie ein Hammer. Ein leises Aechzen war hörbar, sonst war alles ruhig. borg). „Jan SJyka: Prophetin Haida", schrie Schimmele auf: „O!" Das brach den Zauber. Sein Herz hüpfte freudig. „Aha, also bin ich nicht stumm!" Eben jetzt fiel das Licht von der Laterne des Schammes durch die Fenster. Da lächelte Schimmele hochmütig und Spott sass in jedem seiner Grübchen. Am Morgen beim Frühstück,, während er das Brot in seine heisse Suppe tauchte, verblüffte er seine Grossmutter durch die Frage: „Wer hat dir von den Geistern der Toten in der Schul' erzählt?" „Wai geschrien!" rief Mirjam, „das Jüngel ist schon ganz verrückt mit seinen Geistern!" „Aber wer hat dir davon erzählt?" „Sei nun still, Schimmele; es ist gar nicht gut für ein Kind, so viel zu fragen." „Aber, bitte, Babele, wer hat es dir erzählt?" „Wer soll es mir erzählt haben? Jeder weiss es!f< „Wer aber hat es jedem erzählt?"